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Interview : Jaap Stam: „Ich mag es, hart zu arbeiten“

  • Aktualisiert am

Eleganter Hüne: Jaap Stam Bild: REUTERS

Jaap Stam, als erster Niederländer ein Weltstar der Defensive und Prototyp eines neuen Typus von Abwehrspielern, über die Kunst des Verteidigens und das Duell am Dienstag gegen Deutschland.

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          Mit der Glatze, der Gladiatorenstatur und dem grimmigen Ausdruck, den er seinen Gegnern zeigt, gäbe Jaap Stam nicht nur auf dem Fußballfeld, sondern auch auf dem Film-Schlachtfeld vor Troja oder anderen Monumentalkulissen eine gute Figur ab. In der persönlichen Begegnung zeigt sich der hünenhafte Holländer von einer anderen Seite.

          Der sanfte Riese schildert mit wohlformulierten Sätzen jene Kunst, die in seinem Heimatland immer im Schatten des beinahe dogmatisch verherrlichten Offensivspiels stand: die Kunst der Verteidigung. Als erster Niederländer wurde Stam ein Weltstar der Defensive, als Prototyp eines neuen Typus von Abwehrspielern, die Größe, Kraft und Schnelligkeit vereinen. Die Europameisterschaft, bei der die Niederländer an diesem Dienstag auf Deutschland treffen, wird sein letztes großes Turnier sein - danach will der Einunddreißigjähre aus dem Oranje-Team zurücktreten.

          Über Sie wurde einmal überschwenglich geschrieben, Sie hätten "die Kunst der Verteidigung" neu erfunden. Sehen Sie das auch so: eine Kunst?

          Ich habe die Kunst der Verteidigung nicht erfunden und auch nicht neu erfunden. Aber gut zu verteidigen, jawohl, das ist für mich eine Form der Kunst. Für einen Stürmer ist vielleicht das Toreschießen eine Kunst, für mich ist es das Verhindern von Toren. Wenn du so arbeitest, daß dein Gegner kein Tor schafft, dann ist das gute Arbeit.

          Ist das nicht eine destruktive Arbeit?

          Nein, es ist ein kreativer Teil des Fußballs. Ein guter Verteidiger kann seinen Gegenspieler beherrschen, kontrollieren, ausspielen, ohne destruktiv oder unfair sein zu müssen, ohne ihm einen Ellbogen reinzurammen, ihn zu treten oder seine Beine zu brechen. Gute, saubere Verteidigung gewinnt Fußballspiele.

          Was sind die wichtigsten Eigenschaften für einen Meister dieser Kunst?

          Heutzutage ist es an erster Stelle die Schnelligkeit. Es scheint, als wären die Angreifer über die Jahre immer schneller und schneller geworden. Für einen Verteidiger ist es deshalb enorm wichtig, ebenfalls schnell zu sein. Aber das ist natürlich nicht alles. Du mußt das gegnerische Spiel verstehen, mußt es lesen, bestimmte Situationen im Ansatz erkennen. Wenn die gegnerische Verteidigung den Ball im Aufbauspiel hat, muß ich zum Beispiel wissen oder erkennen, ob der Abwehrspieler einen langen Ball spielen wird oder einen kurzen Ball. Und dann natürlich, unerläßlich für einen guten Verteidiger: Er muß stark in der Zweikampfsituation sein.

          Die Niederlande waren immer berühmt für ihr aufregendes Offensivspiel. Nie für ihre Defensive. Wie wird man in einem solchen Land Verteidiger?

          Zuerst mochte ich es nicht. Als ich klein war, wollte ich angreifen, Tore schießen. Irgendwann sagte der Trainer, du spielst jetzt mal in der Abwehr. Die ersten Spiele war ich sehr frustriert, weil ich kaum noch die Chance bekam, Tore zu schießen. Aber man wächst in diese Aufgabe hinein, man gewöhnt sich daran. Irgendwann kommt das Lob, kommen die Erfolge, und man beginnt, diese Rolle zu genießen.

          Nun sind Sie endgültig von der Außenseiterposition im Offensivland bei der Hauptrolle im Defensiv-Mekka angekommen: Sie wechseln diesen Sommer zum AC Mailand, wo Sie mit Alessandro Nesta die zumindest laut Papierform stärkste Innenverteidigung der Welt bilden dürften. Vom stärksten Klub in der Heimat des Catenaccios und des 1:0 geholt zu werden: Ist das so etwas wie der Oscar für einen Verteidiger?

          Zumindest ist es sehr schmeichelhaft. In den drei Jahren, die ich bei Lazio Rom spielte, versuchte Milan mich in jedem Jahr zu holen, doch jedes Mal lehnte Lazio ab. Nun mußten sie verkaufen, und ich freue mich auf einen europäischen Topklub. 1999 hatte ich mit Manchester United schon die Champions League gewonnen. Das hoffe ich in den nächsten beiden Jahren mit Milan zu wiederholen.

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