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Nationalmannschaft : Das gläserne Geschäft hinter dicken Matten

Teamchef fragt Kapitän: Völler mit Oliver Kahn Bild: AP

Geheimniskrämerei, Spekulationen, Optionen: Teamchef Rudi Völler richtet sich vor der ersten Partie der deutschen Mannschaft gegen die Niederlande im Unkonkreten ein.

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          Es sind manchmal nur ein paar Wortfetzen, die etwas über die Befindlichkeit einer Fußball-Mannschaft verraten. Im letzten öffentlichen Trainingsspiel der deutschen Auswahl, rund 100 Stunden vor dem Auftakt gegen die Niederlande, geht Miroslav Klose nach einem Foulspiel von Torwart Jens Lehmann zu Boden. Es gibt Elfmeter, Klose reibt sich das Schienbein, und Oliver Kahn ruft von hinten: "Weiter so, Miro." Der Stürmer, der vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft mit fünf Treffern noch zum deutschen Star, zur großen Entdeckung in Japan und Korea aufstieg, hat nach erfolglosen Wochen und Monaten Aufmunterung bitter nötig. Eine weitere gute Aktion gelingt ihm trotzdem nicht mehr.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Kurz nach dem Elfmeter bekommt Thomas Brdaric einen Tritt gegen den Knöchel. Das Spiel läuft weiter, Brdaric humpelt, und von hinten ruft der Kapitän dem zum schnellen Fall neigenden Hannoveraner zu: "Nicht bei jedem Scheißdreck."

          Tendenz zu einer Spitze - Kuranyi

          Es bedarf in diesen Tagen nicht immer vieler Worte, um den Ansehensverlust der deutschen Angreifer selbst im eigenen Team zu illustrieren. Derzeit wird jeder kleinen atmosphärischen Veränderung im deutschen Quartier mit seit Jahren nicht gekannter und fast schon detektivischer Intensität nachgespürt. Die Insider meinen jedenfalls zu erkennen, daß die Nationalelf den Holländern am Dienstag mit einem veränderten System beikommen will - mit Kevin Kuranyi als einziger Spitze.

          Teamchef Rudi Völler und Trainer Michael Skibbe schürten am Wochenende ihrerseits auch ganz gerne die Spekulations- und Spionagelust, nachdem sie die Mannschaft seit Samstag nur noch zum geheimen Training bitten. Dreierkette, Viererkette, Stürmerfrage - alles "top secret", wie Skibbe sagt. Andeutungen und Konjunktive haben Hochkonjunktur. "Das ist eine Option", sagte Skibbe etwa zum Thema Stürmerreduzierung, und Michael Ballack ergänzt mit Blick auf den letzten deutschen Sieg bei einer großen Mannschaft (2001 beim 1:0 in England) sowie das 3:0 unlängst gegen Belgien, "daß man diese Möglichkeit in Betracht ziehen muß".

          Schweinsteigers „Wundertaten“

          Seitdem sich Völler und Co. im Unkonkreten behaglich eingerichtet haben, ranken sich im deutschen Troß die Geschichten darum, was hinter dem mit Matten verhängten Trainingsplatz tatsächlich geschieht. Eine handelt vom Münchner Bastian Schweinsteiger, der tatsächlich einen ausgezeichneten und selbstbewußten Eindruck vermittelt, wie er sich im Geheimen den Ball schnappt und ihn einem erfahrenen Spieler durch die Beine spielt (kein Name, soviel Anonymität muß sein). Der unerschrockene Schweinsteiger wird daraufhin gewarnt, dies nur einmal zu tun.

          Solche Szenen gefallen dem Teamchef, und ebenso die Chuzpe, mit der sich der 21 Jahre alte Münchner im Quartier an den Tisch der "Großen" setzt, zu Oliver Kahn und zu Michael Ballack. Er soll Augen und Ohren offen halten, um für die WM 2006 zu lernen, sagen ihm wohlmeinende Ratgeber. Schweinsteiger allerdings lernt schnell, so schnell, daß Völler auch schon über einen Einsatz des Nachrückers gegen Holland diskutiert. Das wäre die mutigste Variante im Taktikspielchen gegen die Niederlande. Sie gilt aber nicht als mehrheitsfähig. Im Mainstream liegt vielmehr die konservative Mittelfeld-Gestaltung zum Ein-Mann-Sturm (falls es ihn wirklich gibt): Der Bremer Defensiv-Allrounder Frank Baumann verstärkt danach zusammen mit Dietmar Hamann das Bollwerk vor der Viererkette, in der Arne Friedrich, Christian Wörns, Jens Nowotny und Philipp Lahm antreten. Zur zweiten Mittelfeldreihe gehören demnach Torsten Frings, Bernd Schneider und Michael Ballack, die den einsamen Kuranyi bei Kontern unterstützen sollen.

          Völler will ein "bißchen unberechenbar sein"

          Offiziell ist zu den taktischen Gedankenspielen kein Wort zu hören. "Die Taktik hat ein Überraschungsmoment für den Gegner", kündigt Skibbe vage an, "um so wichtiger ist es, daß wir unsere Taktik nicht zu früh preisgeben." Top secret eben. Auch Rudi Völler, der das Fußballgeschäft zwar gläsern nennt, seine Mannschaft aber seit drei Tagen hinter verschlossenen Türen trainieren läßt, will gegenüber seinem holländischen Kollegen Dick Advocaat diesmal auch ein "bißchen unberechenbar sein". Denn die "ein oder zwei Prozent", so der deutsche Geheimnisträger Nummer eins, könnten am Ende den Ausschlag geben.

          Das demonstrative Versteckspielchen, das Völler vor dem Auftakt betreiben läßt, hat allerdings auch noch eine andere Wirkung als ein klein wenig Unklarheit in das Nachbarquartier der Niederländer zu tragen. Die inszenierte Taktikfrage überlagert längst die Diskussionen in der Öffentlichkeit über die mitunter gravierenden Schwächen des deutschen Teams, ob nun in der Abwehr oder im Sturm. Da paßt es auch gut ins psychologische Vorspiel, wenn die Mannschaftsleitung zur Pressekonferenz zwei Spieler schickt, die wie geschaffen sind, nur über die positiven Seiten des Fußballebens zu berichten: der 20 Jahre alte Stuttgarter Philipp Lahm und der Berliner Arne Friedrich, die beide nur froh und glücklich sind, bei der Europameisterschaft in der Stammformation zu stehen.

          Die Geheimniskrämerei als erste Nationalspielerpflicht hatte sich aber selbstverständlich auch bis zum Youngster im deutschen Team herumgeflüstert. Auf die Frage, ob er denn schon wisse, auf welcher Position und mit welcher Aufgabenstellung er gegen Holland antreten werde, sagte Lahm nur verschmitzt: "Ich vermute, daß ich es weiß."

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