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Farbpsychologie : Deutschland sieht Rot

Der erste Sieg gegen Rot: Deutschland (hier Podolski, l., gegen Saganowski) räumte die roten Polen im ersten Turnierspiel mit 2:0 aus dem Weg Bild: dpa

Eigentlich sind rote Trikots ein Vorteil. Das sagt die Wissenschaft. Deutschland hat die empirische Forschung bei dieser Europameisterschaft jedoch in beeindruckender Weise widerlegt - ein gutes Omen für das Finale gegen die „roten“ Spanier.

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          Jürgen Klinsmann hatte einst vor der Weltmeisterschaft 2006 eine großartige Idee: Im Vorherbst des Sommermärchens packte der Bundestrainer rote Trikots aus, mit denen seine vermeintlichen Elite-Kicker künftig die Welt erobern oder doch zumindest die Weltmeisterschaft gewinnen sollten. „Die Mannschaft“, so ähnlich hat es der schwäbelnde Kalifornier gesagt, „ist die, die wo lieber in Rot spielt“.

          Zudem deute die Farbe mit den langen Wellen jene Aggressivität an, mit der seine Kicker bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land auflaufen wollten. Klinsmann sorgte mal wieder für einen Aufschrei unter den Traditionsbewahrern an der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise, nur der DFB-Ausrüster jubelte - das schicke Rot versprach einen deutlich besseren Umsatz als die trotz aller politischen Grenzverschiebungen Deutschlands seit dem ersten Länderspiel im Jahr 1908 bewährte preußische Farbkombination Schwarz-Weiß.

          Die Wissenschaft liefert Beweise

          Niemand weiß nun so genau, wie viel Theorie-Arbeit Klinsmann leistete, bevor er seine Präferenz kundtat, vom einst grünen, dann grauen Auswärtstrikot zum roten wechseln zu wollen - letztlich spielten die Deutschen übrigens vor allem auch deshalb in Weiß, weil sie in Rot katastrophale Testspielniederlagen gegen Italien und die Slowakei kassiert hatten.

          Beweis Nummer zwei: Ballack überwindet beim Freistoß zum 1:0-Siegtreffer mit Urgewalt die rote Mauer

          Die Wissenschaft hätte dem Rot-Fetischisten Klinsmann dennoch gute Argumente geliefert: In einer im Wissenschaftsmagazin „Nature“ veröffentlichten Studie haben die Wissenschaftler Robert Barton und Russell Hill vor geraumer Zeit herausgefunden, dass während der Olympischen Spiele 2004 in den olympischen Kampfsportarten wie Ringen und Boxen eine signifikant hohe Quote an Siegern in roten Anzügen angetreten ist. Da in diesen Sportarten vor dem Kampf ausgelost wird, wer in rot und wer in blau anzutreten hat, ist das verblüffende Ergebnis ernst zu nehmen als Hinweis auf Vorteile der roten Sportkleidung.

          Ist Rot Furcht einflößend oder wird der Schiedsrichter manipuliert?

          Es könnte, so folgern schlaue Wissenschaftler, zwei Gründe geben für die empirisch nachgewiesene Überlegenheit der „Roten“: Zum einen könnte Rot - wie es die Farbpsychologie nahe legt - eine Furcht einflößende Wirkung auf den Gegner und eine positive, stimulierende auf die eigene Leistungsfähigkeit haben.

          Zum anderen ist denkbar, dass sich der Schiedsrichter zum Rot hingezogen fühlen könnte bei seinen Entscheidungen. Zu diesem Ergebnis kamen jüngst die Wissenschaftler Norbert Hagemann, Jan Leißing und Bernd Strauß von der Universität Münster. „Unsere Ergebnisse geben Anlass zu der Vermutung, dass die Ursache des statistischen Vorteils von Rot bei den Schiedsrichtern liegt, die Rot als Signalfarbe wahrnehmen“, sagt der Sportpsychologe Strauß.

          Erklärung fürs Wembley-Tor?

          Dies wiederum würde erklären, weshalb 1966 England dank Schieds- und Linienrichters Gnaden bei der fälschlichen Anerkennung des Wembley-Tors Weltmeister wurde. England spielte - übrigens als bislang einziger Weltmeister - in roten Jerseys, weil die Deutschen in der ebenfalls von den Engländern bevorzugten Stammfarbe Weiß antreten durften. Hätten Seeler, Beckenbauer und Co. doch nur verzichtet!

          Die laufende Europameisterschaft und vor allem die Erfolge der deutschen Nationalmannschaft freilich hat die Empiriker kräftig widerlegt: die DFB-Auswahl hat ihre bislang vier Siege gegen die „roten“ Teams aus Polen, Österreich, Portugal und der Türkei erzielt, lediglich gegen die „blauen“ Kroaten haben die Deutschen verloren - ein gutes Omen für das Spiel gegen die am Sonntag wieder in ihren traditionellen roten Trikots spielenden Spanier. Die wiederum haben den Finaleinzug übrigens in ihren goldenen Ausweichtrikots gegen die rotgekleideten Russen geschafft...

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