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Fußballnation Spanien : Nun gibt es ein einigendes Band

In Spanien hat der Fußball ein Band geschaffen, wo vorher keines war: Begeisterung in Madrid Bild: AFP

Das Misstrauen gegenüber dem Begriff „Nation“ ist hier ausgeprägt, und das Wort „Patriotismus“ hat es ähnlich schwer wie in Deutschland: Was der Gewinn der Europameisterschaft für Spanien bedeutet.

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          Ein Gespräch mit Javier Marías, einen Tag vor dem Finale. Der Schriftsteller hatte gerade etwas für eine spanische Zeitung geschrieben, Gedanken eines Fußballfans, der mehr als ein halbes Menschenalter nach dem einzigen Europameisterschaftsgewinn 1964 vor der zweiten Chance steht: Seine Mannschaft in einem großen Finale siegen zu sehen. Und er war verwirrt. Es falle ihm schwer, schrieb er, das gegenwärtige Nationalteam wirklich als eigenes zu begreifen, spanische Mannschaften spielten immer komplexbeladen und mit tausend Ängsten, außerdem spielten sie selten gut und schon gar nicht so gut wie gegen Russland. Er, Marías, habe fast das Gefühl, es mit einer Bande von Hochstaplern zu tun zu haben. Sollten „wir“ wirklich so brillant sein? Wenn es doch Wahrheit wäre bis zum Ende! Wenn die Spanier ihre Charaktermängel und ihr traditionelles Pech ein für allemal beiseitelegen könnten!

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Jetzt haben sie es. Und sind sie mit einem Schlag andere geworden: Europameister. Damit ist Spanien gewissermaßen Deutschland. Nicht fußballerisch, natürlich nicht, sondern in einem tieferen Sinn. Sie haben aufgeholt und dieselbe Siegeserfahrung gemacht. Wer weiß, vielleicht gewöhnen sie sich daran! Wir kennen die Symptome ja seit dem Klinsmann-Jahr 2006. Es ist der Glaube, die Hürde überspringen, die Spötter zum Schweigen bringen und das ganze lärmende Land hinter sich vereinen zu können. Früher hätte man gedacht, das regelten Geschichte und patriotische Taten, zumal in einer anbetungsbereiten Gesellschaft wie der spanischen. Heute wissen wir, dass man ein paar Männer in kurzen Hosen, jubelnde Frauen mit angemalten Gesichtern und die Fernsehkameras der Welt dafür braucht. Nicht Feierlichkeit, sondern ansteckende Fröhlichkeit ist gefragt. Ein fast siebzigjähriger Trainer hatte eine Vision, und seine Mannschaft, von der niemand vor dem Turnier bei den Journalisten auf der Starliste stand, hat sich im Lauf von vier Wochen in alle Herzen gespielt.

          In einem Land voller Streitlust und Selbstzerfleischung

          Solange in Deutschland noch keine Fahnen aus den Häusern hingen und Wimpel am Autodach flatterten, wussten wir nicht genau, was das ist: Fahnen nach draußen zu hängen. Spanien ging es damit nicht viel besser. Ein vaterlandsliebender Teil der Gesellschaft zeigte zwar Flagge (und Stiere), hin und wieder sogar mit graphischer Erinnerung an die Franco-Zeit. Doch andere hatten dazu keine Lust. Das Misstrauen gegenüber dem Begriff „Nation“ ist ausgeprägt, und das Wort „Patriotismus“ hat es ähnlich schwer wie in Deutschland. Zu vieles daran ist durch Autoritarismus und Diktatur in Misskredit geraten. Patriotismus, das klingt nach Benutzbarkeit, Willfährigkeit und dumpfem Herdentrott.

          Nicht, dass der Fußball politische Instinkte verdrehen könnte, man darf ihn nicht überfordern. Aber ähnlich wie in Deutschland 2006 zeigt er jetzt den Spaniern, dass Begeisterung kein politisches Glaubensbekenntnis erfordert. Lockert die Muskeln, freut euch gemeinsam, dann kommt ihr euch näher! Natürlich durfte der strenge katalanistische Politiker nicht fehlen, der den Finalsieg eher den Deutschen gönnte als den Spaniern, doch auch von Seiten der Regionalisten gab es Lob für den leisen Torwart Iker Casillas, der seine Kapitänsbinde mit vornehmer Zurückhaltung trug. Das Spanien der autonomen Regionen, ein heterogenes Land mit vier offiziellen Sprachen, reagiert immer noch empfindlich auf zentralistische Machtgebärden und großspanische Parolen. In diesem Land voller Streitlust und Selbstzerfleischung hat der Enthusiasmus über die eigene Fußballmannschaft ein emotionales Band geschaffen, wo vorher keines war.

          Worum es im Fußball idealerweise geht

          Was das Siegerteam denn „repräsentiere“, will die Alltagssoziologie am nächsten Tag gern wissen. In der französischen Weltmeistermannschaft von 1998 war es der Traum von der geglückten Integration afrikanischer Einwanderer. Über Spanien lässt sich nicht dasselbe sagen. Immerhin, ein Brasilianer namens Marcos Senna steht für den pragmatisch loyalen Arbeitsimmigranten. Der Rest ist schwer deutbar, trägt aber Züge, die in einer modernen Industrienation nur positiv ausstrahlen können.

          Das spanische System benötigt keinen Leitwolf, sondern zelebriert einen Gruppenbegriff der flachen Hierarchien. Aura zählt nicht. Wer genial sein will, darf es sein, aber nur, wenn er sich einordnet. Deshalb haben auch die Besten in dieser Mannschaft gelernt, die Ersatzbank zu akzeptieren. Großvater Luis Aragonés kennt sie alle. Auf seinen Nachfolger kommt die Aufgabe zu, diesen Geist zu bewahren. Und noch etwas. Eine hochbegabte Generation spanischer Leichtgewichte hat gezeigt, worum es im Fußball idealerweise geht: Kunst schlägt Muskelmasse.

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