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EM-Gastgeber Schweiz : Und im Himmel schwebt der Fußballon

Will nicht abheben: der Fußballon von Genf Bild: dpa

Europa blickt auf die Schweiz. Dort lasteten bis kürzlich dunkle Schatten über dem Fußballturnier: Eine fremdenfeindliche Kampagne, die Masernepidemie und die schlechten sportlichen Leistungen der „Nati“ drückten auf die Stimmung. Wird nun alles besser?

          5 Min.

          Nach wenigen Tagen war die Luft schon raus. Ein riesengroßer Fußball schwebte Ende April in hundertfünfzig Meter Höhe über der Bucht von Genf. Es schien, als würde der weltweit bekannte Springbrunnen leichtfüßig mit ihm jonglieren. Eine geniale Idee – und mehrere hunderttausend Franken teuer. Nur hatte man die Rechnung ohne den Wind gemacht.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die kalte Brise, die im Mai von Norden her über den See blies, zerstörte die Hülle des mit Helium gefüllten Fußballons. Er musste zur Reparatur nach England zurückgeschickt werden. Hatte sich das schlechte Omen bewahrheitet? Seit dem vergangenen Herbst lasteten lange Schatten über der Europameisterschaft. Die Plakate mit den weißen Schafen, die mit Fußtritten einen schwarzen Artgenossen aus dem Gehege vertreiben, hatte das Land weltweit in die Schlagzeilen gebracht. Die Schweizerische Volkspartei von Christoph Blocher, die damit die Wahl gewonnen hatte, kündigte schon damals an, mit den gleichen Methoden und Bildern den Abstimmungskampf über die „demokratische Einbürgerung“ vom vergangenen 1. Juni zu führen.

          Wie bei einem Begräbnis

          Die Angst vor dieser Kampagne hat über Monate die Euro-Stimmung negativ geprägt. Ende März sank sie auch sportlich auf den Nullpunkt. Dafür sorgte die 0:4-Niederlage ausgerechnet gegen Deutschland. In der Straßenbahn in Basel soll es danach wie bei einem Begräbnis gewesen sein. Kein tröstendes Kulturprogramm zeichnete sich ab. Der Anspruch der Uefa, neben jedem öffentlichen Fernsehen eine Kasse hinzustellen, sorgte ebenso wenig für Begeisterung wie das totalitäre Exklusivgetue der Sponsoren, die keinen Zentimeter freigeben. Im Mai wurden dann tatsächlich die fremdenfeindlichen Plakate der SVP ausgehängt. Sie waren nicht ganz so übel, wie man befürchten musste. Aber gleichwohl nicht sehr einladend für ein Fest der Völker im Herzen Europas.

          Propagandakampagne der SVP gegen die Einbürgerung

          Das Sektenparadies Schweiz musste auch noch zum Seuchengebiet erklärt werden. Eine Masernepidemie grassiert. Weil sich immer mehr Zeitgenossen nicht impfen lassen, sollen das die Besucher tun. Ausländische Spieler und Polizisten werden zwangsgeimpft. Für die Fans waren Gratis-Impfstellen neben den Stadien geplant. Doch weil sie zu sehr an die „Fixerstuben“ erinnert hätten, wird darauf verzichtet. Dass das Großereignis unweigerlich bevorstand, merkte man, als vor den Fenstern der Chalets und auf den Balkonen der Vorstadtsiedlungen die Geranien verschwanden. Nicht weil die Polizei die Blumentöpfe als Sicherheitsrisiko eingestuft hätte. Sondern weil sich die Versicherungen weigern, sie ohne Aufschläge zu garantieren.

          Die Türken waren die ersten

          Am vergangenen Sonntag platzte der Knoten. Am späten Abend haben die Portugiesen in der Schweiz ihrer Mannschaft einen Empfang bereitet, wie man ihn hierzulande noch nie erlebt hat – tausend Motorräder bildeten eine Eskorte. Als erste hatten die Türken ihre Autos mit den Wimpeln geschmückt, die bei der WM in Deutschland in Mode kamen. Von den Balkonen wehen inzwischen die Fahnen vieler Länder – oft neben dem weißen Schweizer Kreuz auf rotem Grund: Die Schweiz ist fast so multikulturell wie ihre Nationalmannschaft.

          Man wird sich hüten, die Abstimmungsresultate über „die demokratische Einbürgerung“ zum blütenreinen Bekenntnis einer neuen Fremdenfreundlichkeit zu verklären. Als unerwartete Schlappe für die SVP, nach deren Vorstellungen einige der Nationalspieler gar nicht für die Schweiz kicken dürften, wird sie niemand verkennen. Die Parteiideologen selber haben nach dem Putsch des Parlaments gegen Blocher, der in der Stunde des größten Triumphs aus der Regierung verjagt wurde, die Abstimmung zum Testfall für ihre neue Rolle als systematische Opposition erklärt. Am Tag der Niederlage wurde die Sektion Graubünden, der die „Verräterin“ angehört, die Blocher im Bundesrat ablöste, aus der Partei ausgeschlossen. Doch nun drohen moderatere Kräfte mit dem Austritt und der Gründung einer neuen Partei.

          Ein schizophrenes Verhältnis

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