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Missstimmung in der Nationalmannschaft : Das kleine Sommermärchen endet in Moll

Kevin Kuranyi (3.v.l.) muss Michael Ballack von einer unbedachten Aktion gegen Oliver Bierhoff abhalten Bild: REUTERS

Deutschland ist EM-Zweiter. Für Michael Ballack war es die nächste bittere Finalniederlage. Entsprechend löste sich nach der Partie die aufgestaute Wut, die Fragen aufwirft zum angeblich harmonischen Binnenverhältnis der Nationalelf.

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          Als Iker Casillas mit dem Pokal die Bühne erklomm und alle Blicke im Stadion auf sich zog, konnte Michael Ballack einfach nicht hinschauen. Er saß im Sechzehnmeterraum, den Kopf wendete er ab in Richtung Gegentribüne. Zu oft hatte der Unvollendete des deutschen Fußballs solche Szenen nach dem letzten Schlusspfiff schon erleben müssen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Immer wieder Zweiter. Seit Jahren ziehen sich Endspiel-Niederlagen wie eine finale Konstante durch seine große aber ungekrönte Karriere. Da saß er nun wieder mal, erschöpft, mit blutverschmierter Schläfe und schmerzender Wade und mochte nicht hinsehen, wie die Spanier einen Triumph feierten, der mit 31 Jahren doch endlich einmal seine Karriere hätte veredeln sollen.

          Selten gab es in einem Finale einen deutlicheren 1:0-Sieg

          Er konnte in diesem Moment nicht brav den hoch verdienten spanischen Europameistern applaudieren wie Simon Rolfes und einige andere der jungen Spieler. Der Kapitän war zusammen mit Jens Lehmann, der minutenlang wie apathisch am Pfosten lehnte und einen bäuchlings auf dem Rasen niedergestreckten Bastian Schweinsteiger der am sichtbarsten leidende Teil eines Teams, das an dem Abend seines angestrebten größten Triumphes nur schmerzhaft seiner Grenzen gewahr wurde.

          Wie steht es wirklich um das Verhältnis zwischen Kapitän Ballack und der Mannschafsführung?

          Selten gab es in einem Finale einen deutlicheren 1:0-Sieg. Spielerische Klasse, technische Brillanz und körperliche Präsenz der Spanier waren viel zu viel für ein deutsches Team, um über den Ausgang eines einseitigen Endspiels klagen zu können. Aber trotz der eigenen Harmlosigkeit kochte nach der Partie plötzlich auf einmal etwas hoch im deutschen Spielführer.

          Ballack musste auf Distanz gehalten werden

          Während die Spanier mit dem Pokal vom Stadion Besitz nahmen, geriet Ballack plötzlich mit Oliver Bierhoff im Strafraum aneinander. Der Kapitän gestikulierte, brüllte und reckte den Arm zornig in Richtung des Managers. Er war so aufgebracht, dass Kevin Kuranyi und Assistenztrainer Hansi Flick dazwischen gehen mussten, um Ballack zu beruhigen und ihn vom Manager auf Distanz zu halten.

          Was war da nur passiert beim Kapitän einer Mannschaft, deren Teamgeist wie ein Mantra beschworen, deren Zusammenhalt bei jeder Gelegenheit betont und ihre besondere Einstellung stets gelobt wurde? „Ich habe gebeten, dass wir später in die Kurve gehen“, sagte dazu ein auch in der Mixed Zone des Ernst-Happel-Stadions noch angespannter Oliver Bierhoff.

          Ballack redete in „Fußballersprache“ statt „Eventspreche“

          Ein solch offensichtlicher Streit nur wegen der Bitte, sich von den Fans zu verabschieden, was für die Spieler gerade nach einem verlorenen Finale eine Selbstverständlichkeit ist? Bekam da der deutsche Kapitän vielleicht nur seine Enttäuschung über eine weitere Endspiel-Niederlage nicht mehr unter Kontrolle, nachdem er vor fünf Wochen nach dem Finale der Champions League in sich zusammen sank – und sich damit nach sechs Jahren die sportliche Endspieltragödie von Ballack wiederholte? Auch im Jahr 2002 hatte er erst das Endspiel der Champions League mit Bayer Leverkusen verloren und musste wenige Wochen später gesperrt zuschauen, wie die Nationalmannschaft das WM-Endspiel gegen Brasilien verlor.

          Oder kam da etwas zum Vorschein, was sich angestaut hatte zwischen dem aktuellen und ehemaligen Kapitän der Nationalmannschaft, die eine so unterschiedliche Sprache sprechen? Auf dem Platz war in diesen Momenten zwischen Ballack und Bierhoff jedenfalls nicht Eventsprache, sondern „Fußballersprache“ zu hören, wie Ballack deutliche Worte zu nennen pflegt.

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