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Kommentar : Deutsche Grenzerfahrungen

Erster Verlierer oder zweiter Gewinner? Deutschland rätselt über das EM-Ergebnis Bild: ddp

Was ist der zweite Platz bei der Europameisterschaft wert? Die Begeisterung über die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw ist groß. Aber die Zweifel an der wahren Leistungsfähigkeit bleiben.

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          Das verlorene Finale gegen Spanien hat der Begeisterung der Fans für die Nationalmannschaft nicht viel anhaben können. Zehntausende haben das Team von Bundestrainer Joachim Löw am Montag in Berlin gefeiert und damit die Europameisterschaft gut 16 Stunden nach dem Schlusspfiff noch einmal für einen schönen Augenblick nach Deutschland getragen.

          Fast könnte man bei den Jubelbildern zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule meinen, der Abschied auf der Fanmeile sei nach nur zwei Jahren schon eine gute alte Fußballtradition. Und ein bisschen ist das ja auch so.

          Das Team 2008 erinnerte an 2002

          Die Berliner Fanmeile gehört schon jetzt zum Gründungsmythos einer sich erneuernden Fußballnation. Der Bezugspunkt der Mannschaft, die am Sonntag in Wien den EM-Titel verpasste, ist das Jahr 2006. Es war die Geburtsstunde eines offensiven und dominanten Fußballs, auf den sich Joachim Löw und sein Team auch diesmal beriefen – aber sie liefen dem Anspruch nicht nur beim Endspiel viel zu oft einfallslos hinterher.

          Das Team 2008 erinnerte auf dem Fußballplatz weit mehr an die Mannschaft der WM 2002, die aus begrenzten Mitteln mit dem Finaleinzug das Allerbeste machte. Sie erhob nie einen anderen Anspruch, als ein gutes Ergebnis mit nach Hause zu bringen. Hauptsache gewonnen, Hauptsache weiter. Was damals das Motto war, ist nun auch bei der EM 2008 wieder zum Leitfaden einer deutschen Turniermannschaft geworden – obwohl Löw fast zwei Jahre lang gezeigt hatte, wie offensiver und erfolgreicher Fußball made in Germany auch aussehen kann.

          Hat die Mannschaft das Beste aus ihren Möglichkeiten gemacht?

          Im Finale von Wien waren Kraft und Leidenschaft dann jedoch nicht groß genug, um die spielerischen und technischen Defizite gegenüber einem meisterhaft kombinierenden spanischen Künstlerensemble auch nur auszugleichen. Daher nahm der Bundestrainer die Niederlage mit äußerem Gleichmut hin. Das Resultat wirkte im Nachhinein wohl auch für ihn tatsächlich fast unausweichlich angesichts eines Turnierverlaufs, in dem die Spanier so dominant auftraten, wie die deutsche Mannschaft sich das nur vorgenommen hatte.

          Hat die Mannschaft das Beste aus ihren Möglichkeiten gemacht? Nimmt man nur ihre spielerischen Leistungen bei der EM und die Qualität der Bundesliga zum Maßstab, dann ist ihr das mit der Rückkehr zu den deutschen Tugenden und dem Finaleinzug hervorragend gelungen. Der Klasseauftritt gegen Portugal blieb bei insgesamt sechs Spielen eben nur die mit Abstand erfreulichste Ausnahme.

          Der Bundestrainer hat nach dem Finale Defizite eingeräumt

          Die jedoch zeigte, wo die Grenzen dieser Mannschaft auch liegen können. Oder besser: schon lagen. Denn der Aufwärtstrend, der unter Klinsmann im Herbst 2004 begann, erreichte im Frühjahr 2007 unter seinem Nachfolger Löw den Höhepunkt mit dem hochklassigen Sieg in Tschechien. Danach konnte das Team immer seltener seinen Anspruch auf Dominanz durchsetzen. Bei der EM mussten der Bundestrainer und seine Spieler erkennen, das es ein Irrglaube war, zu erwarten, Spiele schon allein aufgrund spielerischer und taktischer Klasse gewinnen zu können.

          Der Bundestrainer hat nach dem Finale Defizite eingeräumt. Er wisse, woran zu arbeiten sei. Nun bleiben ihm zwei Jahre, um die Mannschaft bis zur WM 2010 weiterzuentwickeln. Es ist einiges zu tun. Denn nicht nur für den Bundestrainer war nach der WM 2006 sicher, dass er es als Bundestrainer mit einer „goldenen Generation“ zu tun hat. Dass er sie wirklich zum Glänzen bringt, muss er trotz des zweiten Platzes bei der EM 2008 erst noch zeigen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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