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Euro 2004 : Qualitätssprung dank einer neuen alten Arbeitsteilung

EURO-Beobachter: Berti Vogts Bild: dpa/dpaweb

Europa-Experte Berti Vogts mahnt den Deutschen Fußball-Bund, sich umgehend ein Beispiel an den willensstarken Portugiesen zu nehmen.

          3 Min.

          Nicht nur Fans sind begeistert vom Niveau der Europameisterschaft, auch die Experten. "Man hat zurückgefunden zum Angriffsfußball", schwärmt Berti Vogts, der mit einer Handvoll anderer Trainer der Technischen Kommission der Europäischen Fußball-Union (UEFA) angehört. "Bis auf die Griechen spielten alle Teams offensiv, mit drei oder gar vier Stürmern, dazu unterstützenden Mittelfeld- oder Außenspielern. Mehr als die Hälfte der 16 Teams traten mit richtigen Außenstürmern auf, die allerdings viel moderner eingesetzt werden als noch vor zehn oder zwanzig Jahren." Als beispielhaft sieht Vogts das Flügelspiel der Dänen an oder die offensive Koordination der Tschechen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Der Kommission gehören neben Vogts, der mit Deutschland 1996 den letzten großen Titel gewann, zwei weitere Europameistertrainer an, der Tscheche Josef Venglos (1976) und der - allerdings erkrankte - Holländer Rinus Michels (1988) sowie weitere Coaches wie der Franzose Gerard Houllier, der Engländer Roy Hodgson oder der Deutsche Holger Osieck. Ihre Analysen der Spielsysteme, taktischen Varianten, Standardsituationen werden von der UEFA in einer DVD, einem Dossier und in Anleitungen für die Trainerausbildung dokumentiert, um die EM-Fortschritte in den Spielalltag zu übertragen. Die Resultate der "Studiengruppe" werden im September in Stockholm präsentiert. Doch schon jetzt äußern einige der Fachleute ihre vorwiegend positiven Eindrücke. Eine "deutliche Verbesserung der individuellen Qualitäten der Spieler" konstatierte Venglos. Und Vogts zeigt sich "begeistert vom Fortschritt im Stürmerspiel, mit oft drei bis vier reinen Angreifern, die von Defensivaufgaben befreit sind". Selbst Italien, Gegner der von Vogts trainierten Schotten in der WM-Qualifikation für 2006, spielte nach dessen Beobachtung "mit drei richtigen Angriffsstürmern ohne Defensivaufgabe".

          Welche Strategie?

          Während der Trend im Fußball der vergangenen Jahrzehnte dahin ging, die Aufgaben der Mannschaftsteile zu vermengen, stürmende Verteidiger, verteidigende Stürmer, hat Vogts in Portugal eine Tendenz zu einer neuen alten Arbeitsteilung beobachtet: einerseits von Abwehraufgaben weitgehend befreite Angreifer, andererseits Defensivspieler, die ihnen den Rücken freihalten. "Die meisten Mannschaften tun das mit zwei Spielern vor der Abwehr", sagt Vogts. "Wie diese zwei Spieler die Freiräume für ihre Vorderleute organisieren, ist in vielen Teams sehr schön zu sehen." Taugt der europäische Qualitätssprung als Modell für Deutschland? Vogts ist skeptisch. Er hofft zwar, "daß das Vorbild der offensiven Mannschaften dieser EM auch in der Bundesliga die Trainer dazu bewegen kann, mehr zu wagen". Doch er schränkt ein: "Man kann als Trainer nur mit den Spielern arbeiten, die man hat." Das gelte natürlich auch für die Nationalmannschaft: "Die Spieler, mit denen man 2006 antreten wird, sind ja jetzt schon alle bekannt. Um bis dahin den Anschluß wiederzufinden, muß man jetzt konzeptionell entschlossen an die Sache herangehen und eine Strategie entwickeln." Aber welche Strategie? "Das Vorbild muß Portugal heißen", sagt Vogts. "Die Willenskraft, die sie hier zeigen - so muß man in zwei Jahren als Heimteam auftreten." Die Mannschaft von Trainer Felipe Scolari spiele "nicht portugiesisch oder brasilianisch, sondern so, wie eine Heimmannschaft spielen muß: mit hoher Intensität und Aggressivität". Vogts sieht das als "großes Kompliment an Scolari, der seine brasilianischen Gedanken verworfen und eine europäische Spitzenmannschaft geformt hat".

          Damit die deutsche Elf nach diesem Vorbild bis 2006 die vergleichbare Intensität und Aggressivität entwickeln kann, ohne in der WM-Qualifikation bestehen zu müssen, nur durch eine Reihe von Testspielen - dafür sieht Vogts den Deutschen Fußball-Bund gegenüber der Bundesliga gefordert. "Es muß vom DFB klargemacht werden, daß jedes Spiel eine Pflichtmaßnahme ist, daß nicht halbe Mannschaften ausgewechselt werden, weil die Klubs keine Belastung ihrer Spieler wollen", fordert der frühere Bundestrainer. "Es muß klar sein, daß wie in einem Turnierspiel nur zwei oder drei Spieler ausgewechselt werden und daß nicht Stammspieler nach einer Halbzeit vom Platz gehen."

          Seit dem Golden Goal von Vogts' Entdeckung Oliver Bierhoff im EM-Finale 1996 gegen Tschechien hat die deutsche Nationalelf den Anschluß in Europa zunehmend verloren - seitdem hat sie kein einziges von insgesamt neun Partien gegen europäische Mannschaften bei Europa- oder Weltmeisterschaften gewonnen. Wenn man davon ausgeht, daß nicht noch einmal wie bei der WM 2002 das Losglück Deutschland in allen K.-o.-Spielen europäische Gegner erspart, bleiben nur knapp zwei Jahre, um den Anschluß wiederherzustellen und eine Heimblamage zu vermeiden. "Wenn Deutschland 2006 ein starkes Team haben will", so der freundschaftliche Rat des Europa-Experten Vogts, "darf es von jetzt an keine Freundschaftsspiele mehr geben."

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