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Euro-Kommentar : Zauberer und Entzauberte

  • -Aktualisiert am

Wer stürmt den Gipfel? Bild: AFP

Niederlande, Portugal, Russland: der Fußball kennt bei dieser Euro kein Pardon. Wäre am Ende auch der letzte EM-Zauberer entzaubert, hätten wieder einmal die Deutschen gewonnen - und niemand in Europa würde sich darüber wundern.

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          Aus Zauberern werden von heute auf morgen Entzauberte. Der Fußball kennt da - frag nach bei Niederländern, Portugiesen, Russen - kein Pardon bei dieser Europameisterschaft. Sie steckt voller Coups, voller Volten, voller Erkenntnisse ohne Halbwertzeit. In einer Zeit, da rund um das beliebteste Spiel der Welt alles entschlüsselt, erklärt und wissenschaftlich nachgewiesen werden soll, macht sich der Sport einen Spaß daraus, seine Analysten, Zahlen- und Datenfetischisten an der Nase herumzuführen.

          Womit wir schon bei der unberechenbarsten und berechenbarsten Mannschaft zugleich in diesem Turnier sind: Deutschland. Die selbsternannten Bergsteiger der EM in Österreich und der Schweiz traten mal wie Gipfelstürmer, mal wie Albtraumwandler am Rande des Abgrunds auf. Aber sie blieben in Tritt, weil sie sich auch in ihren schlechteren Spielen, von der in der Gruppenphase zu verschmerzenden Niederlage gegen Kroatien abgesehen, treu blieben: Die Mannschaft von Bundestrainer Löw nutzte ihre Torgelegenheiten so konsequent und effektiv wie kaum jemand sonst bei diesem Turnier und ließ sich auch durch stärkere türkische oder leichtere österreichische Erschütterungen nicht zu Fall bringen.

          Ein mentaler Stau droht den Deutschen nicht

          Dazu steigerte sie sich im Duell mit dem bisher anspruchsvollsten Widersacher Portugal zu einer von ihr kaum noch erwarteten Qualitätsoffensive. Nur zu ahnen, aber nicht genau zu wissen, woran man mit diesen Deutschen ist, kann noch zum Trumpf werden im Finale am Sonntag gegen Spanien (20.45 Uhr in der ARD und im FAZ.NET-Liveticker: Deutschland - Spanien). Funktionierte Fußball vorhersehbar, die erste Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes hätte wohl keine Chance in diesem Endspiel.

          Die Iberer bestechen mit betörender kollektiver und individueller Klasse. Wie sie die vorher fast angehimmelten russischen Turbokicker zuerst ausbremsten und dann bei ihrer Fußballfiesta im Halbfinale stehen ließen, war kunstvoll, kaltblütig und atemraubend zugleich. Doch so selten Wiederholungsspiele im Fußball sind, so selten duplizieren sich auch die Ereignisse. Der mentale Stau, in dem die vorher so beschwingten Russen steckten, droht den Deutschen im Finale nicht. Doch damit allein ist noch nichts gewonnen, bekommt es die Mannschaft doch mit einem Gegner zu tun, der die früher chronische spanische Angst vorm Verlieren spätestens bei seinem Erfolg über Weltmeister Italien im Viertelfinale besiegt hat.

          Spanien hat als einzige Mannschaft bei dieser EM kein Spiel verloren und ist seit nunmehr 21 Begegnungen ungeschlagen, auch weil die Spieler von Trainer Aragonés nach zwei Niederlagen zu Beginn der Qualifikation nicht einen einzigen Gegner unterschätzt haben. Die Voraussetzungen für diesen Wiener Gipfel der Giganten sind jedenfalls denkbar gut. Wäre am Ende auch der letzte EM-Zauberer entzaubert, hätten wieder einmal die Deutschen gewonnen - und niemand in Europa würde sich darüber wundern.

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