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Was in Portugal zählt : Fußball, Fado, Fatima

Figo Superstar Bild:

Die EM soll ein Land erlösen, das sich mit Wirtschafts-, Politik- und Sinnkrisen herumplagt.

          Ein Portugiese kommt in ein Friseurgeschäft. Der Friseur fragt: Wie soll ich Ihnen die Haare schneiden? Der Kunde antwortet: Ohne über Fußball zu reden!

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Über solche Anekdoten amüsieren sich die Portugiesen. Sie finden die Vorstellung wirklich aberwitzig, daß zwei Männer gemeinsam Zeit verbringen, ohne über Fußball zu fachsimpeln oder zumindest zu plaudern. Jeder hat schließlich seinen Lieblingsverein, und jeder hat seine feste Meinung, warum die anderen Klubs nichts taugen. Verrückt nach Fußball ist also das Volk, zumindest dessen männlicher Teil: Alte wie Junge, Fischer wie Finanzbeamte, Busfahrer wie Intellektuelle. "Wenn ich nicht schreibe", sagt der portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes, "bin ich desorientiert, schaue mir nur Fußball im Fernsehen an." Fußball bietet Identifikation, Zerstreuung und stiftet Sinn - und in einem halben Jahr soll Fußball sogar das Land erlösen, das sich mit Wirtschafts-, Politikund Sinnkrisen herumplagt. "Futebol" habe eine "außerordentlich ausgleichende Kraft", behauptet Gilberto Madail, der Präsident des Portugiesischen Fußballverbandes. Glücklich ist Madail daher, daß das Land am Südwestzipfel des Kontinents durch die Europameisterschaft 2004 "nun ein bißchen im Mittelpunkt der Welt" stehe. Glücklicher wäre er, wenn die Selecao ihren ersten Titel gewinnen würde.

          künstlerisch wertvoll und erfolgreich

          Schließlich ist es um das angeschlagene Selbstbewußtsein der Portugiesen immer dann besser bestellt, wenn ihre Profikicker international für Aufsehen sorgen. So wie vor einem halben Jahr, als der FC Porto als erstes lusitanisches Team den UEFA-Pokal gewann und Ministerpräsident Durao Barroso den Erfolg der Nordportugiesen sogleich voller Stolz für das ganze Land reklamierte. Oder wie drei Jahre zuvor, als sich Figo, Gomes, Conceicao und Co. bei der EM in Belgien und den Niederlanden mit künstlerisch wertvollem und endlich auch einmal erfolgreichem Fußball viele Freunde machten; nach dem Erreichen des Halbfinales waren portugiesische Profis in europäischen Spitzenligen begehrt wie selten seit den besten Tagen Eusebios, des WM-Torschützenkönigs von 1966. Die portugiesische Fußballgemeinde ist sich der Außenwirkung ihrer Stars wohl bewußt, wie eine Umfrage der Katholischen Universität vor drei Wochen ergeben hat. Auf die Frage, wer oder was ein positives Bild des Landes nach außen vermittle, antwortete jeder vierte "die Sportler"; nur die eigene Lebensart und die touristischen Gegebenheiten wurden für wichtiger gehalten. Zwei Drittel der 741 Befragten zeigten sich sogar sicher, daß die kommende EM das Image Portugals deutlich verbessern werde.

          Manch Außenstehende sind schon jetzt tief beeindruckt. "In diesem Land geschieht etwas ganz Phantastisches", lobt Ernest Walker, bei der Europäischen Fußball-Union (UEFA) für den Stadionbau zuständig und deshalb ständiger Besucher in Portugal. Waren der Schotte und die anderen UEFA-Beobachter seit der Vergabe des Turniers 1999 skeptisch, ob der Zeitplan wegen anhaltender Streitigkeiten zwischen Staat und Vereinen um die Finanzierung der zehn EM-Stadien eingehalten werden kann, so spricht Walker nun von einem "Wunder", das geschehen sei. Architektonisch hätten die Portugiesen gezeigt, "daß sie Spektakuläres leisten können und über große künstlerische Fähigkeiten verfügen".

          "Das Spiel stellt für uns eine Feierlichkeit, eine Art Liturgie dar"

          Walkers frohe Botschaft, so hoffen die Portugiesen, möge sich über ganz Europa verbreiten. Denn die Fußball-EM soll in dem Land den darniederliegenden Tourismus wieder in Gang bringen, die Massen anziehen wie zuletzt 1998 die Weltausstellung in Lissabon. Die Lusitanier hoffen vor allem, daß ausländische Gäste den Besuch eines der 31 EM-Spiele zu einem Urlaub ausweiten mögen. Die Erfahrungen bei den vergangenen Turnieren machen nicht gerade Mut: Vor drei Jahren in Belgien und den Niederlanden blieben die Gäste im Schnitt gerade einmal 1,2 Tage. Zudem rührt die portugiesische Tourismusbranche kaum die Werbetrommel; und wenn, dann nicht immer mit glücklichem Händchen: Auf einer bei der Internationalen Tourismusbörse in Berlin verteilten Broschüre war José Antonio Camacho auf dem Titelfoto abgebildet, seines Zeichens Trainer von Benfica Lissabon - und Spanier.

          Die Empörung war groß in dem kleinen Portugal, gehört der Fußball dort doch seit langem zu den drei großen F der Gesellschaft: Fußball, Fado, Fatima entwickelten sich schon während der bis 1974 dauernden Diktatur zum Politikersatz. Im Fado singen Portugiesen über Lust und Leid an der Liebe, nach Fatima, wo drei Hirtenkindern 1917 angeblich die Gottesmutter erschien, pilgern die Gläubigen. An jenem Wallfahrtsort gaben vor zwei Wochen auch die portugiesischen Bischöfe der bevorstehenden Europameisterschaft ihren Segen. "Die Stadien sind schön und modern, große Bühnen zur Freude der Portugiesen", sagte Kardinal José Policarpo. Der Klerus weiß genau um die Bedeutung des weltlichen Kicks. Oder ist der Fußball für die Portugiesen gar nicht so profan, sondern "fast etwas Heiliges", wie Manuel Alegre, Schriftsteller und ehemaliger Parlaments-Vizepräsident schrieb? "Das Spiel stellt für uns eine Feierlichkeit, eine Art Liturgie dar", behauptet Alegre. Worte, die nach Weihrauch klingen - oder nach Opium fürs Volk.

          Welcher Fußballklub im speziellen aber angebetet werden soll, entscheiden oft die Väter. Portugiesische Papis gehen sogar so weit, für den Säugling gleich unmittelbar nach dessen Geburt die Mitgliedschaft in ihrem Lieblingsverein zu beantragen. Das Foto auf dem Klubausweis zeigt dann mitunter den Kopf eines schlafenden Babys. So drohen Portugal keine Nachwuchsprobleme: Selbst wer noch nicht krabbeln kann, ist schon dem Fußball verbunden.

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