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Spanien nach dem EM-Sieg : Die Nation ist rund

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Die spanische Nationalelf hat der gespaltenen Nation ein Gefühl der Einheit gegeben. Damit hat der Fußball geschafft, was die durch ihr iberisches Stammeslabyrinth irrenden Politiker nur selten vermögen.

          3 Min.

          Das Spiel begann wie immer mit elf stummen Spaniern. Weil sie keinen Text zur ihrer Nationalhymne haben - alle früheren Fassungen sind diskreditiert -, konnte niemand mitsingen. Als es aber vorbei war, erlebte ein oft allzu selbstzweiflerisches Land einen erfrischenden Augenblick der Leichtigkeit des Seins. Der Fußball hatte geschafft, was die durch ihr iberisches Stammeslabyrinth irrenden Politiker nur selten vermögen: ein intaktes Gefühl der Einheit ohne verdächtigen Beigeschmack zu vermitteln.

          Spanien ähnelt dem ihm bei diesem Turnier unterlegenen Deutschland in einem Punkt sehr: Das Nationalbewusstsein ist aus vielerlei Gründen angekränkelt. Trotz einer schon gut dreißig Jahre währenden demokratischen und wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte wirken die Komplexe aus den Zeiten der Isolation hinter den Pyrenäen und der grauen Franco-Diktatur noch nach. Immer wieder heben auch im modernen Staat die „zwei Spanien“ der Rechten und der Linken das Haupt. Daneben zerren die Zentrifugalkräfte der regionalen Separatisten am Zusammenhalt.

          Euphorie auch im Baskenland und in Katalonien

          Als aber der Pokal von einer echten „Mannschaft“ gewonnen war, die obendrein in ihrer Vielfalt selbst ein Spiegel des facettenreichen Spaniens ist, wurde auch an den Peripherien gefeiert. Die Einschaltquoten des Fernsehens waren im Baskenland und in Katalonien nicht viel niedriger als im Rest des Landes. Und wenn die kleinliche Stadtverwaltung von Barcelona sich nicht in einem Anfall lokaler politischer Korrektheit geweigert hätte, Großbildschirme aufzustellen, wären die patriotischen Feiern auch auf den Ramblas noch üppiger ausgefallen.

          Madrid, Hauptstadt und zugleich offenste Stadt Spaniens, war das Epizentrum der nationalen Fiesta. Der Kolumbus-Platz verwandelte sich in den Wochen der Europameisterschaft mit der Trikot-Signalfarbe in einen „Roten Platz“ heiterer Leidenschaftlichkeit. Die sporadischen Scherben und Schlägereien einer Minderheit von Fußballrabauken hielten sich deutlich unter dem europäischen Durchschnitt. Auch das kann als zivilisatorische Leistung verbucht werden.

          Es war wie so häufig König Juan Carlos, der als Integrationsfigur und erster Fan noch in Wien den richtigen Ton fand: „Ich freue mich für die Jungs, für das Team und für Spanien.“ Da dachte so mancher seiner Landsleute, dass diese parlamentarische Monarchie, vertreten durch einen sympathischen Bourbonen und elf elegant, intelligent und kraftvoll aufspielende Männer in kurzen Hosen, wohl nicht die schlechteste aller Welten sei.

          Sieg Balsam für die iberische Seele

          Dass das Land der „guten Europäer“, welches dem vereinten Europa so viel verdankt, nun 44 Jahre nach einem Sieg über die Sowjetunion wieder an die kontinentale Fußballspitze gelangte, war Balsam für die Seele. Zugleich war es ein Zeichen dafür, dass das Spanien einer neuen Generation dabei ist, alte Minderwertigkeitsgefühle abzustreifen und den Respekt zu verlangen, den seine Leistung verdient. Die neuen Europameister sind nicht nur stolz darauf, ihre italienische Nemesis im Viertelfinale besiegt, sondern auch den mediterranen Nachbarn inzwischen beim Bruttoinlandsprodukt „überholt“ zu haben. Ausdruck gestärkten Selbstbewusstseins ist ferner das Begehren, doch lieber heute als morgen zu den „großen acht“ der führenden Wirtschaftsnationen gezählt zu werden.

          Im Sport haben neben den Kickern noch andere Spanien auf die Weltkarte gesetzt: der Basketballspieler Pau Gasol (Katalane), der Tennisspieler Rafael Nadal (Mallorquiner) oder der Rennfahrer Fernando Alonso (Asturier). Sie wurden dabei zu Sinnbildern für nicht gerade als typisch spanisch geltende Eigenschaften wie kämpferischen Einsatz, Durchsetzungsvermögen, Siegeswillen und unbändige Zuversicht. Alles zusammen demonstrierte eine Elf, die sich diesmal nicht von der Erinnerung an frühere Fehlschläge verhexen ließ, auf beispielhafte Weise.

          Platz für Selbstironie

          So war am Montag bei allem fröhlichen Überschwang sogar Platz für Selbstironie, wenn in einer nationalen Bierreklame gewitzelt wurde: „Man sagt, wir seien etwas kurz geraten, aber wir haben Giganten geschlagen.“ Das man ausgerechnet die Deutschen besiegt hatte, war eine besondere Feder am Hut. Dabei haben die Spanier nichts gegen uns, außer der manchmal widerwilligen Bewunderung für einen hier noch legendären Perfektionismus. Doch inzwischen müssen sie sich schon selbst - von Portugal bis Griechenland - wegen ihres wirtschaftlichen Aufstiegs und ihrer unerwartet tüchtigen Selbstbehauptung in einem neuen globalisierten Umfeld als „Germanen des Südens“ bezeichnen lassen.

          Von außen gesehen, können die Spanier inzwischen fast überall mithalten. Auch die Ankündigung des sozialistischen Ministerpräsidenten Zapatero, dass man - nach Italien - demnächst Frankreich überholen werde, ist keine reine Großsprecherei. Die Probleme, welche die Spanier haben, haben sie vorwiegend mit sich selbst. Die Gefahr eines Auseinanderbrechens ist indes seit der letzten Wahl geringer geworden. Da wurden die Flügel der Separatisten gestutzt. Und nun hat sie wenigstens für ein paar Tage eine stumme Nationalmannschaft ins Abseits gestellt.

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