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Eisschnelllauf : Die Eiszeit der Eis-Grazien

  • Aktualisiert am

Gemeinsame Erfolge, getrennte Freude: Pechstein und Friesinger Bild: AP

Die alten Animositäten zwischen den beiden besten Eisschnellläuferinnen der Welt Anni Friesinger und Claudia Pechstein sind ausgerechnet vor Olympia wieder aufgekommen.

          Die Bilder bei der Siegerehrung sprachen Bände. Mit einem gequälten Lächeln blickten die beiden „Golden Girls“ in die Kameras, während 3.000 Fans begeistert applaudierten. Untereinander würdigten sich Anni Friesinger und Claudia Pechstein aber keines Blickes - kein Handschlag, schon gar keine Umarmung.

          Ausdruck der neuen Eiszeit unter den beiden besten Eisschnellläuferinnen der Welt. Nach Jahren der „friedlichen Koexistenz“ sind nach dem Zoff bei den Europameisterschaften von Erfurt ausgerechnet fünf Wochen vor den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City alte Animositäten zwischen den beiden „Eis-Grazien“ wieder offen zu Tage getreten.

          Friesinger kann Rückschlag nur schwer verkraften

          „Auch wenn es ihr schwer fällt: Anni muss akzeptieren, dass auch noch andere am Start sind. Ich jedenfalls habe gezeigt: Ich bin noch da“, erklärte Claudia Pechstein selbstbewusst, nachdem sie auf den abschließenden 5.000 m der Seriensiegerin aus Inzell die erste Saison-Niederlage auf den Distanzen zwischen 1.500 und 5.000 m beigebracht hatte.

          Anni Friesinger, die über die längste Distanz wie ein Uhrwerk lief und bis zur letzten Runde die vorgelegten Pechstein-Zeiten unterbot, musste sich schließlich um 14 Hundertstel beugen und hatte dann offenbar Probleme, diesen minimalen Rückschlag zu verkraften. „Ich bin glücklich über den Titel. Und Claudia kann glücklich sein, dass sie die 5.000 m gewonnen hat. Da konnte ich nicht verstehen, dass sie ständig ihre Erkältung nach vorn kehrt“, erklärte Friesinger ihre Attacke vor laufender Fernseh-Kamera, als sie ihre Rivalin mit den Worten „so krank kannst Du ja nicht gewesen sein“ angegriffen hatte. Pechstein fand dies nicht nur „frech“, sondern vor allem „unfair“ von Friesinger - und qualifizierte die ganze Situation unter der Rubrik „Kindergarten“ ab. „So sind eben Frauen, sie schaukeln sich ganz schnell hoch“, meinte Annis Bruder Jan Friesinger zum Disput.

          „Sie sofort zum Rapport zu bestellen, wäre sicher schädlich. Aber wir werden darauf drängen, dass sie sich nach ihren Nettigkeiten von Erfurt mit etwas Abstand wieder verständigen“, erklärte Sportdirektor Günter Schumacher am Montag das Anliegen der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) und fügte hinzu: „Nur in der Ruhe liegt die Kraft, sie müssen sich wieder in die Augen sehen können“.

          "Ich würde eingehen"

          Cheftrainer Helmut Kraus hofft hingegen schon auf eine Aussprache am Rande des bevorstehenden Weltcups in Heerenveen. „Die Vorfälle waren für das Image beider nicht förderlich. Die Unruhe ist für uns mit Blick auf Salt Lake natürlich schädlich.“Bereits vor sechs Jahren waren beide Athletinnen knallhart aneinander geraten, als Claudia Pechstein der Inzellerin vorgeworfen hatte, ihre Krankheit als Grund für ein Fehlen bei den deutschen Meisterschaften vorgeschoben zu haben.

          Wenig später kritisierte die Berlinerin vor Nagano die angebliche Bevorzugung der Rivalin von Seiten der DESG und wurde dafür heftig abgemahnt, ihr selbst ein Ausschluss von der Förderung des Bundesgrenzschutzes angedroht.

          Die neuen Giftpfeile könnten ihre Ursache schon in Friesingers Kritik an den Trainingsbedingungen in Berlin und Erfurt bei den Einzelstrecken-WM 2001 in Salt Lake City haben. „Ich könnte dort nicht trainieren. Ich würde eingehen“, hatte Anni Friesinger angemerkt und fing sich von allen Seiten Retourkutschen ein.

          Friesinger: "Ich musste das so sagen"

          „Es ist ein Markenzeichen von Anni, stets ihre Meinung zu sagen, auch wenn es einigen nicht passt. Und wir denken nicht daran, künftig alle kritischen Passagen aus ihren Interviews zu streichen“, unterstützte Jochen Habermaier von Friesingers Management Wige Media AG die teils unbekümmerte Offenheit der größten deutschen Olympia-Hoffnung. Andererseits hatte das Glamour Girl zuvor mehrfach bekundet, jetzt genauer ihre Formulierungen prüfen zu wollen.

          „Ich stehe zu meinen Worten. Ich musste das so sagen“, rechtfertigte sie auch ihre Aussage im Interview mit Ex-Weltmeisterin Franziska Schenk, die im Gespräch selbst von den Worten Friesingers überrascht wurde. „Ich fand das nicht ganz fair von Anni. Man hat doch gespürt, wie angeschlagen Claudia war“, meinte die ARD-Reporterin.

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