https://www.faz.net/-gtl-owz2

Bundestrainer-Suche : Hitzfelds Absage „eine Entscheidung der Seele“

  • Aktualisiert am

„Nicht in der Verfassung”: Ottmar Hitzfeld Bild: REUTERS

Ottmar Hitzfeld hat überraschend das Angebot, Trainer der Fußball-Nationalmannschaft zu werden, abgelehnt. Wer nun das Team zur WM 2006 im eigenen Land führen soll, ist völlig ungewiß. Der Druck auf DFB-Präsident Mayer-Vorfelder wächst.

          3 Min.

          Eine Woche nach dem Rücktritt von Rudi Völler als Teamchef der Fußball-Nationalmannschaft hat die Absage von Wunschkandidat Ottmar Hitzfeld den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und seinen Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder in ein Dilemma gestürzt.

          Der bisherige Trainer von Bayern München lehnte am Donnerstag das Angebot auf die Völler-Nachfolge überraschend ab, so daß die Suche nach einem Bundestrainer von vorne beginnen muß. Zugleich ist völlig offen, welchen Einfluß Hitzfelds Entscheidung auf den in der DFB-Führung entbrannten Machtkampf um die Präsidentschaft von Mayer-Vorfelder haben wird.

          „Ich bin derzeit nicht in der Verfassung“

          Gegenwärtig sind alle deutschen Spitzentrainer unter Vertrag. Einen Ausländer als Chef der Nationalmannschaft hat der DFB bisher immer abgelehnt. Von entscheidender Bedeutung ist nun die für Montag in Frankfurt/Main angesetzte Präsidiumssitzung, bei der das weitere Vorgehen der DFB-Führung vereinbart werden soll. Nach diesem Treffen wird auch mehr Klarheit darüber herrschen, ob sich der wegen seiner Eigenmächtigkeiten heftig kritisierte Mayer-Vorfelder als DFB- Präsident im Amt halten kann.

          In einer vom DFB am Donnerstagmittag verbreiteten „Gemeinsamen Erklärung“ bittet der 55jährige Hitzfeld um Verständnis für seine Ablehnung. „Diese Entscheidung ist mir sehr, sehr schwer gefallen. Das Amt des Bundestrainers ist eine Auszeichnung, die Weltmeisterschaft im eigenen Land ein Traum. Aber ich bin derzeit nicht in der Verfassung, die nötig ist, der deutschen Nationalmannschaft bis zur WM 2006 weiter zu helfen - so, wie ich das unbedingt für nötig halte“, sagte Hitzfeld.

          „Ich fühle mich noch etwas leer“

          In einem gewissen Widerspruch steht seine Aussage, er habe in einem „guten Gespräch“ mit Mayer-Vorfelder „Einigkeit in allen wesentlichen Punkten erzielt“. Hitzfeld hatte nach Beendigung seiner Tätigkeit beim deutschen Rekordmeister erklärt, er wolle für ein Jahr eine Auszeit nehmen. Dennoch hatte er sich als Völler-Nachfolger selbst ins Gespräch gebracht und sich in Verhandlungen mit Mayer-Vorfelder begeben.

          Hitzfeld begründete seine Absage so: „Ich fühle mich nicht in der Verfassung. Ich fühle mich noch etwas leer, der Akku ist noch lange nicht aufgeladen. Ich habe lange mit mir gerungen.“ Der Machtkampf im DFB habe keinen Einfluß auf seine Entscheidung gehabt. „Das hat überhaupt keine Rolle gespielt. Der Präsident hat sich hervorragend verhalten.“

          In einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung bestätigte Hitzfeld, daß er allein aus privaten Gründen einen Vierjahresvertrag abgelehnt habe und daß ihm die Absage schwer gefallen sei. „Es war in erster Linie eine Entscheidung für meine Familie. Und eine Entscheidung der Seele. Ich bin körperlich ausgelaugt. Meine Batterien müssen aufgeladen werden“, sagte Hitzfeld.

          „Fünf schlaflose Nächte“

          Er habe Gerhard Mayer-Vorfelder seinen Entschluß bereits am Dienstag um 16.30 Uhr mitgeteilt. Anschließend habe ihn der DFB-Präsident umstimmen wollen. „Genauso wie das Bayern-Trio Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Mayer-Vorfelder und ich haben am Mittwoch noch einmal miteinander gesprochen. Er wollte mich erneut umstimmen. Aber mein Entschluß stand fest“, sagte der 55 Jahre alte Fußball-Lehrer, der sich derzeit in seinem Feriendomizil im schweizerischen Engelberg aufhalten soll und nach eigener Aussage „fünf schlaflose Nächte“ hinter sich hat.

          Hitzfeld bestätigte, daß ihm der DFB einen Vierjahresvertrag angeboten hatte, aber „das Geld spielte in meinen Überlegungen keine Rolle“. Man könne davon ausgehen, daß er in den nächsten Monaten keinen Verein übernehmen werde, erklärte der ehemalige Trainer von Bayern München und Borussia Dortmund.

          Der 71 Jahre alte Mayer-Vorfelder hatte die Suche nach dem Völler-Nachfolger zur Chefsache erklärt und die Führung des DFB mit dieser Eigenmächtigkeit stark verärgert. Die Verstimmung ist so groß, daß Mayer-Vorfelder sogar mit einer Gegenkandidatur beim DFB-Bundestag am 22./23. Oktober in Osnabrück rechnen muß. Mayer-Vorfelder erklärte: „Ich bedauere die Entscheidung von Ottmar Hitzfeld, aber ich habe sie zu respektieren. Über die neue Situation und die Namen möglicher Kandidaten für das Bundestrainer-Amt wird im DFB-Präsidium am Montag zu beraten sein.“

          Hiddink oder Wenger „nicht durchsetzbar“

          Im Verlauf der bisherigen Suche war Griechenlands Nationaltrainer Otto Rehhagel als Kandidat durch eine eigene Absage ausgefallen. Der ebenfalls als Völler-Nachfolger gehandelte Christoph Daum (Fenerbahce Istanbul) ist in der DFB-Spitze wegen seiner Kokain-Affäre nicht vermittelbar. Weitere Spitzentrainer wie Jupp Heynckes (Schalke 04), Felix Magath (Bayern München) und Matthias Sammer (VfB Stuttgart) haben vertragliche Bindungen. Ausländische Trainer wie der Niederländer Guus Hiddink oder der Elsässer Arsene Wenger sind nach Ansicht von DFB-Vizepräsident Engelbert Nelle „nicht durchsetzbar“.

          Völler hatte einen Tag nach dem Ausscheiden der Nationalmannschaft bei der Fußball-EM in Portugal durch die 1:2-Niederlage gegen Tschechien erklärt: „Ich hatte das Gefühl, daß die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land nur jemand machen kann, der unbefleckt ist und der einen gewissen Kredit hat.“ Das Dilemma des DFB besteht nun auch darin, daß bereits am 18. August in Wien gegen Österreich das nächste Länderspiel stattfinden wird. Da das DFB-Team als Gastgeber der WM 2006 keine Qualifikationsspiele bestreiten muß, könnte zunächst auch nach einer Übergangslösung gesucht werden.

          Weitere Themen

          Größtes Solar-Rennen der Welt startet Video-Seite öffnen

          Voll elektrisiert unterwegs : Größtes Solar-Rennen der Welt startet

          Der Rennwettbewerb „Bridgestone World Solar Challenge“ gilt weltweit als das härteste Rennen für Solarfahrzeuge. Mehr als 40 Teams starteten aus über 20 Ländern im australischen Darwin, um mit den zurzeit schnellsten solarbetriebenen Autos der Welt quer durch Australien in die südliche Stadt Adelaide zu fahren.

          Topmeldungen

          Gergely Karácsony auf einer Aufnahme vom März 2018

          Kommunalwahlen in Ungarn : Orbans Fidesz verliert Budapest

          In Ungarns Großstädten hat die Partei von Regierungschef Viktor Orban einen schweren Stand. Der künftige Bürgermeister von Budapest will die Hauptstadt „transparent, solidarisch und grün“ machen.
          Zweimal Gündogan: Kimmich schreit seine Erleichterung über die Treffer des Kollegen heraus.

          3:0 für Deutschland : Geduldsspiel in Tallinn

          Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft muss einen frühen Platzverweis von Emre Can verkraften, gewinnt aber nach zähem Beginn 3:0 in Estland. Gündogan trifft zweimal, Werner setzt noch einen drauf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.