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Interview : Ballack: „Ich vergleiche mich nicht mehr mit anderen“

  • Aktualisiert am

Ballack: „Schönspielerei ist zweitrangig” Bild: dpa/dpaweb

Der deutsche Mittelfeldstar Michael Ballack vor dem ersten Spiel der deutschen Mannschaft bei der EURO gegen Holland über die Unmöglichkeit, Tore zu planen.

          3 Min.

          Bei der EURO (FAZ.NET-Spezial Euro 2004) kommt es aus deutscher Sicht, so die verbreitete Meinung, vor allem auf zwei Spieler an: Torhüter Oliver Kahn und Mittelfeldspieler Michael Ballack. Der 27 Jahre alte Ballack spielt wie Kahn beim FC Bayern München. Noch. Ihm werden Wechselabsichten zum FC Barcelona nachgesagt.

          Was ist für Sie Kunst - und gehört Fußball womöglich sogar dazu?

          Kunst hat für mich mit Außergewöhnlichkeit zu tun, mit Extravaganz. Kunst gehört zu den Dingen, die nicht jeder kann. In diesem Sinne verstanden, ist Kunst breit gefächert. Es geht also nicht nur um Musik oder Malerei, sondern auch um Sport und Fußball - zumindest ist es für manche Zuschauer so, die in Fußballern den Künstler sehen. Fußballer sind ja auch Individualisten, denen keine mathematischen Aufgaben vorgeschrieben werden. Sie können vielmehr kreativ sein - und man weiß nie, was bei dieser Kunst herauskommen wird. Aber wenn man selbst Sportler ist wie ich, dann sieht man das mit der Kunst anders. Fußball ist für mich harte Arbeit.

          Gibt es einen Begriff aus der Kunst, der Ihnen zu Ihrer Spielweise einfällt?

          Es gibt keinen. Denn Kunst ist nicht ergebnisorientiert. Spielkunst oder Schönspielerei ist bei uns zweitrangig. Entscheidend im Fußball ist das Ergebnis, gleichgültig ob ein Spiel von Zuschauern als "schön" oder "schlecht" beurteilt wird. Fußball ist kein Eiskunstlaufen mit B-Note.

          Gibt es so etwas wie einen "klassischen Ballack", also immer wiederkehrende Situationen, die Ihr Spiel unverwechselbar machen?

          Ja, ich denke schon. Meine Stärke ist es, einen Angriff einzuleiten und ihn abzuschließen. Ich starte früh den Spielaufbau und versuche dann, in die Spitze reinzugehen und torgefährlich zu sein.

          Es gibt Phasen, in denen fliegt Torschützen der Erfolg zu, alles gelingt wie von selbst. Was tun Sie, damit solche Momente länger bestehen?

          Ich verändere möglichst nichts. Aber man darf andererseits auch nicht einfach sagen: "Wenn's läuft, dann läuft's." Man darf nicht nachlassen und muß weiter hart arbeiten. Es heißt ja immer: Wenn man erfolgreich ist, muß man noch härter arbeiten, um den Erfolg zu bestätigen. Das stimmt auch grundsätzlich. Aber man darf es nicht übertreiben.

          Und umgekehrt, wenn die schwächeren Perioden kommen und die Tore nicht fallen, wie kommt man aus diesen Phasen so schnell wie möglich wieder raus?

          Ich habe immer meine Tore gemacht. Auch nach Phasen, in denen es nicht so lief. Und wenn ich mal ein paar Spiele nicht treffe, werde ich nicht nervös. Die Tore kommen wieder. Man darf sich nicht von seinem Weg abbringen lassen. Man muß an seine Stärken glauben.

          Welches Spielsystem fördert bei Ihnen die Kunst des Toreschießens?

          Meine Stärken im Mittelfeld habe ich in der Kombination aus Defensive und Offensive. Ich bin ein zentraler Mittelfeldspieler, der nicht zu defensiv spielen darf, aber auch nicht genau hinter den Spitzen - dafür ist ein Spielertyp wie Sebastian Deisler prädestiniert. Ich dagegen habe gerne Anspielstationen vor mir, die ich einsetzen kann, um dann nachzurücken.

          Wann wurde Ihnen bewußt, daß Sie der torgefährlichste Mittelfeldspieler der Welt werden können?

          Genau kann ich das nicht beantworten. Ich habe in der A-Jugend als Libero 35 Tore gemacht. Bei den Profis fängt dann jeder Spieler wieder bei Null an. Dann muß man sich erst einmal neu orientieren, um in den nächsten Jahren seine Stärken ausspielen zu können.

          Sie wehren sich immer gegen den Vergleich mit Zidane. Mit welchem Spielertyp würden Sie sich denn vergleichen lassen?

          Ich vergleiche mich nicht mehr mit anderen.

          Ahnen Sie vorab, kurz vor einer Flanke etwa, daß Sie in wenigen Sekunden ein Tor erzielen werden?

          Eigentlich nicht. Aber man sagt sich in diesen Momenten: "Hoffentlich kommt der Ball jetzt dahin." Denn man entwickelt ein Gespür dafür, wo der Ball hinkommt, wohin man laufen muß. Wenn der Ball kommt, liegt es nur noch an einem selbst, ob man ihn verwertet.

          Kann man Tore also planen?

          Nein. Wenn aber eine Mannschaft gewisse Stärken hat, bei Standardsituationen oder auf einer bestimmten Angriffsseite, dann ist es immer wieder ähnlich, wie diese Mannschaft zum Torerfolg kommt. Dies konkret zu planen, zu trainieren ist trotzdem sehr schwer. Wie der Gegner steht, wie die eigene Mannschaft sich verschiebt - das läßt sich nicht planen. Das Training findet nur in Ausschnitten statt, etwa: Anspiel auf die Außenposition und dann die Flanke.

          Der letzte Funke Kreativität zeigt sich also erst im Spiel?

          So ist es.

          Ihre Tore fallen trotzdem oftmals nach einem ähnlichen Schema. Überlegen Sie beim Torschuß oder beim Kopfball, wie Sie den Ball plazieren wollen, oder schließen Sie den Angriff "instinktiv" ab?

          Ich überlege schon noch oft, wo der Ball hin soll. Der Spielertyp, der immer draufhält, bin ich nicht. Manchmal handelt man aber instinktiv.

          Worauf wird es gegen Holland ankommen, damit die Kunst des Toreschießens bei Ihnen funktioniert?

          Es ist unwichtig, ob ich oder ein anderer trifft. Wichtig ist, daß wir uns als Mannschaft präsentieren und punkten.

          Verändern Sie Ihr Spiel, wenn Sie es mit besonders starken Gegenspielern zu tun bekommen?

          Ja. Wenn ich merke, daß ich einen sehr guten Gegner habe, reagiere ich auf seine Eigenheiten. Manche bevorzugen die Manndeckung, andere die Raumdeckung - und viele halten dich bei Standardsituationen im Strafraum fest. Wenn ich also bei einer Standardsituation am kurzen Pfosten festgehalten werde, dann weiß ich, daß meine Chancen schlecht stehen. Der Schiedsrichter pfeift beim Festhalten sowieso kaum. Dann verändere ich meine Laufwege und gehe dorthin, wo nicht unbedingt meine absolute Stärke liegt, aber wo ich etwas freier bin - und die Chance auf ein Tor ist in diesem Moment für mich größer.

          Wie reagieren Sie auf Torhüter?

          Man kennt ihre Stärken und Schwächen. Manche bleiben im Duell eins gegen eins lange stehen. Dann kann man diesen Torwart ausspielen oder den Ball an ihm vorbeischieben. Andere kommen voll raus. Dann muß man spontan reagieren.

          Wie?

          Schnell entscheiden.

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