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FAZ.NET-Übersteiger : Sind wir nur eine Karnevals-Nationalmannschaft?

Der Übersteiger: die FAZ.NET-Kolumne Bild: Ulrike Frey

Die DFB-Auswahl und ihre Fans haben sich zu einer Karnevals-Nationalmannschaft entwickelt. Statt des Ereignisses zählt das Event. FAZ.NET macht sich zum Ende der Europameisterschaft Gedanken zum schwarz-rot-goldenen Straßentheater.

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          Seit jeher wird so mancher Fußball-Profiklub aus den Karnevalshochburgen am Rhein von gegnerischen Fans mit dem Song „Ihr seid nur ein Karnevalsverein“ in Misskredit gebracht. Die DFB-Auswahl und ihre Fans haben sich nun endgültig von sich aus zu einer Karnevals-Nationalmannschaft entwickelt. Die Fans verkleiden sich millionenfach dreifarbbunt, veranstalten ein schwarz-rot-goldenes Straßentheater und die Mannschaft tanzt dazu Männerballett.

          Der Hype um den Europameisterschaftszweiten ist kaum noch durch sportliche Leistungen begründet, sondern nur noch die Folge eines reflexhaften, von einer geschickten Marketingstrategie gelenkten Verhaltens der schwarz-rot-geilen Partygesellschaft, die kaum mehr als fünf Nationalspieler beim Namen nennen kann. Es geht nur noch um das Event statt um Würdigung wirklicher sportlicher Ereignisse oder etwa das Anhimmeln von Vorbildern. Das ist alles schön und gut, untergräbt aber die seriöse Seite des Sports, der nicht nur den ewigen Jubel, sondern eben auch das Gefühl des Scheiterns vermitteln soll.

          Ballack bewahrt sich das Recht auf schlechte Laune

          Michael Ballack scheint einer der wenigen Gäste der andauernden Fußball-Party, der noch Sportler genug ist, um sich das Recht auf schlechte Laune zu bewahren. Auf dem Rasen von Wien suchte der Kapitän der Nationalmannschaft in der Stunde der Niederlage die Auseinandersetzung mit dem „Event-Manager“ Oliver Bierhoff.

          Reflexhaftes Verhalten der Spaßgeselschaft

          In Berlin wahrte er im Interview auf der Bühne pflichtgemäß die Form, ehe er sich frühzeitig aus der ersten Reihe der Karnevalsgesellschaft rund um Spaßmacher Oliver Pocher verabschiedete und im Hintergrund fern des Getöses seinen finalen Euro-Schmerz verarbeitete. Schon vor zwei Jahren verhielt er sich ähnlich, als die Nationalmannschaft nach dem Spiel um Platz drei der Weltmeisterschaft das Original zur Wiederholung vom Montag aufführte.

          Vereinnahmung der Fankultur

          Im Vordergrund, anbiedernd dargeboten von den eigentlich zur Distanz verdonnerten „Journalisten“ Johannes B. Kerner und Monica Lierhaus moderiert, nimmt derweil die Vereinnahmung der Fankultur durch die Marketingstrategen ihren Lauf. Der DFB-Ausrüster klaut den beliebten Fan-Slogan „So gehen die Deutschen“, mit denen die Fans seit geraumer Zeit ihre Spieler nach Siegen im Stadion zu feiern pflegen, aus den Boxen dröhnt der „White Stripes“-Hit „Seven Nation Army“, die ehemalige Erkennungsmelodie der Ultrabewegung, die schon bei den Europameisterschaftsspielen als Einlaufmelodie missbraucht wurde.

          Natürlich darf der Wirtschaftszweig Fußball sich marktgerecht verkaufen, da es um sehr viel Geld geht, dass der DFB und seine Eliteauswahl Jahr für Jahr einspielen. Auch die Party vom Montag stellte die DFB-Sponsoren sicher wieder zufrieden, weil Bälle mit Unternehmens-Logos ins Publikum flogen und Autofirmen und Sportartikler im Fernsehen Präsenz zeigen konnten. Der Verband sollte unter diesen Umständen wenigstens darauf verzichten, penetrant auf seine Volksnähe zu verweisen.

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