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Die EM-Trainer und ihre Zukunft : Koryphäen von gestern - von Aragones bis Donadoni

  • -Aktualisiert am

Der „Imperator” gibt das Heft des Handels nicht aus der Hand - und kündigt seinen Rücktritt an Bild: dpa

Ob Aragonés, Donadoni oder Hickersberger: Über die Hälfte aller EM-Trainer beendet die nationale Mission. Doch schmerzhafte Trennungen gab es nicht - wenn auch manch ein Abschied erstaunliche Begleiterscheinungen parat hielt.

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          Die meisten Präsidenten lassen ein paar Nächte verstreichen, ehe sie bekanntgeben, was längst beschlossen ist. Immer mehr Trainer aber werden von sich aus initiativ und verkünden ihren Abschied, noch ehe Dritte über sie entscheiden. So patriotisch die Fußballfans in sechzehn europäischen Ländern die Auftritte ihrer Nationalmannschaften bei der EM begleitet haben und so oft das große Gemeinschaftsgefühl rund um diese vermeintlich nationalen Missionen auch bemüht worden ist: Wenn früher oder später das vorzeitige Ende einer Wunschreise ins Glück gekommen ist, wird aus dem letzten Gruß ihrer Reiseleiter oft genug eine hastige, schmucklose, kühle Geste der Unausweichlichkeit.

          Dann wird wie an der Supermarktkasse abgerechnet, dann ist kein Platz mehr für ein warmherziges Dankeschön und schon gar keine Nische für Sentimentalität. Für die Männer, die bei Europa- oder Weltmeisterschaften für drei oder vier Wochen wichtiger scheinen als Staatspräsidenten und Regierungschefs, beginnt ihr neuer Alltag oft genug mit dem Rausschmiss. Der Verbandsapparat, seismographisch die Stimmung im Volke ertastend, meldet sich zurück, die Hierarchie der Macht wird aufs Neue restauriert.

          Trainerfindungskommissionen sind von gestern

          Über die Hälfte aller Fußballlehrer, die bei der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz das Sagen hatten und manchmal gern das große Wort führten, ist nach dem Juni-Festival entweder auf Jobsuche oder in Rente oder längst anderswo unter Vertrag. Was am Ende einer Dienstfahrt in nationaler Mission stand, war diesmal in keinem einzigen Fall mit Szenen einer schmerzhaften Trennung unterlegt.

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          Die EM-Trainer und ihre Zukunft : Koryphäen von gestern - von Aragones bis Donadoni

          Trainer kommen, Trainer gehen - was in den Ligen achselzuckend zur Kenntnis genommen wird, ist inzwischen auch ein Stück Verbandsalltag. So emotional die Deutschen ihre Bundestrainer-Zäsuren inszenierten, ob mit Trainerfindungskommissionen wie nach dem unerwarteten Rückzug von Rudi Völler nach der EM 2004 oder mit hektischen Suchspielen wie nach dem Abgang von Berti Vogts ein paar Monate nach der WM 1998, gilt heutzutage als Folklore.

          Nach dem knappen Scheitern folgte der Rücktritt

          In Zeiten der medial befeuerten und marktgerecht inszenierten Massenbegeisterung erlischt diese so rasch, wie sie aufgeflammt ist - auch um Trainerkoryphäen von gestern. So wird in der Türkei wohl schon bald wieder an Fatih Terim herumgenörgelt werden, der bei der EM noch den großen Imperator gab und dessen Mannschaft erst im Halbfinale bravourös an Deutschland scheiterte.

          Da Terim, der noch einen Vertrag bis 2010 gehabt hätte, weiß, wie sehr er daheim polarisiert, hat er wie immer das Gesetz des Handelns selbst in die Hand genommen und noch in der Nacht des knappen Scheiterns seinen Rücktritt angekündigt. Er werde, sagte der beste und erfolgreichste türkische Coach, demnächst „sehr wahrscheinlich“ zu einem „europäischen Verein“ wechseln.

          Wohin führt nun der Weg von „Tanzbär“ Hicke?

          Andersherum, auf die charmante österreichische Art, tat Teamchef Josef Hickersberger zunächst so, als gehe sein Auftrag, das Team Austria aus der internationalen Versenkung zurück in den Kreis des Fußball-Establishments zu holen, nur so weiter. Doch die Fortsetzungsgeschichte entpuppte sich als Treppenwitz, da „Hicke“ ein paar Tage später die Erkenntnis gekommen war, in Zukunft „kein Tanzbär“ mehr sein zu wollen. Zumindest nicht in der Heimat.

          Da trifft es sich vielleicht, dass dem niederösterreichischen Europameister der Plauderkunst lukrative Offerten aus den Emiraten vorliegen sollen. Der Österreichische Fußball-Bund kam sich für einen Moment ebenfalls tanzbärenhaft vor und konzentriert seine Suche nach einem neuen Teamchef auf einen erfahrenen Übungsleiter aus dem „deutschsprachigen Raum“.

          „Für mich ist die Zeit vorbei. Es ist aus und vorbei“

          Seine eigene Art hat sich der 69 Jahre alte Trainersenior Luis Aragonés bewahrt. Unbeeindruckt von Spaniens Erfolgsweg bei der EM, hielt er an seiner schon vor dem Turnier verkündeten Rücktrittsentscheidung danach fest. Denen, die ihn umstimmen wollten, hielt der große Autonome aus Madrid stolz entgegen: „Für mich ist die Zeit vorbei. Es ist aus und vorbei. Punktum.“

          Da dieser ältere Herr noch vital genug ist, ein neues Abenteuer anzufangen, traut er sich nun auch erstmals heraus aus Spanien. Ausgerechnet in der für Trainer notorisch unruhigen Türkei heuert Aragonés künftig an: beim landesweit beliebtesten Klub Fenerbahce Istanbul. Da staunte auch Russlands niederländischer Trainerstar Guus Hiddink: „Respekt. Ich kann mir nicht vorstellen, mit knapp siebzig noch die Welt zu bereisen. Luis Aragonés muss unglaublich viel Energie haben.“

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