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Fußballkommentator Tom Bartels : Der kommende Mann

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Ein Mann, ein Ball: Tom Bartels moderiert bis ins Endspiel Bild: picture-alliance/ dpa

Nur wenige wissen, wie der Mann aussieht, der das Endspiel der EM in Wien kommentieren wird. Kein Wunder, denn Tom Bartels, der kommende Mann der ARD, ist kein Typ für die Talkshow, sondern ein nüchterner Kommentator, der Leidenschaft nur für die Sache entwickelt.

          Weil Tom Bartels keine Kochsendung moderiert, es auch keine Talkshow gibt, die „Bartels“ heißt, wissen nur wenige, wie der Mann aussieht, der das Endspiel der EM in Wien kommentieren wird. Darunter diejenigen, die vor dem Testspiel der Deutschen vor einigen Tagen gegen Weißrussland aufgepasst haben. Da war Tom Bartels im Bild, auf seinem Kommentatorenplatz im Kaiserslauterer Fritz-Walter-Stadion. Dort fühlt er sich wohl. Ein Koch-Studio ist nichts für ihn. „Dazu fehlt mir die Affinität zum Kochen“, sagt Bartels.

          An seine Stimme versucht die ARD ihr Publikum seit der WM 2006 zu gewöhnen. Damals kam er von RTL, in dessen WM-Truppe er zwischen Günther Jauch, dem Model Eva Padberg und dem Fernsehkoch Tim Mälzer den glaubhaften Fußballexperten gab. Zehn Jahre lang stand er bei RTL und Premiere unter Vertrag; kommentierte dort vor allem die Champions League. War stets der zweite Mann, hinter Marcel Reif. Beim Ersten soll er nun der Erste sein. Gemeinsam mit dem „Sportschau“Chef Steffen Simon wird Bartels fünfzehn von 31 Spielen kommentieren. Die übrigen zeigt das ZDF.

          Eine Niederlage für den Fußball

          Inzwischen hat Bartels bei der ARD das Erbe seines Kollegen Gerd Rubenbauer angetreten. Der hatte vor zwei Jahren unter Getöse die Brocken hingeworfen, als er merkte, dass ihm die ARD bei der WM im eigenen Land keine Carte blanche zuteilte. Dabei war der Generationswechsel bei der ARD längst vollzogen. Während der WM war Reinhold Beckmann der wichtigste Kommentator, wenn auch nur übergangsweise. Die Zukunft gehört dem zweiundvierzig Jahre alten Tom Bartels, der auch bei der WM 2010 in Südafrika dabei sein wird. Nebenher kommentiert er - wie einst Rubenbauer - das publikumswirksame Skispringen. Das kennt er von RTL. Aber Bartels' Alltag findet in der Fußball-Bundesliga statt, wo er für die „Sportschau“ im Einsatz ist. Die vergangene Saison verlief erwartbar. Bayern wurde Meister, Schalke nicht, und Nürnberg ist abgestiegen. Zuletzt wurde es in Bielefeld noch mal spannend. Einsatz Bartels.

          Die Horden, die im Bielefelder Blau am Übertragungswagen der „Sportschau“ vorübergehen, erkennen Bartels nicht. Vielleicht werden sich einige von ihnen ärgern, wenn Bartels später in der „Sportschau“ erzählt, dass es beim Spiel gegen den VfL Bochum „wenig Spaß macht, zuzuschauen“. Dieses Urteil spricht er auf die Bilder einer Rauchschwade, die über dem Gästeblock aufsteigt. Am Ende wird ein Ordner schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Für Bartels ist das eine „Niederlage für den Fußball“, die er in seinem Spielbericht thematisiert. Bartels weiß, was an diesem Tag die Nachricht ist.

          Man denkt sich von Spiel zu Spiel

          Bielefeld ist weit weg von Wien. An das Endspiel der Euro mag Bartels noch nicht denken. Nur „von Spiel zu Spiel“. Wie ein Fußballer, der Bartels auch ist. Landesliga, als Student an der Sporthochschule in Köln, und vorher beim TuS Melle. Immer im Mittelfeld. Er kann sich nicht vorstellen, dass ein „Nichtfußballer die Szenen richtig deuten kann“. Und Bartels kann das schneller als andere. Häufig sind seine Analysen vor der Zeitlupe da. Länderspiel gegen Weißrussland: Beim 1:0 durch Klose legt er sich während der Szene auf „Abseits“ fest. Das Tor wird gegeben. Und als dann die Zeitlupe kommt, sagt Bartels trocken: „Ein unerfahrenes Schiedsrichtergespann mit einem Fehler, zum Leidwesen der Weißrussen.“

          Bartels gehört zu den wenigen Kommentatoren, bei denen der Laie versteht und der Kenner sich verstanden fühlt. Wenn er in einem Finalsatz ein taktisches Foul erklärt, „um einen durchbrechenden Spieler am Torschuss zu hindern“, nervt das nicht. Denn Bartels redet nicht zu viel. „Man muss wissen, wann der Zuschauer eine Pause braucht und wann es gut ist mit den Geschichten.“ In der Talkshow kann man sich Bartels schwerlich vorstellen. Dafür kommt er in den einschlägigen Internetforen ganz gut weg. „Seine Analysen gefallen mir durchaus. Kann sicherlich den Sprung in die höchste Kategorie schaffen“, meint jemand im Forum „Gute Kommentatoren - schlechte Kommentatoren“. Während der EM werden sich die Einträge zu Bartels häufen. Die kommenden Wochen werden sicher die wichtigsten seiner Karriere, zumindest aus Sicht der Zuschauer.

          Neutralität und Distanz

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