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Russland hofft auf Andrej Arschawin : Der erste Auftritt des letzten EM-Stars

  • -Aktualisiert am

Der Mann mit der Modelinie: Andrej Arschawin Bild: dpa

Er kommt spät, aber vielleicht noch gerade rechtzeitig: Andrej Arschawin betritt im entscheidenden Gruppenspiel der russischen Mannschaft gegen Schweden als letzter Star der Europameisterschaft die große Fußballbühne.

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          Er kommt spät, aber vielleicht noch gerade rechtzeitig: Andrej Arschawin betritt an diesem Mittwoch als letzter Star der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz die große Fußballbühne. Oder doch nicht? Guus Hiddink, der holländische Trainer der russischen Nationalmannschaft, hat vorher ein Geheimnis daraus gemacht, ob Russlands schillerndster Angreifer im Duell mit Schweden um den zweiten Platz in der Gruppe D zum Zug kommt. „Ich weiß nicht, ob er spielt“, sagte Hiddink, „er hat nicht viele Spiele in den vergangenen Wochen gemacht.“

          Den Luxus, einen wie ihn zunächst draußen zu lassen, wird sich der Trainer vermutlich nicht leisten. Schließlich geht es im Innsbrucker Tivoli-Stadion um den Aufstieg ins EM-Viertelfinale. Dazu braucht Russland Tore. Tatsächlich hat die Sbornaja ohne Arschawin erst zwei Treffer bei diesem Turnier erzielt. Mit ihm wächst die Wahrscheinlichkeit von mehr Durchschlagskraft in vorderster Reihe erheblich, da Arschawin neben seinem Kompagnon Pawel Pogrebnjak Tor um Tor für Meister Zenit St. Petersburg schoss und seine Mannschaft damit auch zum Triumph im Uefa-Pokal-Wettbewerb führte.

          Auf die exzellente Abwehr der Schweden kommt eine neue Herausforderung zu

          „Andrej“, sagt sein Nürnberger Sturmkollege Iwan Sajenko, „ist ein super Spieler, der uns jederzeit helfen kann.“ Hätten Arschawin und Pogrebnjak die EM von vornherein in Angriff nehmen können, die russische Vormacht in der Offensive wäre längst unverkennbar. So aber muss Hiddink auf den verletzten Nebenmann des bisher gesperrten Arschawin verzichten und darauf hoffen, dass der nun wieder spielberechtigte Dribbler, Torevorbereiter und Schütze neben dem wendigen Moskauer Roman Pawljutschenko auf Anhieb zur alten Klasse findet.

          Als letzter Star auf die Euro-Bühne: Andrej Arschawin

          Vielleicht belässt es der Trainer aber auch zunächst bei einem Angreifer wie in den ersten beiden Gruppenpartien. Auf die besonders sperrigen und in der Defensive exzellent organisierten Schweden kommen jedenfalls überaus flinke, kombinationssichere und ballgewandte Russen zu, die es bisher nur beim Torabschluss an Kaltblütigkeit und Professionalität haben fehlen lassen.

          „Er kann aus nichts etwas machen“

          Das soll mit Arschawin, dem 1,72 Meter großen gebürtigen St. Petersburger, entschieden besser werden. „Er“, preist Hiddink den mit 2,5 Millionen Euro üppig bezahlten Angreifer, „kann aus nichts etwas machen, er kann unmögliche Tore aus unmöglichen Winkeln erzielen.“ Dieser aschblonde Andrej Arschawin mutet zwar auf den ersten Blick wie die Unschuld vom Lande an, ist aber ein schlitzohriger, extravaganter Typ, der nicht nur durch die Schule des Fußballs gegangen ist, sondern auch ein Studium als Modedesigner abgeschlossen hat. Eine erste Arschawin-Kollektion ist auf dem russischen Markt und wird sich bei wachsendem Marktwert seines Schöpfers noch besser verkaufen lassen, je imposanter die Markenzeichen sind, die der Russe bei der EM noch setzen kann.

          Die Tätlichkeit, die sich der vielleicht beste Spieler Russlands im letzten EM-Qualifikationsspiel gegen Andorra (1:0) erlaubt hat, will er nun nach zwei Spielen Sperre auf einen Schlag vergessen machen. Andrej Arschawin brennt darauf, wieder zum Schrecken aller Abwehrreihen zu werden. Davon können die Verteidiger bei Bayer Leverkusen und Bayern München ein Lied singen - ihnen setzte der leichtfüßige Russe bei Zenits Uefa-Cup-Triumphen über die Bundesliga-Spitzenklubs hart zu. Der Mann, um den sich eine Reihe von Premier-League-Klubs bemüht, ist ein Wirbler.

          Politisch ist Arschawin bei der Putin-Partei verankert

          „Absolute Weltklasse, ein Ausnahme-Turbostürmer“, schwärmt der ehemalige Weltklasse-Stürmer Rudi Völler. Die derzeit größten Hoffnungen, den umtriebigen Dynamiker an sich binden zu können, soll derzeit Manchester City besitzen - wenn der vom Geld des ehemaligen thailändischen Ministerpräsidenten Thaksin zehrende Verein bereit ist, eine Ablösesumme nicht unter 25 Millionen Euro zu zahlen. Ein Sprecher von Zenit St. Petersburg hat Arschawin dieser Tage eine Frist gesetzt: „Wenn er uns nicht bis zum 20. Juni verlassen hat, wird er bei uns bleiben.“ Wer durch Millionen von Gasprom-Rubeln unterstützt wird, kann sich Russlands teuersten Spieler so oder so auch leisten.

          Der umworbene Spieler selbst hat öffentlich nie auf seinen Abschied gedrängt. Arschawin gilt als bodenständig, spielt seit dem Jahr 2000 für seinen Heimatverein, ist politisch in der staatstragenden Putin-Partei Einiges Russland verankert. In Russland sind sie sich einig, dass die Sbornaja mit Andrej Arschawin noch mehr Qualität als bisher schon bei der EM zu bieten haben wird. Hiddink denkt genauso, weist aber darauf hin, dass Arschawin derzeit noch nicht „den Rhythmus“ habe, „um über die volle Distanz zu spielen“. Ein Teilzeiteinsatz mit vollem Erfolg würde seinen Fans fürs Erste auch schon genügen.

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