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Nach den „Prügeln von Istanbul“ : Auf der Suche nach Normalität

Handgemenge und prügelnde Ordner: Wer wen provoziert hatte, ließ sich nicht eindeutig klären Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Zweieinhalb Jahre nach den Prügelszenen von Istanbul treffen die Türkei und die Schweiz bei der EM erstmals wieder aufeinander. Obwohl es heute - wie damals - um das sportliche Weiterkommen geht, versuchen beide Mannschaften vor dem Spiel, die Emotionen unter Kontrolle zu halten.

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          Die Macht der Bilder ist einfach zu stark. Die meisten Schweizer Zeitungen holen sie in diesen Tagen noch einmal hervor, diese verstörenden Aufnahmen von prügelnden (und geprügelten) Fußballspielern, von bösen Tritten und erschrockenen Fluchtversuchen. Zweieinhalb Jahre sind die Bilder alt - und damit auch die Erinnerungen an einen der unrühmlichsten Abende des europäischen Fußballs.

          Im Saracoglu-Stadion von Istanbul trafen die Türkei und die Schweiz aufeinander im entscheidenden Qualifikationsspiel vor der WM in Deutschland. Schon vor dem Spiel, bei der Ankunft am Flughafen und im Hotel, hatten sich die Schweizer wenig gastfreundlich behandelt gefühlt. Doch was dann, nach dem 4:2-Sieg der Türkei, der den Schweizern für die WM-Teilnahme genügte, in der überhitzten Atmosphäre des Stadions passierte, überstieg jede Vorahnung. Zwei Türken, Alpay und Emre, sowie der Schweizer Huggel wurden später vom europäischen Verband gesperrt, auch wenn sich die Frage, wer wen provoziert hatte, nicht eindeutig klären ließ.

          Fatih Terim hat seinem Schweizer Kollegen eine EMail geschrieben

          Es war jedenfalls ein prägendes Ereignis für die schweizerisch-türkische Fußballbeziehung. „Dieses Datum werde ich für immer in meinem Kopf haben“, sagt Ludovic Magnin. Und auch Tranquillo Barnetta erinnert sich noch mit Schrecken an die Vorfälle von Istanbul. „Man kann nicht vergessen, was damals passiert ist.“ Vergessen nicht, aber man sollte die Ereignisse auch nicht mehr zu hoch hängen - das ist jedenfalls die Meinung in beiden Lagern vor dem neuen Duell an diesem Mittwoch in Basel.

          Gökhan Inler (l., mit Jan Koller) wollte Christoph Daum einst nicht bei Fenebahce haben

          Auf türkischer Seite betont Trainer Fatih Terim, sonst nicht eben für zarte Töne bekannt, bei jeder Gelegenheit, dass die Türken „als Freunde gekommen“ seien. Er berichtete auch von einer E-Mail, die er seinem Kollegen Jakob Kuhn nach der Erkrankung dessen Frau geschickt habe.

          Keine Mannschaft ist so international wie die Schweizer

          Die Schweizer wiederum geben sich alle Mühe, das Thema überhaupt nicht wieder aufkommen zu lassen. Die Spieler, die damals im Mittelpunkt standen - Grichting als Opfer, Huggel als Täter - werden in diesen Tagen ebenso wenig zu den offiziellen Medienterminen im Mannschaftsquartier in Feusisberg geschickt wie das türkischstämmige Trio Yakin, Inler und Derdiyok. Was auch schade ist, denn gerade diese drei könnten eine ganz andere schweizerisch-türkische Fußballgeschichte erzählen: eine von Integration und europäischem Zusammenwachsen auf dem Feld des Sports.

          Die Schweizer Mannschaft, die „Nati“, ist international geprägt wie keine andere bei diesem Turnier. Gleich dreizehn Doppelbürger stehen im Kader von Trainer Kuhn. Spanische (Cabanas, Senderos), italienische (Benaglio), kapverdische (Gelson), kolumbianische (Vonlanthen) sind nur einige der vielen ethnischen, kulturellen und sprachlichen Hintergründe im Schweizer Kollektiv von „Secondos“, den Einwandererkindern.

          Die Hoffnungen ruhen auch auf dem türkisch-stämmigen Gökhan Inler

          Es ist zweierlei: Ein Spiegel des Einwanderungslandes Schweiz, aber natürlich auch der Versuch, die Globalisierung des Fußballs für eine Stärkung der eigenen Auswahlmannschaften zu nutzen. Einen Ausländeranteil von rund 20 Prozent hat die Schweiz, im Fußball ist er doppelt so hoch - zum Nutzen der Nationalteams, die in den vergangenen Jahren eine Reihe von großen Talenten hervorgebracht haben. „Unsere Ausbildung wäre nie auf diesem Niveau möglich gewesen, wenn nicht die Secondos so stark verteten wären“, sagt Kuhn. „Deren Einflüsse sind sichtbar.“

          Bei Gökhan Inler, 1984 als Sohn türkischer Einwanderer in Olten geboren, leistete Kuhn persönlich die Überzeugungsarbeit, bis Inler sich für das Trikot der „Nati“ entschied. Christoph Daum hatte ihn bei Fenerbahce einst nicht haben wollen. Inzwischen spielt Inler nicht nur erfolgreich bei Udinese in der italienischen Serie A, sondern hat auch im EM-Eröffnungsspiel gegen Tschechien gezeigt, wie wichtig er mit seiner Technik und seiner Übersicht für das Schweizer Mittelfeld ist.

          „Es wird hart und aggressiv - aber nicht so wie damals“

          Auf ihm und auf dem 1977 in Basel geborenen Hakan Yakin ruhen - neben Barnetta - die großen Hoffnungen der Schweizer, die Verletzung von Kapitän Alex Frei vielleicht doch kompensieren zu können und mit einem Sieg gegen die Türkei wieder Aussichten auf das Viertelfinale zu haben. Auch der 19 Jahre alte Eren Derdiyok könnte zum Zuge kommen, weil er neben dem angeschlagenen Marco Streller der letzte „echte“ Angreifer im Kader ist.

          Ob es für seine drei Kollegen ein besonderes Spiel ist, wurde Tranquillo Barnetta in Abwesenheit der Protagonisten gefragt. „Natürlich“, sagt er, „die Motivation ist größer.“ Dass es aber noch einmal so zugehen könnte wie an jenem Novemberabend in Istanbul, mag er sich nicht vorstellen. „Es wird sicher hart und aggressiv werden wie immer, wenn es um viel geht. Aber es wird sicher nicht mehr so werden wie damals.“

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