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Joachim Löw : Genussmensch unter Hochdruck

Joachim Löw: „Alles sieht sehr leicht aus” Bild: Archiv

Joachim Löw hat sich im Verlauf dieser Europameisterschaft entwickelt. Vom Systematiker, der glaubte, alles kontrollieren zu können, zum Kämpfer, der sich auf seine Improvisationskunst verlassen muss.

          3 Min.

          Das Kamerateam wartete vor dem Mannschaftsquartier in Ascona. Der Auftrag: eine erste Reaktion des Bundestrainers auf den Finalgegner. Das gehört zum Geschäft. Routine. Der Bundestrainer tritt mit eher unbewegtem Gesicht vor die Kamera, durchaus nicht unfreundlich. Er sagt Routinesätze: „Die Spanier haben konstant auf einem guten Niveau gespielt. Sie haben eine beeindruckende Leistung geboten.“

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Aber nach kurzer Zeit wirkt Löw auf einmal gelöster. Er spricht und analysiert die Spielweise der Spanier genauer. „Wenn sie in Führung gehen, können sie geschickt den Ball in den eigenen Reihen halten, so dass man kaum mehr an den Ball kommt. Sie spielen nicht so positionsorientiert, sie sind variabler und flexibler als die Portugiesen“, sagt der Bundestrainer.

          Joachim Löw ist ein Fußball-Genießer

          Zwischen den Sätzen beginnt er zu lächeln. Er gerät regelrecht ins Schwärmen, als er erzählt, wie geschickt die spanischen Mittelfeldspieler ihre Positionen wechselten, und auf einmal wirkt es so, als spräche da nicht der Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft über den Finalgegner bei der Europameisterschaft, den es an diesem Sonntag zu schlagen gilt, sondern ein Fußball-Liebhaber, der eine Mannschaft zu sehen bekam, deren Spiel er einfach nur genießt.

          Aus der Haut gefahren gegen Österreich: Sein System stand auf der Kippe

          Aber es ist wahrscheinlich tatsächlich so. Joachim Löw ist ein Fußball-Genießer. Er kann nicht anders. Selbst bei einer Mannschaft, die ihm und seinen Spielern am Sonntag den Titel streitig macht. „Alles sieht sehr leicht aus“, sagt Löw zum Schluss. Es ist vielleicht das größte Lob, das ein Fußball-Genießer bereithalten kann.

          Er kann sich kontrollieren - auch beim Nikotin

          Genießen – das ist ein Wort, das Joachim Löw bei dieser Europameisterschaft oft gebraucht hat. Er sagte es schon vor dem Turnier. Er kündigte an, die Europameisterschaft zu genießen. Und das sagt er nun auch vor dem Endspiel, in dem er sein erstes Turnier als alleinverantwortlicher Trainer mit einem Titel krönen kann. Das hat in der langen DFB-Geschichte bisher nur Jupp Derwall geschafft. Das ist 28 Jahre her, eine andere Zeit. Aber genießen? Davon hat noch kein Bundestrainer vor Joachim Löw gesprochen.

          Aber man fragt sich nach drei aufregenden Wochen Europameisterschaft: Genießen unter Druck – wie geht das? Oder ist Genuss für Löw nur ein anderes Wort für den Wunsch nach Perfektion, dem perfekten Spiel? Und was gab es am deutschen Spiel für Joachim Löw eigentlich zu genießen? Der Genussmensch Löw und ein Bundestrainer unter Druck, sie sind sich in Wien begegnet.

          Der Mensch mit Ruhepuls 60 schrie, gestikulierte, ballte die Fäuste

          In einem Glaskasten, in den die Europäische Fußball-Union den Trainer für das entscheidende Vorrundenspiel gegen Österreich verbannte. Löw steckte sich dort aus Nervosität eine Zigarette an, aber am nächsten Tag wollte er nicht sagen, dass er es vor Aufregung kaum ausgehalten hat, untätig von seiner Mannschaft weggesperrt das bis dahin wichtigste Spiel seiner Bundestrainer-Karriere zu erleben. Löw sagte: „Ich bin Genussraucher.“ Das sollte wohl heißen, dass er sich kontrollieren kann – und auch die suchterregenden Stoffe: Nikotin und Fußball.

          Kontrolle, das ist auch so ein Schlüsselwort. Löw hat sich nichts weniger vorgenommen, als das Fußballspiel zu kontrollieren, seine Abläufe vorherzusehen und für alles vorab schon einen Plan zu ertüfteln. Und auch sich selbst wollte er kontrollieren. Aber beides ist ihm bei dieser Europameisterschaft mitunter nicht gelungen, und das, muss man sagen, war ein Glück. Der Bundestrainer war mit der Gewissheit in das Turnier gegangen, ein Mensch mit Ruhepuls 60 zu sein.

          Der Genießer ist auch ein Kämpfer

          Selbst das Elfmeterschießen im WM-Viertelfinale gegen Argentinien habe sein Herz nicht schneller schlagen lassen. Da war er aber auch noch nicht der Chef, sondern der Assistent. Gegen Österreich fuhr er für einen Ruhepuls-60-Bundestrainer am Spielfeldrand gegenüber dem vierten Offiziellen schon aus der Haut. Der Druck, sein System stand auf der Kippe, nicht Klinsmanns. Im Halbfinale platzte Löw fast vor Emotionen. Er schrie, gestikulierte, ballte die Fäuste, die Anspannung verzerrte sein Gesicht. Ein Genießer?

          Ein Kämpfer! Er hat sein System verteidigt.Druck, das ist das dritte Schlüsselwort. Der Umgang mit Druck, er hat bisher über den Verlauf der Europameisterschaft geherrscht. Die Spanier, sie hatten bisher keinen Favoritendruck, nicht im Viertelfinale gegen Italien und auch nicht im Halbfinale gegen die Russen. Im Endspiel wird das anders sein, auch wenn sie seit 24 Jahren nicht mehr im Finale standen. Sie spielten zu konstant und verwöhnten auch Genießer, nicht nur Ergebnisspekulanten.

          „Der Druck ist weg“

          Löws Mannschaft aber hatte bisher keine dauerhafte Kontrolle über das Turnier, mitunter auch nicht über ihr eigenes Spiel. Überzeugend gegen Polen, dann ein Ausfall gegen Kroatien, Kampf und Krampf gegen Österreich, beflügelnd gegen Portugal, altdeutsch gegen die Türkei. Kontrolle sieht anders aus. Genuss auch. Doch all das könnte nun ein Vorteil sein beim Druckausgleich vor dem Finale. Löw weiß das natürlich, zumal der Umgang mit Druck auch bisher am Ende immer glückte. Aber am besten dann, wenn er vorher gar nicht da war, nicht für die Mannschaft, nicht für Löw. So wie jetzt.

          „Der Druck ist weg“, sagt der Bundestrainer vor dem Endspiel. Die Mannschaft und der Bundestrainer, sie haben jetzt nichts mehr zu verlieren, nachdem sie schon allen Widrigkeiten getrotzt haben. „Wir können viel gewinnen – und das streben wir an. Wir haben jetzt diese Siegermentalität, um das Finale zu gewinnen.“ Vielleicht kann Joachim Löw das Endspiel wirklich genießen.

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