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Erwin Kostedde wird 75 : „Das Volk hat ihn fertiggemacht“

  • -Aktualisiert am

Im Nationalteam nie ganz glücklich: Erwin Kostedde Bild: Broadview/Amazon

Erwin Kostedde war Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler – und stets mit Rassismus konfrontiert. Zum 75. Geburtstag beschreibt eine Biografie sein bizarres und filmreifes Fußballer-Leben.

          4 Min.

          Die Lektüre dieses Buches über „Deutschlands ersten schwarzen Nationalspieler“ geht unter die Haut. Es geht um Erwin Kostedde. Als Titel wäre „Der deutsche Pelé“ prägnanter, plakativer, aber um Effekte geht es dem Verlag nicht, Klischees mag der Autor nicht bedienen. Fünf Jahre hat Alexander Heflik an diesem Buch gearbeitet. „Es hätte auch ein deutsches Leben heißen können“, sagt er.

          In vielen Gesprächen, einem Therapeuten gleich, hat der Sportjournalist Kostedde zum Reden gebracht. Über dessen bizarre, filmreife Fußball-Karriere und über das Gefühl, mit anderer Hautfarbe als Mensch zweiter Klasse wahrgenommen zu werden. Heute immer noch, am Tage seines 75. Geburtstag wie damals mit fünf Jahren, als seine Mutter zu hören bekam: „Wo habt ihr den denn geklaut?“

          Erwin Kostedde kam als Nachzügler auf die Welt. Vater ein amerikanischer GI, über dessen Identität das Nachkriegskind nie etwas erfahren hat. Die Mutter blieb bei diesem Thema so wortlos wie mancher Landser über seine Kriegserfahrungen. Ein Urvertrauen hat Kostedde nie entwickeln können. Den Mitschülern war es ein Vergnügen, ihm mit Ratschlägen zu kommen: „Du musst dich mehr waschen, eine Stunde lang mit Kernseife.“

          Mag er gedemütigt und gedeckelt worden sein, beim Straßenfußball blüht er auf, da zeigt er, was er drauf hat, im Vereinsfußball erst recht. Mit 13 taucht er in die Bahnhofszene ab, eine Bar wird Anlaufstelle Nummer eins, beichtet Kostedde dem Biographen. Er geht lieber freiwillig ins Heim, als daheim bei den vier Schwestern und dem Bruder zu bleiben. Jene, die auf den untauglichen Versuch mit der Kernseife verzichten können, die mit dem anderen, einem „richtigen“ Vater.

          Fußball, Alkohol und Streifzüge durch die Nacht gehören mittlerweile zum Alltag. Im Klub beeindruckt das Talent des Stürmers mit den Oberschenkeln eines Gerd Müllers, sie sehen ihm viel nach. Seine Abstürze, seine Eskapaden; auf der Habenseite Tore, viele Tore. Im August 1967 debütiert der 20-Jährige im Bundesligateam des MSV Duisburg. Neun Monate später, nach „Tresen statt Training“, Tagen, in denen Kostedde abtaucht, die fristlose Kündigung. Trainer Guyla Lorant, den sie General nennen, gelingt es nicht, Kostedde zu disziplinieren, in die Spur eines Musterprofis zu bringen. Es wird später ein Wiedersehen der beiden geben.

          Glückliche Jahre bei den Kickers Offenbach

          Es werden vier glückliche Jahre in den Reihen von Kickers Offenbach. Im Mai 1971 lotst ihn Willi Konrad, als Geschäftsführer die rechte Hand des damaligen OFC-Präsidenten Horst-Gregorio Canellas, von Standard Lüttich zum Pokalsieger vom Main. Die Antwort auf seine Frage, „was zahlen die anderen?“, wartet Konrad gar nicht erst ab: „Wir zahlen mehr“. Die Mitbieter VfB Stuttgart und 1. FC Köln werden ausgestochen vom Zweitligaverein.

          Kostedde und der OFC, das hat gepasst. Nach 44 Pflichtspielen in der zweiten Liga steigt Offenbach ungeschlagen auf. Von den 128 Toren steuert Kostedde 28 bei. Das Ehepaar Kostedde bewohnt eine Villa in Hausen, findet Anschluss bei der Familie Canellas. Kostedde fährt Mercedes SLC, er kommt sich vor, als schwimme er im Geld, aber als es darum geht, die Grundsteuer für zwei Reihenhäuser als Kapitalanlage zu zahlen, lässt Kostedde den Deal trotzig platzen. Auch später wird er es nie kapieren, mit Geld umzugehen.

          Anführer der Offenbacher Kickers: Erwin Kostedde (r.) trifft 1973 gegen den 1. FC Köln
          Anführer der Offenbacher Kickers: Erwin Kostedde (r.) trifft 1973 gegen den 1. FC Köln : Bild: dpa

          Auf den Rängen im Stadion Bieberer Berg skandieren sie: „Ritschel, Kostedde, Held – der beste Sturm der Welt.“ Als es im Derby gegen Frankfurt geht, schallt es aus dem Eintracht-Block hessisch eingefärbt: „Zehn Schwule und ein Nigger, das sind die Offenbacher Kigger.“ Eine Delegation des Klubs von der anderen Mainseite wird sich danach offiziell für die Verbalattacken entschuldigen. Die Offenbacher Fans huldigen ihrem Erwin, er ist Kult, und in einem kleinen Zeitfenster sieht es so aus, als könne ihn selbst jenseits des Rasens nichts mehr aus den Schuhen kippen.

          Heflik charakterisiert Kostedde als „Instinktspieler, er kann das offensive Spiel lesen wie nur wenige, er legt Bälle auf, er schirmt ab, er spielt Doppelpass, nervt den Gegner mit dem dreifachen Übersteiger“. Wolfgang Tobien vom „Kicker“ erfindet dafür die Marke „Erwin-Shuffle“. Aber wie es drinnen tief im Torschützenkönig selbst nach dem „Tor des Jahres“ im Sommer 1974 aussieht, offenbaren die Jahre nach den Spielzeiten am Bieberer Berg.

          „Die Hautfarbe habe ich als Entschuldigung benutzt“

          Auf der verzweifelten Suche nach frischem Geld nach Zwangsabstieg und Aufstieg wird Kostedde an Hertha BSC Berlin verscherbelt. Er, der so gerne am Main geblieben wäre, fühlt sich vom Hof gejagt. Er bringt es auf drei Länderspiele, in denen er verkrampft. Bei der Dortmunder Borussia verfolgen ihn die Pfiffe der Fans, als die Torproduktion stockt, bis in den Schlaf. „Das Volk“, so Trainer Otto Rehhagel, „hat ihn fertiggemacht“. Kostedde wurde geachtet und geächtet.

          18 Profijahre mit einem Dutzend Klubs, darunter auch Adressen in Belgien und Frankreich, sind da zusammen gekommen. Vom vielen Geld bleibt nichts. Er versucht sich später erfolglos als Trainer, für andere Jobs fehlen Antrieb und Konstanz. Der Tiefpunkt ist erreicht, als Kostedde wegen eines angeblichen Raubüberfalls auf eine Spielhalle verhaftet wird, Monate in U-Haft verbringt, ehe er freigesprochen wird. Da war der große Fußball längst Vergangenheit, horrende Verbindlichkeiten Gegenwart.

          Die dreizehn Kapitel des Buches sind nicht chronologisch angelegt. Sie folgen als Stilmittel dem Beat in Kosteddes Leben. Vorneweg die vielversprechenden Offenbacher Jahre, später ein ständiges Auf und Ab mit Überschneidungen in seinen Erinnerungen, Widersprüchlichkeiten, einer quälenden Selbstfindung. Kostedde ist zugleich Ankläger und Verteidiger seiner selbst. „Ich hätte nie der Trainer von mir sein wollen“ gesteht er, zugleich sieht er sich „kritischer beäugt als jeder andere“. Diesen Schuh müsse sich eine Gesellschaft anziehen, von der er meint, dass der Rassismus „heute viel schlimmer als früher“ sei, der Bremsschuh Zeit seines Lebens. Aber er gesteht auch: „Ich war ein schwieriger Typ, einer, auf den sich keiner verlassen konnte. Die Hautfarbe habe ich dann gerne als Entschuldigung genutzt.“ In der Summe das Coming out eines Erwin Kostedde in den Siebzigern.

          Der Autor, der sich in einem früheren Buch der Problemfälle Jan Ullrich und Lance Armstrong angenommen hat, macht es sich nicht leicht mit dem Kronzeugen Kostedde. Heflik fraternisiert nicht, wünscht sich „Respekt statt Mitleid“, wenn es um die Beurteilung des Lebensweges dieses Mannes geht. Für den Autor „eine Fahrt auf stürmischer See, auf der Kostedde schwer seekrank geworden ist“. Ein wortmächtiges, stimmiges Bild für das Dasein eines prominenten Sportlers im Krisenmodus. Das ist mehr, als man gemeinhin von einem Sportbuch erwarten kann. Es offenbart, „was das Leben mit einem Menschen gemacht hat und was dieser Mensch aus seinem Leben gemacht hat“. Und es macht einiges aus Lesern, die Gerald Asamoahs Zitat vor der Lektüre möglicherweise als Schwarzmalerei abgetan haben: „Wenn du Rassismus nie am eigenen Leib erfahren hast, weißt du nicht, wie es sich anfühlt.“

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