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Fußballkommentator Tom Bartels : Der kommende Mann

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„Er wird ein Aushängeschild unseres Hauses im Ersten“, sagte der Fernsehdirektor Bernhard Nellessen bei Bartels' Rückkehr zum SWR: Er hatte schon bei einem der beiden Vorgängersender, dem Süddeutschen Rundfunk, gewirkt. Nun ist Bartels auch Schwimmreporter der ARD, wegen seines Live-Talents und weil der eigentliche Schwimmexperte abserviert wurde. Die Geschichte ist bekannt. Seither ist Hajo Seppelt für Recherchen zum Doping zuständig, und Bartels berichtet vom Beckenrand. In China erlebt er seine ersten Olympischen Sommerspiele.

Bevor er zu RTL wechselte, betreute Bartels beim SDR die Bundesligisten Karlsruhe und Stuttgart, bei der EM 96 in England war er im Reporterteam der ARD. „Bei den Privaten galt ich deshalb immer als Öffentlich-Rechtlicher, andersherum sehen mich nun einige als Privaten.“ Da passt es ins Bild, dass Bartels noch immer auf der Internetseite von „Potofski Production“ als „RTL-Moderator“ angepriesen wird und als „absoluter Profi im Messe- und Promotiongeschäft“. Wie andere Kollegen hat auch Bartels seine Moderationsgabe für Nebenjobs vermarktet. „Ein Journalist wirbt nicht.“ Dieser Satz des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender zum Werbeengagement von Johannes B. Kerner klingt nach. Immerhin bemüht Bartels schnell das Modewort „Distanz“, das er betont, als zitiere er aus dem aktuellen Positionspapier der ARD, das von der „Distanz in der Sportberichterstattung“ kündet. Sportlich beansprucht Bartels „absolute Neutralität“. Die Suche nach dem Gegenbeweis bleibt ergebnislos.

Leidenschaft nur für das Spiel

Als Kind war Bartels Fußballfan. „Und zwar so sehr, wie man überhaupt Fan sein kann.“ Sein Bruder hielt damals zu den Bayern, zu einer Zeit, als die Bundesligawelt in zwei Blöcke geteilt war: Gladbach und Bayern. „Meine Eltern erzählen gerne, dass ich als Kind mit meinen Stofftieren Fußballspiele nachgestellt und lautstark kommentiert habe.“ Später waren es Tipp-Kick-Figuren, an den Wochenenden ging es mit dem Vater vom niedersächsischen Celle aus ins Stadion.

Von seinem Wohnort Köln aus gesehen liegt Celle in der Nähe von Bielefeld. „Aussuchen kann ich mir nicht, wo ich an den Spieltagen lande - das richtet sich nach dem Dienstplan“, sagt Bartels, der am liebsten mit der Bahn zum Stadion fährt. Ein bisschen Entspannung, ein bisschen Vorbereitung. „Mir war eigentlich immer klar, dass ich Sportreporter werden wollte.“ Auch während einer Lehre bei der Sparkasse. Den Einstieg in den Journalismus brachte ein Praktikum bei der „Oldenburgischen Volkszeitung“ in Vechta, Sportredaktion. Als Student berichtete er schon für den SDR. Tom Bartels liebt den Fußball; Leidenschaft zeigt er immer dann, wenn es um das Spiel selbst geht. Ansonsten passt dieses Wort nicht gut zu dem Analytiker.

Ich hätte Lionel Messi gesagt

Tom Bartels spielt gerne Tennis und fährt seit seiner Kindheit Ski. Er ist das, was man einen „lockeren Typen“ nennen würde, wenn man damit Männer in Jeanshosen und graubraunen Sweatshirts meint. Zweifelsfrei könnte er den netten Protagonisten im Werbespot für einen Mittelklassekombi geben, der eine tolle Frau und zwei Kinder samt Fahrrad und Luftmatratze in den Wagen packt, um an die Ostsee zu fahren. Und in der Tat: Zwei Kinder hat Bartels, Jungs. Drei und sechs Jahre alt. Der Älteste spielt schon Fußball im Verein; sein Vater nimmt ihn gelegentlich mit ins Stadion, in die zweite Liga. In Bielefeld war er als Kind selbst häufig zu Gast. Damals, als der deutsche Vereinsfußball Europas beste Clubs hervorbrachte.

Bartels ist ein Fußballästhet und ein Realist: Er weiß, dass die Bundesliga nur Mittelmaß ist. Sein Lieblingsstadion ist ein englisches. Das alte Stadion von Arsenal London. „In Highbury war die Atmosphäre für jeden Fußballkommentator phantastisch.“ Arsène Wenger, der Londoner Trainer, lässt jenen schnellen Fußball spielen, der Bartels gefällt. Beim Testspiel der Deutschen gegen Weißrussland bemüht sich Bartels besonders um deren Mittelfeldstar Aljaksandr Hleb; der hat früher in Stuttgart gespielt, ist heute bei Arsenal. „Der spielt fast immer direkt, wenn er kann. Und ist auch sonst gut am Ball.“ Auf die Frage nach seinem deutschen Lieblingsspieler sagt Bartels: „Danke, dass Sie das Adjektiv eingefügt haben. Ich hätte sonst Lionel Messi gesagt.“ Bartels ist unter den ARD-Kommentatoren der kommende Mann. „Natürlich kenne ich seine Analysen, aber ein Gesicht habe ich dazu nicht präsent“, sagt der Fußballexperte einer großen Redaktion. Das liegt daran, dass Bartels sich nicht aufdrängt. Ein seltener Zug im Fernsehgeschäft, wo die Eitelkeit wohnt.

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