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Fußball-Stadien in der Schweiz : In Bern steht es für alle Zeiten 2:3

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Genf: Stilmixtur der Kathedrale St. Pierre Bild: Jürgen Roth

Es gibt schönere Stadien als in der Schweiz. Und anderswo auch besseres Bier. Trotzdem werden sich die Fußballfreunde während der Europameisterschaft dort wohl fühlen. Ein Selbstversuch kurz vor Anpfiff des ersten Spiels.

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          Eine gewaltige Glocke der Stille liegt über Basel. Aus dieser außerordentlichen Ruhe heraus tritt auf dem Bahnhofsplatz ein junger, durch Alkohol- oder Drogenabusus schwer gezeichneter Mann auf uns zu und bittet ausgesprochen höflich um eine Zigarette. Wir drehen ihm eine, und in einem merkwürdig sanften Singsang erklärt er uns, als wolle er sich für sein Begehr entschuldigen, wie teuer für jemanden wie ihn die Tabakwaren in der Schweiz seien. Nachdem wir ihm Feuer gegeben haben, bedankt er sich in aller Form und entschwindet wieder, hinein in diese seltsame Baseler Lautlosigkeit.

          Nicht, dass in der schönen Stadt am Rheinknie, dieser kleinen Kapitale der Kultur und der pharmazeutischen Industrie, keine Betriebsamkeit herrschte; doch alles wirkt gedämpft, verlangsamt. Darin mag sich Selbstsicherheit ausdrücken, eine unprätentiöse Haltung äußern, die signalisiert, dass man genau weiß - damit aber nicht hausieren geht -, welch privilegierten Ort in der Welt man bewohnt. Selbst Nietzsche, der zehn Jahre lang klassische Philosophie an der ältesten Universität des Landes lehrte und bald unter der Enge zwischen Münsterhügel und Petersplatz litt, erwies in seinem letzten Brief vom 5. Januar 1889 den Bürgern der Stadt seine Reverenz, indem er darum besorgt war, dass er „in der Achtung der Basler nicht heruntergesetzt“ werde. Ja, er schrieb sogar: „Zuletzt wäre ich sehr viel lieber Basler Professor als Gott.“

          Das heimliche Wahrzeichen

          Wohlgefällig ruht Gottes Auge auf dem blitzblanken Basel. Ihm zu Ehren arbeitet die Straßenreinigung auch sonntags. In der Wallstraße unweit der Altstadt lehnt ein korpulenter Mann an seinem Kehrichtwagen und schaut minutenlang unbewegt die menschenleere Gasse hinunter. Ein Bild prächtigster Geborgenheit, möchte einem scheinen.

          Bekannt auch aus Hotelführern oder den politischen Nachrichten: das Beau-Rivage

          In der Feldschlösschen-Bierschwemme „Zum braunen Mutz“ am Barfüsserplatz, vis-à-vis vom Historischen Museum in der spätgotischen Barfüsserkirche, sitzen am Nachmittag friedlich rauchende ältere Männer, introvertierte Figuren, die still ihr Getränk verehren. Diese Gelassenheit. Unaufgeregtheit. Seelen so stad wie der Rhein, das heimliche Wahrzeichen Basels. Durch die Bogensprossenfenster blickt man auf gemächliches Treiben, das Licht der Kugellampen streicht über die glänzenden, hellen Holztische, ein Rentnerpaar ordert zwei große Biere. Selbst hinterm Schanktresen wird kaum gesprochen. Noch einen Schoppen und die in einem Stahlgestell aufgereihten Biergläser angucken. So muss ein Bierhaus sein. Man wünscht sich, derartige Häuser per Plebiszit flächendeckend in Deutschland einführen zu können.

          „Der Basler meckert gern und viel“

          Gegenüber, im Musiksaal des Stadt-Casinos, fand vor hundertelf Jahren, vom 29. bis zum 31. August 1897, auf Initiative des österreichischen Schriftstellers Theodor Herzl der Erste Zionistenkongress statt. Herzl residierte im berühmten, 1681 als Herrenherberge gegründeten, 1844 zum Grandhotel umgebauten und 2006 nach umfänglichen Restaurierungsarbeiten wiedereröffneten Hotel „Les Trois Rois“ unten am Fluss, neben der Mittleren Rheinbrücke. In einem schmalen Zimmer auf der Mittelachse, in der Nummer 117 des dezent klassizistischen Nobelhauses, das von Picasso und Jean-Paul Sartre über Duke Ellington bis zu Willy Brandt zahllose imposante Gestalten der jüngeren Geschichte beherbergte, skizzierte er die Grundlagen des zukünftigen Staates Israel. Das Foto, das Herzl auf dem Balkon im ersten Stock zeigt, leicht übers gusseiserne Geländer gebeugt, die Hände gefaltet, die Augen aufs ruhige Wasser gerichtet, wurde während des Fünften Zionistenkongresses 1903 aufgenommen und später zu einem ikonographisch aufgeladenen, weltweit bekannten Bild.

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