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EM-Analyse : Die Renaissance der Leidenschaft

Der Mister. . . Bild: AFP

Italien löst Deutschland als ersten Herausforderer der Spanier ab. Es ist eine Rückkehr zur wilden Natur des Fußballs - und für diesen eine gute Nachricht. Ein Kommentar

          2 Min.

          Der deutsche Fußball-Blick kennt seit vielen Jahren nur eine einzige Richtung immer schön nach Süden, nach Spanien, zum Land, in dem der Fußball blüht. Der bezwingende Stil, der über den FC Barcelona erst das spanische Nationalteam und dann die Welt eroberte, ist für Bundestrainer Joachim Löw seit der 0:1-Finalniederlage vor vier Jahren bei der Europameisterschaft der alleinige Maßstab gewesen, an dem er sein Team und seine Arbeit ausgerichtet hat.

          Der deutsche Blick kann auch vor dem europäischen Endspiel 2012 ruhig weiter nach Süden gehen, aber Löw und die Seinen dürfen den Kopf dabei ruhig auch ein bisschen wenden.

          Denn die Italiener haben nicht erst bei ihrem beeindruckenden und hochverdienten 2:1-Erfolg gegen die Deutschen im Halbfinale von Warschau bewiesen, dass es mittlerweile auch wieder einen Fußballstil gibt, der es mit dem schönen, aber mittlerweile auch ein wenig steril anmutenden spanischen System aufnehmen kann.

          . . . und die Unbezähmten
          . . . und die Unbezähmten : Bild: AFP

          Die Italiener haben schon bei ihrem 1:1 im Gruppenspiel gegen den Titelverteidiger und nun vor allem gegen deren Möchtegern-Nachfolger gezeigt, dass zuletzt schon altmodisch wirkende Fußballtugenden zu einem erfolgreichen Trend werden können, wenn man sie wie Signore Prandelli neu kombiniert.

          Die italienische Leidenschaft, die Unberechenbarkeit ihrer herausragenden Spieler wie Pirlo, Cassano oder Balotelli haben wieder ihren Platz im europäischen Spitzenfußball gefunden, der sich zuletzt nur noch über Kurzpass- und Positionsspiel erfolgreich zu definieren schien.

          Das Ungezähmte und Widerspenstige, das nicht zuletzt durch dieses Trio von den erneuerten Azzurri ausgeht, ist auch eine Rückkehr zur wilden Natur des Fußballs, wenn sie sich taktisch so geschickt bis genial einbinden lässt, wie es Trainer Prandelli mit seinem in Fachkreisen schon länger bestaunten Aufbauwerk geschafft hat.

          Es ist eine gute Nachricht für den Fußball, dass nun wieder alternative Modelle um die Vorherrschaft in Europa konkurrieren. Und dass dabei jetzt auch zwei wirtschaftlich gebeutelte Nationen im Endspiel um die Euro stehen und Deutschland nicht die Kraft hatte, dies zu verhindern, ist eine hübsche europäische Pointe, die nebenbei auch viel billiger kommt als Eurobonds.

          Der deutsche Fußball made by Löw ist trotz der starken und erstarkenden Kräfte aus dem Süden noch immer ein konkurrenz- und entwicklungsfähiges Produkt. Das Finale von Kiew muss das jüngste Team der Europameisterschaft nun zwar als kostenlosen, wenn auch schmerzlichen Anschauungsunterricht nutzen, um sein taktisches, spielerisches und auch emotionales Repertoire weiter zu steigern.

          Spanien hat einen neuen Herausforderer
          Spanien hat einen neuen Herausforderer : Bild: REUTERS

          Das wird nötig sein, wenn die goldene Generation unter Löw im wahren Mutterland des Fußballs in zwei Jahren gegen den altbekannten spanischen Stil, das erneuerte Italien und das in Brasilien ganz sicher erstarkende Südamerika endlich werden will, was ihr Name nun schon seit drei Turnieren vergeblich verspricht. Die deutsche Chance auf die Fußball-Krönung ist weiter da – aber so günstig wie in diesen Tagen wird die Ausgangslage für dieses begabte Ensemble wohl kaum mehr werden.
           

          Michael Horeni
          Fußballkorrespondent Europa in Berlin.

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