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EM-Final-Kommentar : Nur Wille, kein Esprit

Bild: dpa

Spanien war zu stark für die deutsche Mannschaft und ist Europameister. Der deutschen Auswahl reichten indes ihre altbewährten Tugenden nicht, um gegen die spielerische Überlegenheit der Iberer standzuhalten. Keine Frage: Spanien holte verdient den Titel.

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          Der Traum vom Titel – er hat sich nicht erfüllt. Aber diesmal scheiterte Deutschland nicht als todunglücklicher Verlierer wie vor zwei Jahren im WM-Halbfinale, sondern verdient als eine unterlegene Mannschaft, die nicht die spielerischen Mittel besaß, um eine wechselhafte Europameisterschaft am Ende doch noch zu krönen.

          Mit dem neuen und verdienten Europameister Spanien hat damit auch der attraktive, technisch reife und offensivmutige Fußball bei diesem Turnier gewonnen. Die Spanier als Nachfolger Griechenlands imponierten mit einer inspirierenden Gesamtleistung.

          Deutsche Tugenden liefen in diesem Finale ins Leere

          Die Deutschen schafften es im Finale nicht, mit Willen und dem mächtigen Ruf der Turniermannschaft den Spaniern dauerhaft Furcht einzuflößen. Nachdem die Mannschaft und Bundestrainer Joachim Löw schon während des Turniers einsehen mussten, dass sie spielerisch nicht wie erhofft und erwartet in der Lage waren, ihre Gegner zu beherrschen, liefen im Finale auch die deutschen Tugenden zu oft ins Leere.

          Der Unterschied, der sich in den drei Wochen zwischen spanischen Extrakönnern und deutschen Kämpfern aufgetan hatte – er wurde im Finale deutlicher sichtbar, als sich die Deutschen das vorgestellt hatten. Die Spanier, seit 21 Begegnungen unbesiegt und mit Profis aus einer Liga gesegnet, die mit das Beste zu bieten hat, was Europa seit Jahren vorweisen kann, erhielten nach 44 Jahren dafür den verdienten Titellohn.

          Spanische Spielsicherheit, Überlegenheit und Gefährlichkeit

          Der Anfang war noch so, wie ihn sich die Deutschen für dieses Endspiel der ungleichen Voraussetzungen gewünscht hatten. Sie waren von Beginn an konzentriert und zeigten damit genau das entschlossene Gesicht, vor dem die Spanier sich fürchteten.

          Nachdem aber die Iberer selbst die Vorteile eines in der Zentrale komprimierten Spiels entdeckten, verschoben sich die Gewichte immer weiter zugunsten einer in sich gefestigten Mannschaft, die ihre technische und spielerische Befähigung nun gegen ein Team zur Geltung brachte, das nicht in der Lage war, spielerische Dominanz zu entwickeln. Sondern vor allem darauf aus war, den Spaniern den Spaß am Spiel zu vergällen. Aber mit dem Bewusstsein, dass daran bei dieser Europameisterschaft schon andere Mannschaften gescheitert sind, gewann das Team von Trainer Luis Aragonés immer mehr an Spielsicherheit, Überlegenheit und Gefährlichkeit.

          Torres bewies beim Treffer echte Torjägerqualitäten

          Der entscheidende Treffer war dann ein Resultat, das typisch war für die Auftritte beider Teams in den vergangenen Wochen. Die Deutschen leisteten sich wie so oft einen individuellen Fehler zu viel – diesmal durch Lahm –, und die Spanier hatten diesen Treffer mal wieder durch die Mitte mit ihrem überragenden Mittelfeld eingeleitet.

          Torres bewies dazu seine außergewöhnlichen Torjägerqualitäten. Deutsches Bemühen gegen spanische Extraklasse, das machte in diesem Fall ganz exemplarisch den Unterschied zwischen den beiden Finalisten aus. Die Deutschen wehrten und stemmten sich zwar bis zur letzten Minute gegen die Niederlage. Aber ohne Esprit war ein guter und unermüdlicher Wille gegen eine exzellente Fußballmannschaft doch zu wenig.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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