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Werner Schneyder : „Córdoba ist doch blödes Gewäsch“

  • Aktualisiert am

Als Kabarettist preisgekrönt, als Sportreporter Legende: Werner Schneyder Bild: dpa

Werner Schneyder ist Chansonnier, Dramaturg, Kabarettist, Schauspieler, Schriftsteller und Österreicher. In Deutschland glänzte er auch Sportreporter. Im FAZ.NET-Gespräch brilliert er vor allem als Kritiker der Cordoba-Hysterie seiner Landsleute.

          3 Min.

          Werner Schneyder ist Chansonnier, Dramaturg, Kabarettist, Schauspieler, Schriftsteller und Österreicher. In Deutschland glänzte er aber auch als zeitweiliger Moderator des Aktuellen Sportstudios im ZDF und als Kommentator von Boxkämpfen.

          Was stellen Sie denn gerade an?

          Ich inszeniere „Der Schwierige“ von Hugo von Hofmannsthal bei den Komödienspielen in Schloss Porcia.

          Der ehemalige Sportreporter Schneyder: „Die Stimme des Herrn Edi Finger habe ich nie in meinem Leben ertragen.”
          Der ehemalige Sportreporter Schneyder: „Die Stimme des Herrn Edi Finger habe ich nie in meinem Leben ertragen.” : Bild: picture-alliance / dpa

          Dann sind Sie ja ganz auf Theater eingestellt. Haben Sie am Montagabend schon was vor?

          Da ist doch das Länderspiel Österreich gegen Deutschland.

          Richtig.

          Da bin ich in Wien und schaue mir das Spiel in Gesellschaft der ARD-Sportmenschen an, weil wir dann nachher einen kleinen Talk darüber haben.

          Wie wird’s ausgehen?

          Na ja, ich nehme an, 3:0 für Deutschland. Ganz egal, ob es für beide jetzt um alles oder nichts geht. Ich glaube, dass das keine Rolle spielt. Aufgrund dieses, nennen wir es jetzt einmal – ich spreche das Wort ungern aus, weil es mir widerwärtig ist – des Córdoba-Komplexes spielen die Deutschen so oder so auf Sieg. Die österreichische Chance besteht darin, dass von 25 Fußballspielen eines anders ausgeht als erwartet. Die Deutschen müssen gewinnen, weil ihnen das blöde Gewäsch der Österreicher über die WM 1978 und Córdoba von vornherein auf die Nerven geht.

          Wissen Sie noch, wie Sie den 21. Juni 1978 verbracht haben?

          Ja, natürlich, in Vorfreude auf das Spiel, das, was vollkommen vergessen wird, ein schwaches Spiel war. Ich gehe immer, wie ich eben gesagt habe, davon aus, dass Österreich eines von 25 gegen Deutschland gewinnt. Das Schöne ist, es kann immer das nächste sein.

          Sind sie auch „narrisch“ geworden?

          Aber in keiner Weise, das liegt schon einmal daran, dass ich die Stimme des Herrn Edi Finger nie in meinem Leben ertragen habe. Die hat mir körperlichen Schmerz bereitet. Ich war zutiefst damit zufrieden, dass damals alles passiert ist, damit ein Spiel anders ausgeht: Der Ball ist dem Rüssmann über die Glatze gerutscht, der Krankl hat im Dribbling einen Prellball gehabt und hat ein phantastisches drittes Tor geschossen, wobei dieser Schuss in einem anderen Spiel auch gerne mal an die Latte gehen kann. Und Deutschland hatte ja auch noch ein Eigentor (durch Berti Vogts zum 1:1, Anm. der Redaktion) gemacht, so einfach war’s.

          Das 3:2 für Österreich ist in Ihrer Heimat als „Wunder von Córdoba“ gefeiert worden, für die Deutschen bedeutet es heute noch die „Schmach von Córdoba.“ Auf welcher Seite stehen Sie, rein gefühlsmäßig?

          In beiden Fällen auf Seiten der Leute, die solche Begriffe wie „Wunder“ und „Schmach“ in diesem Zusammenhang lächerlich finden. Es war einfach ein schwaches Match. Die Deutschen waren damals ja schon eine enttäuschte Mannschaft, das hat man ihnen angemerkt. Die ganze Fußball-Betrachtung leidet an der perspektivischen Täuschung der Menschen, die die Spiele sehen. Von den Österreichern heißt es in allen Zeitungen, sie hätten in der zweiten Halbzeit gegen Kroatien auf ein Tor gespielt. Das stimmt nicht: Sie haben auf einen Strafraum gespielt, das Tor haben sie unbehelligt gelassen. Wenigstens gegen Polen haben sie ja dann mal getroffen.

          Für die österreichische Sportgeschichte müssen die Fußballspieler von Córdoba, besonders Hans Krankl, allenfalls noch die Sympathie-Konkurrenz von Toni Sailer und Franz Klammer fürchten. Wie sieht Ihre Rangliste aus?

          Ich habe da keine Ranglisten, ich kann Fußball nicht mit Skifahren vergleichen. Ich finde Sailer und Klammer sympathisch, und ich mag den Krankl – und da muss man sagen: Er war immerhin Torschützenkönig in der spanischen Liga. Das ist etwas, das mir imponiert. Wie bei Sailer die drei olympischen Goldmedaillen und Klammers Abfahrtssiege in Innsbruck und Kitzbühel.

          Was muss den Deutschen peinlicher sein: das 2:3 von Córdoba 1978 oder das abgekartete Ballgeschiebe beim für die Deutschen dringend nötigen 1:0 gegen Österreich bei der WM 1982 in Gijon?

          Ich finde, dass Gijon das Peinlichste war, das man sich vorstellen kann. Und man muss immer wieder Leute, wenn sie den Mund so voll nehmen wie Breitner, daran erinnern, dass sie in Gijon mitgespielt haben.

          Córdoba ist von Massimo Furlan, der sich 90 Minuten lang ausschließlich auf die Laufwege und Gesten von Krankl konzentrierte, kürzlich im Hanappi-Stadion von Hütteldorf auf die Bühne gebracht worden, und Ror Wolf hat schon 1979 ein Hörspiel mit dem Titel „Córdoba Juni 13 Uhr 45“ produziert. Welche Darstellungsform würden Sie als Regisseur bevorzugen?

          Ich habe über Furlans Stück gelesen, aber es mir nicht angeschaut, weil ich jede Art von Mythos auf diesem Gebiet absolut lachhaft finde. Ich finde Fußball an sich ein so überwältigend gutes Theater, dass man es vor Regisseuren ausdrücklich in Schutz nehmen soll. Regisseure können diesen Sport wirklich nur verschlechtern, sie sind nicht annähernd so phantasievoll und begabt wie ein runder Ball.

          Können Sie als professioneller Provokateur auch mal eine Sportveranstaltung, ganz ohne zu kommentieren, genießen – oder stehen Sie ständig unter Redezwang?

          Iiich? Ich stehe nicht unter Redezwang – wenn ich zum Beispiel fassungslos das French-Open-Finale zwischen Nadal und Federer ansehe. Da sitze ich ganz stumm und denke mir: Der Nadal schlägt Bälle, die in der Physik eigentlich gar nicht vorgesehen sind. Das fällt unter Weltwunder, und ich sehe so etwas am liebsten allein.

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