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Finale Erinnerungen : „Golden Goal“ am Küchentisch

  • -Aktualisiert am

3:1 durch Gerd Müller (dunkles Trikot): 1972 siegt die Nationalelf erstmals in England, wird später in Brüssel Europameister. Die Jahrhundertelf ist geboren Bild: AP

Ein grandioser Triumph in schwarz-weiß, ein verschossener Elfmeter in Farbe, ein vergessenes Endspiel beim Abiturjubiläum. Fünfmal schon stand die deutsche Nationalmannschaft in einem EM-Finale. Dieter Hoß schwelgt in Erinnerungen.

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          „Ach, Du kannst Dich an '74 ja noch erinnern!“ Das Erstaunen der jüngeren Kollegen war für mich neben der Halbfinal-Niederlage unserer WM-Helden der vielleicht dunkelste Moment des Sommermärchens 2006. Selten wurde mir deutlicher vor Augen geführt, dass ich so langsam in die Jahre gekommen bin. Doch die volle Wahrheit ist sogar noch bitterer: Meine fußballerische Erinnerung reicht nämlich noch weiter zurück - bis 1972, als zum ersten Mal eine deutsche Nationalmannschaft im Finale einer Europameisterschaft stand und gewann.

          An „Public Viewing“ war damals natürlich noch nicht zu denken. Im Gegenteil: Wer auch nur in der Eck-Kneipe guckte, geriet sofort in den Verdacht, sich keinen Fernseher leisten zu können. Man schaute zu Hause, in schwarz-weiß, und fragte am Tag darauf Verwandte, Freunde oder Kollegen: „Hast Du auch das Spiel gesehen?“ Natürlich hatten sie.

          Die legendären 72er

          Vom damaligen Finale, das unsere Familie also im Wohnzimmer am Schwarz-Weiß-Fernseher verfolgte, ist mir vor allem ein Transparent auf den Zuschauerrängen in Erinnerung geblieben: „Glaube nicht an Spuk und böse Geister, Deutschland wird Europameister“. Das 72er Team war in Europa derart überragend, dass es keinen Zweifel an einem Sieg gab - erst recht nicht, seit Beckenbauer, Netzer, Müller und Co. im Viertelfinale, das damals noch in Hin- und Rückspiel ausgetragen wurde, England ausgeschaltet hatte. Das legendäre 3:1 war der erste Sieg eines deutschen Teams im Londoner Wembley-Stadion - und wohl das erste Spiel, das ich bewusst in voller Länge gesehen habe. Es war eines jener Spiele, das Zuschauer zu Fans macht, ein Spiel, von dem Günter Netzer einmal sagte: „Da waren wir der Perfektion sehr nah.“ Ich durfte bis zum Abpfiff wach bleiben, mein Onkel tanzte auf dem Tisch. Ein denkwürdiger Tag.

          Uli Hoeneß versagen die Nerven beim EM-Finale 1976

          Etwa zwei Monate später war die Sowjetunion im Finale wirklich kein echter Gegner. Gerd Müller und „Hacki“ Wimmer von „meinen“ Gladbachern sorgten in Brüssel für ein nie gefährdetes 3:0, das Transparent lautete nach dem Spiel „Glaube nicht an Spuk und böse Geister, Deutschland ist Europameister“ und ich dachte mit meinen knapp neun Jahren: „Wie mag das für die anderen sein, wenn unsere doch fast immer gewinnen?“

          Hoeneß verschießt „in bunt“

          Seit dem Sieg der später so getauften „Jahrhundertelf“, die 18 Jahre nach dem unvergessenen „Wunder von Bern“ wieder ein großes Turnier gewann, gelang der deutschen Nationalmannschaft inklusive des aktuellen Alpenerfolgs noch fünfmal der Einzug in ein EM-Finale. Dreimal holte sie den Titel, wie es am Sonntag ausgeht wissen wir natürlich noch nicht. Erstaunlicherweise entscheidet nicht Sieg oder Niederlage, ob man sich in besonderer Weise erinnert. Die Europameister von 1980 sind mir kaum im Gedächtnis geblieben. „Kopfballungeheuer“ Horst Hrubesch machte die Tore beim 2:1-Finalsieg gegen Belgien, gefüttert von Manni Kaltz' berühmten Bananenflanken, denke ich. Es war das dritte EM-Finale in Folge. Aber sonst?

          Uli Hoeneß' Fehlschuss im Elfmeterschießen des verlorenen EM-Finales von Belgrad vier Jahre zuvor ist dagegen unvergessen. Geguckt wurde immer noch zuhause, inzwischen aber „in bunt“, denn zur WM im eigenen Land waren zwei Jahre zuvor zahlreiche Farbfernseher gekauft worden, an deren nicht selten milchig-verschwommenen Bildern man sich munter die Augen verdarb. In faszinierenden, dramatischen Kämpfen hatte sich die deutsche Elf vorgearbeitet. Das Halbfinale gegen Gastgeber Jugoslawien war schon verloren, ehe der eingewechselte Debütant Dieter Müller vom 1.FC Köln erst die Verlängerung erzwang und dann mit zwei weiteren Toren die deutsche Elf ins Finale schoss. Im Endspiel gelang der Ausgleich nach 0:2-Rückstand noch in der 90. Minute. Doch als Hoeneß seinen Elfmeter verschoss, war alles vorbei, die Tschechen gewannen den Pokal. Ist es wirklich war, dass wir seither kein Elfmeterschießen mehr verloren haben? Unglaublich.

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