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Nationalmannschaft : Mehr Mut zum Risiko mit Olsen, mehr Spaß mit Hiddink

Mannschaft ohne Trainer Bild: EPA

Völler weg, Hitzfeld weg, Daum weg - das Kandidatensuchspielchen reduziert sich immer weiter. Wer noch alles Bundestrainer werden könnte und wofür er steht.

          3 Min.

          Deutschland sucht den Bundestrainer. Und das könnte nach PlanB, der dem DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder fehlt, ganz demokratisch so gehen: per Handzeichen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Im ZDF stimmten am Donnerstag 56 Prozent der Anrufer für Christoph Daum, obwohl die Umfrage während des Halbfinals stattfand, das Otto Rehhagels Griechen ins Endspiel befördern sollte. Der Altmeister aus Essen erreichte trotz aktueller Eigenwerbung mit 23 Prozent nur Platz zwei, die restlichen Namen auf der Auswahlliste landeten abgeschlagen auf den weiteren Plätzen. Arsene Wenger erhielt acht Prozent, Lothar Matthäus sieben sowie Jupp Heynckes und Guus Hiddink jeweils drei Prozent der Stimmen.

          Daum immer eine Nasenlänge voraus

          Auf allen Internetseiten, die das neue Fußball-Gesellschaftsspiel betreiben, ist Daum der Konkurrenz nach der Absage Ottmar Hitzfelds auch immer um eine Nasenlänge voraus. Aber da sich das Fußballpublikum bei seinem Votum nicht um die Vorzeigbarkeit eines Fußballtrainers beim Staatsakt WM 2006 kümmern muß, sondern nur das DFB-Präsidium am Montag, sagte der fußballfachliche Topkandidat mit einschlägiger Vergangenheit aus Istanbul am Freitag von sich aus rechtzeitig ab. Völler weg, Hitzfeld weg, Daum weg - so reduziert sich das Kandidatensuchspielchen immer weiter.

          Aber noch immer sind rund ein halbes Dutzend Trainer im Gespräch, die das Erbe von Völler übernehmen könnten. Ob die Entscheidung allein nach fachlichen Gesichtspunkten fällt, was bei der Auswahl der Bundestrainer und der Teamchefs früher eigentlich fast nie der Fall war, dürfte auch diesmal fraglich sein. Aber tatsächlich spielen die Qualitäten des Fußball-Lehrers beim nur begrenzt tauglichen Profi-Jahrgang 2004 eine weit größere Rolle als in der glorreichen Vergangenheit, als die Nationalmannschaft mit exzellenten Fußballspielern reich bestückt war. Der DFB wird mit seiner Trainerentscheidung auch eine Richtungsfrage über die fußballerische Entwicklung der kommende Jahre zu entscheiden haben - und in dieser Frage unterscheiden sich die Kandidaten erheblich.

          Rehhagel - ohne Schnörkel, ohne Visionen

          Otto Rehhagel ist ein Meister, um in kleinen Verhältnissen optimale Ergebnisse zu erreichen. Seine Grundvorstellungen vom Fußball mit langen Kerls und grundsolider Aufbauarbeit aus der Defensive heraus, ohne Schnörkelhaftigkeit und Visionen haben sich über die Jahre hinweg nicht geändert. Rehhagel variiert sein bewährtes Repertoire, schafft Vertrauen bei den Spielern, und das gelingt ihm in Bremen, Kaiserslautern oder in Griechenland - also überall dort, wo alle bereit sind, die Worte des Meisters als der Fußball-Weisheit letzten Schluß anzuerkennen.

          Wenn er diese Voraussetzungen vorfindet (beim FC Bayern suchte er danach vergeblich und war trotzdem bis zu seinem Rauswurf erfolgreich), ist Rehhagel in der Lage, aus belächelten Spielern eine selbstbewußte Mannschaft zu formen. Das sind nicht die schlechtesten Voraussetzungen für eine deutsche Nationalmannschaft, die mit außergewöhnlichen Spielern nicht gesegnet und für Kollektivarbeit ohne höchste künstlerische Ansprüche prädestiniert scheint. Die jungen Profis, für die Rehhagel ein väterliches Händchen besitzt, würden einen Trainer bekommen, der ihnen nicht nur den Fußball, sondern auch mit klaren Worten das Leben erklärt - was nicht schaden kann.

          "In Deutschland wird Fußball gelaufen"

          In einer öffentlichen Außenseiterrolle befinden sich derzeit noch die beiden in der Bundesliga hochgehandelten Kandidaten Morten Olsen und Guus Hiddink, da dem DFB die Argumente fehlen dürften, Arsene Wenger im Fußball-Paradies des FC Arsenal London vom Charme der kleinen deutschen Verhältnisse zu überzeugen. Morten Olsen, einst für den 1. FC Köln, Ajax Amsterdam und seitdem für die dänische Nationalmannschaft zuständig (bis 2006 unter Vertrag), ist nichts weniger als das fußballfachliche Gegenteil Rehhagels. "In Deutschland wird Fußball gelaufen", sagt Olsen schon seit Jahren. Der 54 Jahre alte Däne dagegen interpretiert den Fußball auf eine Weise, wie ihn bei dieser Europameisterschaft viele Mannschaften hochattraktiv betrieben haben.

          Olsen will dem Publikum nicht nur einen Sieg schenken, sondern auch ein Spektakel. Offensiv soll das Spiel ausgerichtet sein, meistens sollen seine Mannschaften im Ballbesitz und in der Hälfte des Gegners sein. Olsen fordert in Deutschland den Mut zum Risiko schon bei der Jugendausbildung - nicht erst heute, sondern seit fast zehn Jahren. "Er holt das Beste aus seinen Spielern heraus, und das ist am wichtigsten", sagt Stürmer Ebbe Sand über einen systematischen Trainer, der stets großen Wert auf Disziplin legt.

          Hilft Hiddinks Südkorea-Erfahrung?

          Guus Hiddink wird scherzhaft als optimaler Kandidat für die deutsche Mannschaft gehandelt, weil er mit Südkorea schon einmal ein Fußball-Entwicklungsland in ein WM-Halbfinale geführt habe. Tatsächlich hat der vertraglich ungebundene Vertreter der holländischen Fußballschule auch als Klubtrainer mit prominenten Vereinen schon alle möglichen nationalen Titel und den Europapokal der Landesmeister gewonnen. Bei der WM 1998 scheiterte er mit Holland erst im Elfmeterschießen des Halbfinals an Brasilien.

          Der ehemalige Bondscoach, den Franz Beckenbauer auch schon gerne zum FC Bayern geholt hätte und der die Bundesliga mag, ist ein pragmatischer Systematiker, der mit den Jahren eine immer klare Sprache gegenüber den Spielern wählte. "Ich weiß meinen Spielern zu vermitteln, daß sie bei den europäischen Klubs verwöhnt werden", sagte der 57 Jahre alte Trainer nach seiner Rückkehr aus Asien, als er beim PSV Eindhoven wieder das europäischen Klubleben spüren wollte. "Mein Motto lautet: Laß' uns normal, sauber und seriös arbeiten - und möglichst so, daß auch Spaß und Leidenschaft damit verbunden sind." Das könnte der deutschen Nationalmannschaft so gefallen.

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