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Euro 2004 : Wie die Holländer Deutschland schlagen wollen

Wird van Nistelrooy auch gegen Deutschland jubeln? Bild: dpa

Was das große Idol Cruyff schon lange fordert und Trainer Advocaat endlich wieder tut: Die holländische Erfolgsformel soll 4-3-3 heißen - auch heute abend gegen Deutschland.

          3 Min.

          Der Wettkampf der Systeme: Er schien im Fußball ähnlich wie in der Politik spätestens Ende der achtziger Jahre passé. In Deutschland wahrscheinlich schon viel früher. Nur in Holland bis heute noch nicht.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Wenn nun dreißig Jahre nach ihrem ersten großen Duell, dem WM-Finale 1974, die Nachbarn aufeinandertreffen, wird sich der gemeine Deutsche in Sachen Taktik allenfalls noch daran erinnern, daß Deutschland damals mit Libero spielte, der hieß schließlich Beckenbauer. Aber sonst? Jeder Holland-Fan vermag dagegen mühelos darzulegen, mit welchem System der berühmte "totale Fußball" der Cruyff-Elf funktionierte: dem 4-3-3 der Schule von Ajax Amsterdam. Dieses mal ideale, mal nur idealisierte Modell, das 1974 zum WM-Sieg nicht reichte, soll diesen Dienstag gegen Deutschland helfen (FAZ.NET-Spezial Euro 2004).

          Verbreitete Früher-war's-besser-Haltung

          Trainer Dick Advoaat hat unter dem Druck der heimischen Medienöffentlichkeit, dominiert von der Früher-war's-besser-Haltung von Wortführern wie Johan Cruyff oder Advocaats erfolglosem Vorgänger Louis van Gaal, die Rückkehr zum 4-3-3 verkündet. Das heißt also drei Stürmer, davon zwei über die Flügel kommend. Nach den Testspielniederlagen gegen Belgien und Irland, bei denen er ein vorsichtigeres 4-4-2 probierte mit der Folge, daß kein Stürmerduo zusammenpaßte und die Mittelfeldspieler einander im Weg standen, ließ ihm die öffentliche Meinung keine Wahl. Advocaat hat nicht die Popularität, sich einen öffentlichen Befreiungsschlag wie Rudi Völler bei seiner Medienbeschimpfung vergangenen Herbst leisten zu können. Demonstrativ trat er immerhin aus der niederländischen Trainervereinigung aus.

          Wie immer wird die Systemfrage zur Frage der Optik. Ist man nun systemtreu oder nur unflexibel? Ist man wirklich offensiver, wie vom 4-3-3 gemeinhin erwartet wird, oder bleibt alles nur eine vage Absichtserklärung? Anders als in der "goldenen" Zeit der Rechts- und Linksaußen bis in die sechziger Jahre weichen die Flügelstürmer von heute bei gegnerischem Druck zurück ins Mittelfeld, dann wird aus dem unterhaltsam klingenden 4-3-3 schnell ein humorlos destruktives 4-5-1. So pries noch im Champions-League-Achtelfinale Chelseas Trainer Ranieri das "4-3-3" seines Teams, das aber tatsächlich fast nur in der eigenen Hälfte stand, um ein 0:0 gegen Stuttgart zu halten.

          Heikles Dreistürmermodell

          Das Dreistürmermodell gilt als heikel, weil man einen Mann weniger im Mittelfeld hat und der zentrale Stürmer allein gegen zwei Innenverteidiger steht. Dafür erhält man als Plus zwei Flügelmänner - wenn sie denn ins Spiel kommen. Gelingt das, steht der deutschen Abwehr ein heißer Abend bevor. Wenn das 4-3-3 ins Rollen kommt, kann es verheerend werden, wie es die Schotten beim 0:6 in der Qualifikation erlebten. Van Nistelrooy traf dreimal, und aus dem Mittelfeld wirbelten die entfesselten Jungstars Rafael van der Vaart und Wesley Snijder. Alle drei werden ihr erstes großes Turnier spielen, ebenso weitere junge Offensivkräfte wie Robben oder van der Meyden.

          Über diesen Umweg wird das System zum Stimmungsfaktor. Denn die Hereinnahme der Jungen verspricht neue Frische nicht nur im Spiel, auch im Denken - ein Aufbrechen des Splittergruppenverhaltens und Schlechtgelauntseins in der Oranje-Auswahl, die sich über viele Jahre hinweg mangels Auffrischung in ihre Rituale des Scheiterns verrannt hatte. Eine bemerkenswerte Entwicklung ist dabei, daß die einst von dunkelhäutigen Spielern der multikulturellen Ajax-Schule geprägte Elf nun als ein vorwiegend "weißes" Team auftreten wird. Seedorf ist angeschlagen (und umstritten), Kluivert in einer Formkrise, bleibt nur noch Edgar Davids, der bei der EM 1996 über den angeblichen Rassismus einiger Kollegen ausgerastet und von Trainer Hiddink heimgeschickt worden war, worauf die ganze Expedition kläglich scheiterte. Auch diesmal ist eine der zentralen Fragen für Hollands Erfolg, ob Antreiber Davids unter Kontrolle bleibt - im Qualifikationsspiel in Tschechien flog er schon nach 13 Minuten vom Platz.

          "Hört auf mit dem Streit über Systeme"

          So reduziert sich vieles, was auf die große Systemfrage projiziert wird, aufs kleine Einmaleins des Fußballs: Disziplin, Zusammenhalt, Kampfgeist. Dieses gern als strategisches Duell unter Feldherren am Ball verklärte Spiel wird letztlich von kleinen, operativen Situationen und von der Vernetzung individueller Fähigkeiten entschieden: Überzahl in Ballnähe schaffen und nutzen, richtig staffeln, Räume besetzen, gegnerische Lauf- und Paßwege stören, eigene öffnen. Und am Ende den Ball irgendwie reinkriegen, System hin oder her.

          "Hört auf mit dem Streit über Systeme", mahnte denn auch Ruud Gullit dieser Tage seine Landsleute. Der Kapitän der einzigen holländischen Mannschaft, die je einen großen Titel gewann, die Europameisterschaft 1988, forderte, das Spielsystem den Fähigkeiten der Spieler anzupassen. Dabei gibt es vielleicht eine Systemlösung, die nichts mit der Optik des Spiels, sondern der Spieler zu tun hat. Was hatte das große Team von 1988, was das von 2004 nicht hat? Ein Kolumnist hat es herausgefunden: Schnurrbärte. Sechs Spieler aus der Europameister-Elf trugen buschige Schnäuzer: Wouters, Van Tiggelen, Van Aerle, Winter, Rijkaard und Gullit. Und heute? Kein einziger. Der Tip kommt leider etwas spät. Bis zum Spiel gegen Deutschland dürfte es knapp werden mit dem Bartwuchs. Aber das Turnier geht ja gerade erst los.

          Die voraussichtlichen Aufstellungen

          Deutschland: 1 Kahn (Bayern München/34 Jahre/69 Länderspiele) - 3 Friedrich (Hertha BSC/24/19), 4 Wörns (Borussia Dortmund/32/56), 5 Nowotny (Bayer Leverkusen/30/43), 21 Lahm (VfB Stuttgart/20/6) - 8 Hamann (FC Liverpool/30/55), 6 Baumann (Werder Bremen/28/24) - 19 Schneider (Bayer Leverkusen/30/37), 13 Ballack (Bayern München/27/41), 22 Frings (Borussia Dortmund/27/29) - 10 Kuranyi (VfB Stuttgart/22/12)

          Niederlande: 1 van der Sar (FC Fulham/33/84) - 18 Heitinga (Ajax Amsterdam/20/6), 4 Bouma (PSV Eindhoven/26/12), 3 Stam (Lazio Rom/31/62), 5 van Bronckhorst (FC Barcelona/29/36) - 14 Sneijder (Ajax Amsterdam/20/9), 6 Cocu (FC Barcelona/33/79), 8 Davids (FC Barcelona/31/63) - 7 van der Meyde (Inter Mailand/24/13), 10 van Nistelrooy (Manchester United/27/33), 11 van der Vaart (Ajax Amsterdam/21/18)

          Schiedsrichter: Anders Frisk (Schweden)

          Anstoß: Dienstag, 20.45 Uhr

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