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Nationalmannschaft : „Rudi baut ein richtiges Bollwerk“

  • Aktualisiert am

Bild: dpa

Trotz der Geheimniskrämerei des Teamchefs gilt als sicher, daß Kevin Kuranyi einziger Stürmer des Nationalteams gegen Holland sein wird. Frank Baumann soll das defensive Mittelfeld verstärken. In der Abwehr bleibt es bei der Viererkette.

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          Nach drei Wochen Trainingslager in zuletzt völliger Abschottung muß die deutsche Nationalmannschaft im Prestigeduell gegen die Niederlande vor einem Millionen-Publikum ihre EM-Tauglichkeit beweisen (FAZ.NET-Spezial Euro 2004). An markigen Worten von Seiten der Trainer fehlte es auch 24 Stunden vor dem Anpfiff am Dienstag (20.45 Uhr/ZDF) im Estadio do Dragao in Porto nicht. „Wir müssen an unsere Stärken glauben und als Team auftreten, dann ist alles möglich“, verkündete Teamchef Rudi Völler. Und Assistent Michael Skibbe tönte: „Die Mannschaft ist optimal vorbereitet, das werden die Holländer als erstes zu spüren bekommen.“

          Außer verbalen Kampfansagen ließ sich die sportliche Leitung auch am Montag nichts entlocken, sondern setzte die Geheimniskrämerei um taktische Ausrichtung und personelle Besetzung mit sichtlichem Vergnügen fort. Skibbe behauptete gar, daß die Mannschaft erst bei der Abschlußbesprechung knapp vier Stunden vor Spielbeginn darüber aufgeklärt werden soll, wer wo und gegen wen anzutreten hat. „Die Aufstellung wissen nur drei Leute: Rudi Völler, Erich Rutemöller und ich.“

          Kuranyi einziger Angreifer

          Vieles spricht dafür, daß sich der Weltmeisterschaftszweite auf dem Platz in seiner taktischen Grundordnung ähnlich einigeln wird wie in den vergangenen Tagen in seiner gesamten Präsentation. „Rudi baut ein richtiges Bollwerk auf“, urteilte Franz Beckenbauer über die allseits vermutete Aufstellung. Demnach wird Völler den Bremer Frank Baumann
          als Zusatz-Absicherung im fünfköpfigen Mittelfeld einbauen und mit Kevin Kuranyi als Alleinunterhalter im Angriff operieren. In der Innenverteidigung bleiben Christian Wörns und Jens Nowotny ungeachtet ihrer desolaten Vorstellung im letzten Testspiel gegen Ungarn erste Wahl. Die Turnier-Neulinge Arne Friedrich und Philipp Lahm komplettieren die Abwehrkette.

          Zur Aufstellung, sag ich nichts

          Objektiv gibt es allerdings kaum Anzeichen, daß die in den letzten Monaten immer wieder aufgetretenen spielerischen Mängel während der EM-Vorbereitung tatsächlich beseitigt sind. Völler sieht den größten Fortschritt in der durch das lange Beisammensein geförderten „mannschaftlichen Geschlossenheit“. Beim Bestreben, „eine völlig intakte Einheit“ (Skibbe) zu bilden, scheint jeglicher Kontakt zur Außenwelt unerwünscht. Als der DFB-Troß am Montagmittag für 38 Stunden seine wie eine Festung bewachte Herberge an der Algarve zum Kurztrip nach Porto verließ, sorgten Sicherheitskräfte und Polizeieskorten dafür, daß keine Kamera und kein Mikrofon in die Nähe eines deutschen Nationalspielers kam.

          Spieler weitaus zurückhaltender

          Nach dem 45minütigen Sonderflug quartierte sich das Team in einem komplett gebuchten Stockwerk des Sheraton-Hotels ein, ehe Völler zum Abschlußtraining ins 52.000 Zuschauer fassende Stadion des FC Porto lud. Wie schon am Wochenende sperrte Völler auch dabei die Öffentlichkeit nach dem Aufwärmen aus.

          „Körperlich werden wir alles aus uns herausholen und bis zur letzten Sekunde laufen und kämpfen. Das kann ich versprechen“, sagte Völler. Während die Offiziellen tagtäglich verbalen Optimismus schürten, klangen die Statements der Spieler weitaus zurückhaltender. „Wir werden probieren, die Vorrunde zu überstehen“, entgegnete der Dortmunder Wörns auf die Frage nach seinem EM-Ziel. Und auch Michael Ballack ließ durchblicken, daß man mit einem mulmigen Gefühl in die EM-Nagelprobe gehe.

          Statistik als Mutmacher

          „Wir können nur mit einer mannschaftlichen Geschlossenheit erfolgreich sein“, räumte der Mittelfeldstar ein. Individuell seien die Niederländer „sicherlich stärker“. Ex-Nationaltorhüter Toni Schumacher formulierte, unter welchem Druck die Spieler stehen: „Wenn du das erste Spiel verlierst, ist schon fast alles vorbei.“

          Ob Teamgeist und die von der sportlichen Führung wiederholt angekündigte Aggressivität und Härte bis an die Grenze des Erlaubten ausreichen, um die vier Jahre anhaltende Erfolglosigkeit gegen Spitzenmannschaften zu beenden, wird sich zeigen. Skibbe bemühte sich, den Kontrahenten möglichst klein zu reden. „Wir werden die Spieler nicht nur darauf hinweisen, daß alles toll und super ist bei den Holländern, sondern daß sie auch Macken im Spiel haben, die wir ausnutzen werden.“ Der letzte deutsche Sieg über den kleinen Nachbarn liegt allerdings acht Jahre zurück, zuletzt wurde die DFB-Elf sogar im eigenen Stadion vom Oranje-Team vorgeführt.

          „Wir haben immer gezeigt, daß wir da sind, wenn's drauf ankommt“, betonte Ballack, daß in Turnieren die deutsche Mannschaft meist mit einem anderen Gesicht auftritt als in Testbegegnungen. Auch Skibbe verwies auf die „unglaubliche Serie“, daß die DFB-Auswahl von ihren Pflichtpartien in den letzten vier Jahren lediglich ein WM-Qualifikationsspiel gegen England und das WM-Finale von Yokohama verloren hat. Zudem ging Deutschland noch nie in einem EM-Eröffnungsspiel als Verlierer vom Platz.

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