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Schweiz-Trainer Kuhn im Gespräch : „Eine ehrenvolle Niederlage genügt uns nicht mehr“

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Keine einfachen Tage für Trainer Jakob Kuhn - privat und beruflich Bild: REUTERS

Der Schweizer Trainer Jakob „Köbi“ Kuhn steht unter besonderer Belastung, denn kurz vor dem EM-Start erkrankte seine Frau schwer. An diesem Samstag trifft die Schweiz zum Turnierauftakt auf Tschechien. Zuvor spricht Kuhn über unschlagbare Symbolik, Titelambitionen und das deutsche „Sommermärchen“.

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          Jakob „Köbi“ Kuhn sieht sich als „absoluter Verfechter eines optimistischen Fußballs“. Der 64 Jahre alte Trainer, früher selbst Nationalspieler, ist seit 2001 Trainer der Schweizer Fußball-Nationalmannschaft. Sein Vertrag endet mit der Europameisterschaft, dann folgt ihm Ottmar Hitzfeld. In diesen Tagen steht der Zürcher Kuhn unter besonderer Belastung, denn kurz vor dem EM-Start erkrankte seine Frau schwer. Im EM-Auftaktspiel an diesem Samstag trifft die Schweiz in Basel auf die Tschechische Republik (18 Uhr / Live im ZDF und im FAZ.NET-Liveticker). Zuvor spricht Trainer „Köbi“ Kuhn über unschlagbare Symbolik, Titelambitionen und das deutsche „Sommermärchen“.

          Auf welche Gipfel haben Sie sich schon gewagt?

          Ich lebe zwar in einem Land mit Bergen, aber ich bin kein Bergsteiger. Das höchste meiner Gefühle sind so dreieinhalbtausend Meter, also wo man auch mit der Bahn hinkommt.

          Ihr deutscher Kollege Joachim Löw hat schon den Kilimandscharo bestiegen und kürzlich sein EM-Aufgebot auf der Zugspitze vorgestellt. Ist das nicht eine unschlagbare Symbolik?

          Es hat wirklich eine starke Symbolik. Man will an die Spitze, im Fall von Deutschland an der Spitze bleiben. Ich denke, dass solche Dinge auch wichtig sind. Dass sie verstanden werden von den Spielern, aber auch dass sie wirksam präsentiert werden müssen.

          Bergtour auf der Zugspitze, Trainingslager als Casting - in Deutschland inszeniert man die EM als Medienspektakel nach den Gesetzen der Fernsehunterhaltung. Was hätte man in der Schweiz dazu gesagt?

          Ich finde die Idee phantastisch. Ich hätte keine Bedenken gehabt, aufs Jungfraujoch zu fahren oder wohin auch immer und das dort oben medienwirksam zu machen. Nur: Bei uns in der Schweiz ist man diesbezüglich vielleicht etwas kritischer, da sagt man schnell: Das passt nicht zu uns. Unser Inferioritätskomplex kommt dann und wann durch - den die Spieler überhaupt nicht mehr haben. Aber es ist natürlich schon die Begrenztheit und die Kleinheit vorhanden. Da sagt man schnell einmal: Das gebührt sich nicht.

          Die Schweiz hat sich auch ein Motto für die EM gegeben: Once in a lifetime. Wie füllen Sie das mit Leben?

          Das ist ja keine Erfindung von mir. Aber es ist für uns alle klar: Es wird einen solchen Anlass in der Schweiz zumindest zu meinen Lebzeiten und wahrscheinlich auch denen der jüngeren Generation nicht mehr geben. Wir haben das Privileg, vor den eigenen Zuschauern zu spielen. Deren Zuneigung zu gewinnen ist eigentlich das Höchste, was wir erreichen können und wollen. Es geht ja nicht um Geld oder ich weiß nicht was. Ich sage immer: Wir müssen unseren Zuschauern ein Geschenk machen.

          So idealistisch denkt der Schweizer Spieler in der durchprofessionalisierten Fußballwelt?

          Praktisch alle spielen in den großen Ligen - und trotzdem dürfen sie nicht vergessen: Sie spielen für die Schweiz. Wir sind nicht der Nabel der Fußballwelt. Was so ein Turnier für uns bedeutet, heißt nicht, dass es für einen deutschen Spieler dasselbe bedeutet. Für uns bedeutet es etwas, einmal im Leben einen solchen Anlass mitzugestalten. Wir werden zum Mitgestalter von Freude und Enttäuschung. Das sind Dinge, die uns berühren.

          Die Schweiz hat uns überrascht, als sie forsch den EM-Titel als Ziel ausgegeben hat - haben Sie das schon bereut?

          Vor über fünf Jahren habe ich zu Händen des Präsidiums ein Strategiepapier entwickelt, in dem ich auf zehn Seiten den Weg unserer Mannschaft aufgezeichnet habe. Ich habe dem Papier den Titel gegeben „Europameister 2008“ - es war ein Arbeitstitel, der irgendwie an die Öffentlichkeit geraten ist. Aber wir leben gut damit. Auch weil es Beispiele gibt, die ähnlich gelagert sind: Griechenland in Portugal (2004), Dänemark in Schweden (1992). Es musste damals auch etwas Bewegung in unseren Fußball kommen, wir kamen aus einer Lethargie. Und es hat uns sicher gutgetan. Ich kann heute dieses Papier nehmen und sagen: 95 Prozent davon kann ich mit ruhigem Gewissen anschauen und sagen: Da hast du wirklich gut gelegen.

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