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EURO 2004 : Portugal rüstet sich: Polizei-Eskorten und Jagdflugzeuge

Bild: F.A.Z.

Bis vor kurzem machten vor allem gewaltbereite Hooligans aus England den Sicherheitsexperten für die Fußball-EM in Portugal Sorgen. Nach den Terroranschlägen von Madrid gibt es ein neues Bedrohungsszenario.

          Es war Montag, der 8. März, als sich Leonel de Carvalhou zum letzten Mal über die Angst seiner Landsleute wunderte. Eine "Sicherheitspsychose" bescheinigte der Sicherheitskoordinator der Fußball-Europameisterschaft 2004 an jenem Tag den Portugiesen, einen Hang zur Schwarzmalerei. "Unvernünftig" erscheine ihm daher die dauerhafte Diskussion um die Sicherheitsvorkehrungen während der EM-Endrunde, sagte Carvalhou in Prag bei einer Werbeveranstaltung für die Europameisterschaft. Denn: "Fußballstadien sind weder Flughäfen noch Hochsicherheitsgefängnisse."

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es war Donnerstag, der 11. März, als der scheinbar heile westeuropäische Teil der Welt auch in Portugal zusammenbrach. Nach fast gleichzeitigen Terroranschlägen auf drei Bahnhöfe in Madrid, bei denen 201 Menschen starben und mehr als 1500 verletzt wurden, fühlt sich das Nachbarland der iberischen Halbinsel nun zunehmend gefordert. Hatten sich Regierung, EM-Organisatoren und Sicherheitskräfte in den Monaten zuvor beinahe ausschließlich damit beschäftigt, wie mit gewaltbereiten Fans vor allem aus England umzugehen sei, so müssen sie sich plötzlich auch mit einer Terrorgefahr für die Zeit vom 12. Juni bis 4. Juli auseinandersetzen.

          „Eine Intensivierung präventiver Maßnahmen“

          Zwar gebe es derzeit keine Hinweise auf eine derartige Bedrohung, wie Ministerpräsident Jose Manuel Durao Barroso am Dienstag abermals betonte; doch hat die Regierung "eine Intensivierung präventiver Maßnahmen" beschlossen. Zur Sicherheit werde alles Notwendige "ernsthaft und vertraulich" getan, kündigte Jose Luis Arnaut an, der für den Sport zuständige Minister des Regierungschefs. "Aber keine Regierung kann die totale Sicherheit garantieren gegen Anschläge wie in Madrid."

          Nach jenen verheerenden Attentaten hat das Land am Südwestzipfel Europas begonnen, Flughäfen und Bahnhöfe verstärkt zu sichern. Für die Zeit vor und nach der Europameisterschaft sind, obwohl Portugal zu den Unterzeichnern des Schengener Abkommens gehört, Kontrollen an den Grenzübergängen zu Spanien geplant; wiewohl Terroristen kaum zu identifizieren sind, weil sie in der Regel mit gewöhnlichen Reisepässen einreisen. An den EM-Spieltagen sollen nach Informationen der Wochenzeitung "Expresso" Jagdflugzeuge des Typs F-16 den Luftraum über den Austragungsorten überwachen. Auf Wunsch erhalten die Mannschaften aller 16 Endrundenteilnehmer Polizei-Eskorten, in jedem Falle das spanische Team. Als "Lektion" versteht Staatspräsident Jorge Sampaio die Anschläge in der spanischen Hauptstadt, um "alle vorbeugenden Maßnahmen für die anstehenden Großereignisse zu verstärken".

          Seitdem sich die Hinweise auf Islamisten im Umkreis des Terrornetzwerk Al Qaida als Urheber der Anschläge verdichtet haben, empfinden viele Portugiesen ihre Sicherheitslage als prekär. Schließlich stand ihr Regierungschef Durao Barroso im Irak-Konflikt ebenso felsenfest an der Seite der Vereinigten Staaten wie sein spanischer Kollege Aznar; 130 portugiesische Soldaten sind derzeit im Irak stationiert.

          Terror bereite "keine großen Sorgen"

          Dennoch glaubte man in Portugal bis vor kurzem, sich auf terroristische Anschläge nicht über Gebühr vorbereiten zu müssen. Als führende Militärvertreter im vergangenen Herbst mahnten, daß im Falle niedriger Sicherheitsstandards die Gefahr von Anschlägen während der EM wachsen könnte, gab sich der Sicherheits-Koordinator demonstrativ gelassen. Der Terror bereite ihm "keine großen Sorgen", entgegnete Carvalhou damals. Weder gebe es eine Geschichte von solchen Aktionen bei großen Fußballereignissen, noch erstrecke sich die Welle terroristischer Gewalt auf das friedvolle Portugal, lauteten seine Argumente.

          Obwohl die Regierung nun im Hinblick auf die EM-Endrunde 900 zusätzliche Polizisten und 180 Grenzschützer eingestellt und 16,5 Millionen Euro für modernere Geräte zur Verfügung gestellt hat, beklagt die Polizeigewerkschaft weiterhin die "schlechte Ausstattung und mangelnde Motivation" ihrer Mitglieder. Die portugiesischen Sicherheitskräfte waren bereits nach dem Länderspiel am 18. Februar zwischen der Selecao und dem englischen Nationalteam (1:1) in die Kritik geraten. An jenem Abend hatte ein Fernsehjournalist die Sicherheitsvorkehrungen im Stadion von Faro/Loule testen wollen und eine Handfeuerwaffe in seiner Hose versteckt - und damit problemlos die Eingangskontrollen in der Arena an der Algarve passiert.

          Schon damals waren Organisatoren und Kommunen bemüht, jegliche Bedenken zu zerstreuen. "So ein Vorfall wird niemals geschehen, aber wir arbeiten daran, alles bis ins letzte Detail zu verbessern", behauptete Pedro Santana Lopez, Bürgermeister von Lissabon, wo in zwei Stadien zehn der 31 Endrundenspiele ausgetragen werden. Seit vergangenen Donnerstag weiß man, wie sehr der Teufel in jedem Detail stecken kann.

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