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Fußball-Kommentar : Respekt für diese EM

Trost vom Schiedsrichter: Rosetti nahm den Unglücksschützen Petric in den Arm Bild: AP

Respekt, das trugen die Spieler bei der EM auf dem Trikot. Es waren nicht nur sieben Buchstaben auf dem Ärmel, es war eine gelebte Botschaft. So viel Gelassenheit war noch nie zu sehen bei einem solchen Turnier.

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          Respekt, das trugen die Spieler bei der EM auf dem Trikot. Es waren nicht nur sieben Buchstaben auf dem Ärmel, es war eine gelebte Botschaft. Wenn man sich der prägenden Szenen der EM erinnert, ob heute oder in ein paar Jahren, wird kaum eine wirklich hässliche Szene dabei sein.

          Es gab bis zum Finalwochenende kein Spiel, das aus dem Ruder lief wie Portugal gegen Holland bei der WM 2006. Es gab keine ausrastenden Verlierer wie die Argentinier 2006. Es gab kaum bösartige Fouls, keine Szenen des Hasses oder der Häme, keine Spuck-Szenen wie die des Schweizers Frei oder des Italieners Totti bei der EM 2004. Die drei Platzverweise bestraften eher harmlose Vergehen, Schubser oder Hakler aus Überdruss und Übermut – nie mit Verletzungsabsicht oder Verletzungsfolgen.

          Empathie für Gegner und Trost für Verlierer

          Vielmehr sah man Empathie für Gegner und Trost für die Verlierer, etwa vom türkischen Torwart Rüstü, der den entscheidenden Elfmeter des Kroaten Petric hielt und dann, statt mit den Kollegen zu feiern, den geknickten Gegenspieler aufrichtete. Auch Schiedsrichter Rosetti nahm Petric in den Arm – obwohl die Regel die körperliche Berührung zwischen Spieler und Spielleiter verbietet. Dass die Uefa Rosetti sogar mit der Nominierung fürs Endspiel belohnte, kann man als Erfolg italienischer Lobby-Arbeit in unsichtbaren Kommissionen betrachten, aber auch als ein Zeichen für ein Verständnis des Schiedsrichters (und des Fußballers) als Mensch.

          Die Schiedsrichter haben in den letzten Jahren viel zur Erziehung der Profis beigetragen. Ellbogenschläge, Schwalben, Zeitschinden, Trikotzupfen, ständiges Lamentieren, all das ist deutlich seltener zu sehen. Es ist ein Erwachsenwerden, das dem im Verhalten seiner Spieler oft pubertären Fußball gut tut. Dahinter steht das große Qualitätslabor des europäischen Fußballs, die Champions League. Die besten Profis (und Schiedsrichter) kennen einander aus vielen Klub-Begegnungen. Daraus entsteht ein gegenseitiger Respekt, der sich im Spiel der Nationalteams wieder findet. Professionelle Konzentration ergänzt patriotische Verve, das Resultat ist ein Gewinn.

          Unverwüstliches wie unerklärliches Faszinosum

          Deutlich nähert sich der Fußball der Nationalteams dem der besten Klubteams an. Dessen Niveau kann er nicht erreichen. Aber die Rituale, der Respekt, der Umgang miteinander werden ähnlicher. Dabei bleibt ein gewaltiger Unterschied. Die Wirkung einer Welt- oder Europameisterschaft auf das Publikum ist weiterhin eine viel größere als die des Vereinsfußballs. Die Einschaltquoten belegen es: Klubteams bewegen Fans, Nationalteams bewegen Völker.

          Das Überraschendste dabei sind nicht dreißig Millionen deutsche Zuschauer bei Spielen ihres Teams – es sind fünfzehn Millionen deutsche Zuschauer bei einem Vorrundenspiel wie Tschechien gegen Türkei. Das waren doppelt so viel wie beim Champions-League-Finale zwischen Manchester United und Chelsea, zwei Klubteams, die stärker sind als jedes Nationalteam der Welt.

          Es bleibt ein so unverwüstliches wie unerklärliches Faszinosum um den Fußball der Nationalteams. Sie verbinden alten patriotischen Reiz und neuen professionellen Respekt. So viel Gelassenheit war noch nie zu sehen bei einem solchen Turnier. Respekt für diese EM.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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