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Interview : „Unglaublich, was sich im DFB abspielt“

  • Aktualisiert am

Auch verbal in der Offensive: Jürgen Klinsmann Bild: AFP

Ein Bild des Jammers: Jürgen Klinsmann, Weltmeister von 1990, über deutsche Schwächen, Versäumnisse bei der Trainersuche und die Führungskrise im Fußballverband.

          3 Min.

          Ein Bild des Jammers: Jürgen Klinsmann, Weltmeister von 1990, über Strukturschwächen, Versäumnisse bei der Trainersuche und die Führungskrise im Fußballverband.

          Wie haben Sie die Europameisterschaft am Bildschirm und auch am Ort erlebt?

          Von außen kam die Atmosphäre wahnsinnig positiv rüber, vor allem die Gastfreundschaft der Portugiesen. Ich glaube, daß wir auch qualitativ ein hochwertiges Turnier erlebt haben in Spielen wie Tschechien gegen die Niederlande, also einer Partie, in der unglaublich schneller Fußball gespielt wurde. Dazu kam, daß wir neue Gesichter gesehen haben. Junge Kerle wie Cristiano Ronaldo und Wayne Rooney, die versucht haben, dem Turnier ihren Stempel aufzudrücken. Wir haben andererseits Stars wie Zidane in Frankreich und Beckham auf englischer Seite erlebt, die ihre Probleme hatten. Die Teams sind abhängig von diesen Spielern, und das ist ein Grund, warum einige große Nationen frühzeitig nach Hause mußten.

          Auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mußte nach den Gruppenspielen abreisen. Haben Sie den Eindruck, daß das vergleichsweise langsame Spiel überholt ist?

          Generell kann man der Mannschaft nichts vorwerfen, alle Spieler haben sich super reingehängt. Auch gegen Lettland haben die alles versucht, um den Abwehrriegel von zehn Leuten zu knacken. Wo es uns derzeit fehlt, ist Durchschlagskraft vorne im Angriff, die Schnelligkeit im Kombinationsspiel und die individuelle Schnelligkeit. Wir haben kaum einen Spieler, vielleicht mit Ausnahme von Philipp Lahm, der ganz hohes Tempo mitgehen kann. Wir haben niemanden wie den Portugiesen Ronaldo oder den Niederländer Robben, der die Gegenspieler überlaufen kann. Es sieht so aus, als ob wir den Zug verpaßt haben. Die anderen Nationen sind schneller geworden, und wir gehen immer noch unser Tempo. Das Kombinationsspiel der Tschechen geht immer nach vorne, unseres geht immer in die Breite.

          Beinahe jede Fußballnation hat einen Ronaldo, einen Rooney oder Robben. Was hat der deutsche Fußball zu bieten im Hinblick auf die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land?

          Abgesehen von den Talenten, die wir auch haben wie Lahm, Hinkel und Schweinsteiger, sind wir an einem sehr kritischen Punkt angelangt, an dem wir über unsere Gesamtstruktur nachdenken müssen. Es sind ein paar Fehler passiert nach dem Ausscheiden, die einfach nicht passieren durften. Wir stehen vor der einmaligen Situation, eine WM im eigenen Lande zu haben. Wir haben die Chance, uns zu präsentieren, wie wir sie in den nächsten dreißig, vierzig Jahren nicht mehr bekommen werden. Deshalb können wir es uns einfach nicht erlauben, ein so unwürdiges Bild abzugeben.

          Was ist des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) unwürdig?

          Es geht damit los, daß Rudi Völler einen Tag nach dem Ausscheiden seinen Rücktritt erklärt. Da hätte jemand da sein müssen, der das abfängt, der gesagt hätte: Rudi, laß uns mal vier, fünf Tage die Sache analysieren, und dann kannst du immer noch zurücktreten, wenn du unbedingt möchtest. Wir müssen dringend eine Art Manager für die Nationalmannschaft schaffen. Es muß jemand da sein mit Stärke und Ausstrahlung, der dem Trainer zur Seite steht, der auch mal als Schutzschild dient.

          Wer könnte diesen Posten übernehmen?

          Wir haben genügend qualifizierte Manager in den Bundesligaklubs, die diese Ausstrahlung haben. Es muß jede Position mit Profis besetzt sein. Was macht ein Uli Hoeneß seit dreißig Jahren beim FC Bayern? Er ist ein Auffangbecken für Spieler, Trainer und die Vereinsoberen, nur beim DFB wehrt man sich dagegen, weil da wohl Ego-Gedanken eine Rolle spielen.

          Es sind also neue Personen gefordert im DFB?

          Es muß dringend überlegt werden, wie sich der Verband weiter zeigen möchte. Im Ausland wird über uns gelacht, weil wir ein jämmerliches Bild abgeben. Es kann doch nicht sein, daß man direkt nach Völlers Rücktritt auf einen Trainer zugeht, um ihn zu verpflichten. Es wurde nur versucht, von den eigenen Schwächen abzulenken und schnell jemanden zu präsentieren. Vielleicht hätte Ottmar Hitzfeld in zwei, drei Monaten ganz anders gedacht.

          Bis zum nächsten Länderspiel ist es nicht mehr so lange hin.

          Es besteht überhaupt keine Zeitnot. Man hätte erst mal die Situation in aller Ruhe analysieren und eine Vision aufzeigen müssen, die über 2006 hinausgeht, und nicht den zweiten vor dem ersten Schritt machen. Jetzt haben wir eine Situation, in der man hoffen kann, daß die Entscheidungsträger im Verband, im WM-Organisationskomitee wie Beckenbauer oder in der Liga sich an einen Tisch setzen und diskutieren: Wo wollen wir eigentlich hin in den nächsten sechs, acht Jahren, und wie können wir das erreichen und mit welchen Personen? Da gehört auch das Thema Jugend hinein. Wir als große Fußballnation haben uns seit 1988 für keine Olympischen Spiele mehr qualifiziert - das kann doch nicht sein. Es ist unglaublich, was sich derzeit im DFB abspielt.

          Wäre ein ausländischer Trainer hierzulande vermittelbar?

          Natürlich. Er wäre aber erst ein Thema, wenn intern die Strukturen dafür geschaffen sind. Wie es Arsenal London und Arséne Wenger gemacht haben. Der Trainer müßte aber die deutsche Mentalität kennen und den Charakter und den Stil des deutschen Fußballs verstehen. So wie der Brasilianer Scolari es in Portugal verstanden hat, aus einer gewissen Distanz heraus souverän auch mit den Spielern der Goldenen Generation umzugehen. Rehhagel hat die Griechen an sich glauben lassen, indem er einen Teamgeist geschaffen hat. Sie wurden von Spiel zu Spiel selbstbewußter.

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