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Interview : Nachfolger Mayer-Vorfelders? „Theo Zwanziger könnte ich mir vorstellen“

  • Aktualisiert am

Wie lange noch? Der umstrittene DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder Bild: AP

Der Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes, Engelbert Nelle, rückt von Gerhard Mayer-Vorfelder ab und eröffnet die Diskussion um die Nachfolge des umstrittenen DFB-Präsidenten.

          3 Min.

          Engelbert Nelle gehört seit Jahr und Tag zu den einflußreichsten Präsidiumsmitgliedern im Deutschen Fußball-Bund (DFB). Der Erste Vizepräsident ist Sprecher der Amateure in der über sechs Millionen Mitglieder starken Organisation. Nelle ist wie DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder lange Berufspolitiker gewesen und saß achtzehn Jahre (1980 bis 1998) als CDU-Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Mit 71 hat er keine Ambitionen, den DFB-Präsidenten zu beerben; wohl aber ist Nelle das erste DFB-Präsidiumsmitglied, das offen gegen Mayer-Vorfelder Stellung bezieht und einen möglichen Nachfolger des Stuttgarters beim Namen nennt.

          Sie haben sich am Dienstag in Barsinghausen mit führenden Repräsentanten der fünf Regionalverbände im Deutschen Fußball-Bund (DFB) getroffen. Ging es dabei vor allem um die Aufarbeitung der unerfreulichen Begleit- und Folgeerscheinungen rund um das deutsche Ausscheiden bei der Europameisterschaft in Portugal?

          Das kann man so sagen. Wir haben uns lange über das vom DFB-Präsidenten gewählte Procedere bei der Suche nach einem Nachfolger für Rudi Völler als Bundestrainer unterhalten. Schon in Portugal, wo bis auf zwei Landesverbände alle vertreten waren, herrschte eine insgesamt miese Stimmung. Wir beklagen auf beiden Seiten des deutschen Fußballs, also Bundesliga und Amateure, die Informations- und Kommunikationspolitik des Präsidenten und seine Verhaltensweise. Das wäre alles nicht notwendig gewesen, wenn wir zu Beginn dieser Woche eine Präsidiumssitzung gehabt hätten. Die hat Mayer-Vorfelder aber abgelehnt.

          Hat sich der DFB-Präsident bei der Suche nach einem neuen Bundestrainer, die er zur alleinigen Chefsache erklärte, in eine einsame Position manövriert?

          Ich habe für seine Haltung kein Verständnis und meine Kollegen auch nicht. Die werden nun entsprechende Gespräche in ihren Verbänden führen, so daß ich mir bis zum Wochenende ein Bild von der Stimmung an der Basis machen kann. Am Montag der kommenden Woche haben wir ja eine außerordentliche Präsidiumssitzung, auf der all diese Dinge zur Sprache kommen werden.

          Halten Sie als sein erster Stellvertreter und Vorsitzender des Norddeutschen Fußball-Verbandes Mayer-Vorfelders Wiederwahl auf dem DFB-Bundestag in Osnabrück am 23. Oktober für gefährdet, und erkennen Sie jemanden, der dort gegen den Amtsinhaber antreten könnte?

          Ich könnte mir da schon jemand vorstellen: Theo Zwanziger. Er ist (mit 59) der jüngste unter uns, bringt eine Menge Erfahrung mit als langjähriger Vorsitzender des Fußballverbandes Rheinland und macht seine Sache als Schatzmeister des DFB außerordentlich gut. Ihn könnte ich mir sehr gut als DFB-Präsidenten vorstellen. Die Bedingung ist, daß er es auch machen will. So weit sind wir aber noch nicht. Warten wir mal ab, was am Montag passiert.

          Was werfen Sie als langjähriger Weggefährte Mayer-Vorfelder vor allem vor?

          Daß er nicht in der Lage scheint, eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zu suchen. Seine Defizite in der Informations- und Kommunikationspolitik sind schon länger erkennbar, sie haben sich in Portugal kumuliert. Der Gipfel sind die Erklärungen, die inzwischen sein Referent (Jan Lengerke) zum Thema Fußball abgibt. Ich werde erst einmal feststellen, ob dieser Mann bei ihm oder bei uns angestellt ist. Da muß gehandelt werden, das kann man sich nicht bieten lassen.

          Sehen Sie überhaupt einen Landes- oder Regionalverband, der momentan auf der Seite von Mayer-Vorfelder wäre?

          Württemberg vielleicht. Mag sein, daß dieser Landesverband ihn im Oktober zur Wiederwahl vorschlägt.

          Sie kennen das Stehvermögen und die Comeback-Qualitäten des DFB-Präsidenten, der im Laufe seiner politischen und sportpolitischen Vita so manche Affäre überstanden hat. Wird er auch diesmal, nachdem er schon erklärt hat, auf keinen Fall zurückzutreten, aus seinen Kalamitäten herauskommen?

          Im Augenblick ist seine Position sehr erschüttert. Aber wie ich ihn kenne, wird er in Sachen Wiederwahl sagen, soll doch ein anderer antreten, ich trete auch an. Wenn Theo Zwanziger sich zur Wahl stellte, würde es für Mayer-Vorfelder meines Erachtens eng. Derzeit fehlt es dem Präsidenten nach meinem Kenntnisstand und den vielen Gesprächen, die ich geführt habe, am notwendigen Rückhalt.

          Ist das, was in Portugal für jedermann sichtbar geworden ist, nur der Tropfen gewesen, der das Faß zum Überlaufen brachte?

          Das kann man so sagen. Der Unmut im DFB hat sich schon lange angestaut und kommt jetzt zum Vorschein.

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