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Ror Wolfs Radio-Collage : Cordoba als Kunstwerk

Weder Fußball-Deutschland noch die österreichische Seele scheint Cordoba so recht überwunden zu haben. Den Mythos hat bislang lediglich der Autor Ror Wolf in einer Radio-Collage in den Griff bekommen. Seither ist gewiss, dass in Wahrheit Edi Finger gegen Armin Hauffe mit 3:2 gewonnen hat.

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          Literatur ist Spiel mit der Sprache. Und der Europameister des Spiels mit der Fußballsprache ist Ror Wolf. Der Schriftsteller mit Wohnsitz in Mainz, einer der renommiertesten lebenden Autoren deutscher Sprache, war einer der ersten, der sich ab Mitte der sechziger Jahre literarisch mit dem Fußball auseinandersetzte.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und zugleich ist Wolf derjenige, der dem runden Leder in einem Jahrzehnt exzessiven Fußballkonsums im deutschen Sprachraum bis heute am meisten Sprache abtrotzte. „Stein, Stinka, Sztany, das sind die Namen von drei ehemaligen Eintracht-Spielern. Es waren aufeinander folgende Klänge wie diese in den Radioreportagen, die mich zum Sprachspiel animierten. Das war damals literarisch nicht ausgereizt“, sagt Wolf.

          Meisterwerk „Cordoba, Juni 13 Uhr 45“

          In den Siebzigern gelangte der Schriftsteller auf diese Weise als Fußballdichter zu Ruhm. Wolf hatte sich damals in allen erdenklichen literarischen Formen am Fußballspiel versucht. Er hat Stanzen geschrieben auf Endspiele um die Deutsche Meisterschaft, er hat Moritaten verfasst zu den Weltmeisterschaften. Wolf hat Original-Zitate von Fußballern gesammelt und Sätze wie „Jetzt haue ich wieder voll drauf“ mit einer Freude an der Sprache des Balles in den Rang der Literatur erhoben.

          Das berühmte 3:2 von Krankl: „Wie der den Rolf Rüssmann verladen hat, das war schon vom Allerfeinsten”
          Das berühmte 3:2 von Krankl: „Wie der den Rolf Rüssmann verladen hat, das war schon vom Allerfeinsten” : Bild: picture-alliance/ dpa

          Die vielleicht wertvollsten Werke schuf der Schriftsteller in seinen Radio-Collagen. Das Meisterwerk unter den - naturgemäß - elf Collagen und aus gegebenem Anlass des Vorrunden-Endspiels zwischen Österreich und Deutschland bei der Europameisterschaft so aktuell wie noch nie ist „Cordoba Juni 13 Uhr 45“, eine im Auftrag des Hessischen Rundfunks (HR) produzierte Collage aus den Originalkommentaren der deutschen und österreichischen Radio-Übertragungen des 3:2-Sieges der Österreicher während der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien. Vor jeder Welt- oder Europameisterschaft dürfen seither der NDR-Mann Armin Hauffe und sein deutlich schlagfertigerer ORF-Kollege Edi Finger samt seines „I werd‘ narrisch“ nach Ror Wolfs Willen in den öffentlich-rechtlichen Hörfunkprogrammen ihre Reportagen im Wettkampf zwischen deutschem und österreichischem Reporter wiederholen.

          Finger entschied das Duell der Reporter auf einzigartige Weise für sich

          Der emphatische Finger eröffnet das Duell bei Wolf mit Sätzen wie „Das große Spiel beginnt“ und er spricht von einer „Schlacht“, Hauffe kontert nordisch kühl mit sachlichen Beschreibungen wie „gähnende Langeweile“, „die deutsche Mannschaft zeigt nicht den letzten Biss“ oder dem Satz: „Es geht eben um nichts mehr“. Wolf seziert die Reportagen aus dem deutschen und österreichischen Radio so fein, dass er die Grundlage für die Entstehung des österreichischen Cordoba-Mythos verdeutlicht. Ein Spiel, in dem es sportlich um nahezu nichts mehr ging, ist für eine ganze Nation zur verklärten Legende geworden, weil in Wahrheit nicht elf Österreicher elf Deutsche mit 3:2 bezwungen haben, sondern weil Edi Finger das Duell der Radio-Reporter auf einzigartige Weise für sich entschied.

          Ror Wolf suchte und fand in seiner Collage wie in seinem gesamten literarischen Werk im scheinbar Alltäglichen das besonders Aussagekräftige. Der Fußball bot ihm dabei bis zu seiner literarischen Abkehr ein Jahrzehnt lang Material für wunderbare Collagen. „Die Welt ist zwar kein Fußball, aber im Fußball, das ist kein Geheimnis, findet sich eine ganze Menge Welt. Es ist eine zuweilen bizarre Welt, in der unablässig Gefühlsschübe aufeinanderprallen. Emotionen, die jederzeit in ihr Gegenteil umschlagen können: Entzücken in Entsetzen, Begeisterung in Wut, Verzweiflung wieder in Entzücken“, schrieb Wolf 1980 in seinen Worten zum Abschied vom Fußball.

          Samstags läuft naturgemäß noch immer das Radio

          Heute verfolgt Wolf, der für ganz andere literarische Arbeiten ebenfalls vielfach ausgezeichnet wurde, den Fußball nur noch in einer seine Stammkneipen oder in seiner Mainzer Wohnung am Fernsehgerät. Von dort aus kann der wohl größte deutsche Fußball-Poet noch den Torjubel im Mainzer Bruchwegstadion „mit gewissem Entzücken und gehöriger Sympathie für Mainz 05“ hören.

          Ein Stadion hat er indes seit anderthalb Jahrzehnten nicht mehr betreten, die Liebe zur Eintracht ist noch schwach vorhanden, aber stark gestört. „Ich weiß aber noch immer, dass am Samstagnachmittag etwas außerordentlich wichtiges passiert“, sagt Wolf. Dann läuft naturgemäß noch immer das Radio.

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