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Kuriosum bei der WM : Die eigenartige Welt des Eishockeys

  • -Aktualisiert am

0:5, 0:8 oder 0:9 – doch das britische Eishockey-Team kommt bei der WM durch. Bild: Reuters

Die Teams aus Großbritannien und Italien kassierten bei der Eishockey-WM einige hohe Niederlagen. Dennoch schafften sie den Klassenverbleib. Wie kann das sein – und warum finden das viele auch noch gut?

          Für Luke Ferrara sind die vergangenen Wochen immer noch nicht ganz greifbar. Ferrara ist Flügelstürmer im Eishockey-Team Großbritanniens. Und dennoch ist der 25-Jährige auch Fan seiner Sportart geblieben, vor allem der nordamerikanischen NHL. Zusammen mit Freunden spielt er jede Saison eine sogenannte „Fantasy League“, ein Managerspiel, bei dem man einen virtuellen Kader aufstellt. Für Ferrara lief das zuletzt außerordentlich gut, wie er dieser Tage in der Slowakei Reportern erzählte: Er sei sogar Erster geworden, weil er unter anderen Patrick Kane oder Johnny Gaudreau in seinem Team hatte – zwei Millionenverdiener aus den Vereinigten Staaten. Die beiden kannte er bislang nur aus den Medien, bis zu dieser Woche bei der WM, „da habe ich selbst gegen sie gespielt, es ist wie ein Traum“, sagt Ferrara, der diesen Traum nächstes Jahr in der Schweiz ein zweites Mal leben darf, denn die Briten haben überraschend den Klassenverbleib geschafft. Obwohl sie im entscheidenden Spiel gegen Frankreich 0:3 zurücklagen, siegten sie 4:3 nach Verlängerung.

          Die Briten sind eine der Geschichten dieser Weltmeisterschaft, die mit den Halbfinalspielen zwischen Russland und Finnland (15.15 Uhr) sowie Kanada und der Tschechischen Republik (19.15 Uhr live jeweils bei Sport1 und DAZN) in die entscheidende Phase geht. Weil „Team GB“ bei seiner ersten A-WM seit 1994 niemand etwas zugetraut hatte, sie aber leidenschaftlich kämpften und allen Widerständen trotzten. Und dennoch hat ihr Klassenverbleib einen Beigeschmack, denn sie waren in mehreren Spielen nicht ansatzweise konkurrenzfähig: 0:5 gegen Finnland, 1:7 gegen die Slowakei, 0:8 gegen Kanada, gar 0:9 gegen Norwegen. Nach sieben Spielen steht das „Team GB“ bei zwei Punkten und 9:41 Toren. Und darf dennoch nächstes Jahr wieder mitspielen. Da kam die Frage auf, ob das gerechtfertigt sei. Und was so ein Team überhaupt bei einer WM zu suchen habe.

          Möglich ist ihre Teilnahme natürlich nur, weil das Turnier seit 1998 mit 16 Teilnehmern gespielt wird. Länder, in denen Eishockey eine Rolle spielt, gibt es aber vielleicht ein gutes Dutzend. Und weil die Topteams dieses Jahr mit besonders vielen Stars angereist sind, sehen die Ergebnisse entsprechend aus: Nicht ein Team auf den unteren drei Plätzen der beiden Gruppen schlug einen Viertelfinalteilnehmer. Häufig wurde es nicht ansatzweise spannend. Fast ein Drittel der Gruppenspiele endete mit fünf Toren Differenz oder mehr. Allein die Italiener erlebten fünf davon: 0:9, 0:8, 0:10, 0:8 und 1:7. Bis zum letzten Spieltag hatten sie genau ein Tor geschossen. Und trotzdem hielten auch sie die Klasse, weil sie das entscheidende Spiel gegen Österreich nach Penaltyschießen gewannen.

          So spielen nächstes Jahr in der Schweiz mit Großbritannien und Italien zwei Teams mit, die dieses Jahr nicht ein Spiel nach 60 Minuten gewannen – und gemeinsam 89 Gegentore kassierten. Ambitionen, das Format zu ändern, hat der Weltverband IIHF dennoch nicht. Mehr Teilnehmer bedeuten mehr Spiele. Jedes Team hat allein in der Gruppenphase sieben. Da ist das einzelne zwar etwas entwertet, stören kann es die Aktiven aber nicht. Sie seien ja nicht extra um die halbe Welt gereist, um nur drei, vier Spiele zu haben, sagt Kanadas Topstar Mark Stone. Zudem bedeuten mehr Spiele mehr Einnahmen. Für die Organisatoren und den Weltverband. Dazu garantiert das System Ländern wie Deutschland, dass sie auch dann nicht absteigen, wenn es mal nicht läuft.

          Offiziell geht es darum, den Sport weiter wachsen zu lassen, gerade in den Ländern, die noch keine Eishockey-Nationen sind. Dafür ist eine Teilnahme an einer A-WM besser geeignet – in Großbritannien ist das Interesse am Eishockey zwar immer noch recht gering, wegen des Aufstiegs im Vorjahr und des jetzigen Erfolgs gegen Frankreich aber so groß wie seit Jahren nicht. Das freut auch Franz Reindl, Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes und als IIHF-Präsidiumsmitglied auch an der weltweiten Entwicklung des Sports interessiert. „Eishockey ist in Großbritannien wieder ein Thema, jetzt sind sie auch noch dringeblieben, das erweitert die Chance, dass sie weiter wachsen und es mehr Nachwuchs gibt.“

          Reindl möchte auch nicht in den Chor derer einstimmen, die sich über die vielen hohen Ergebnisse ärgern. „Die Zuschauer wollen doch Tore sehen“, sagt er. Zudem seien Ergebnisse wie 10:0 oder 7:1 kein Anzeichen dafür, dass die Abstände im Welteishockey größer geworden sind, sondern dafür, dass offensiver gespielt wird. „Der Trend des internationalen Eishockeys geht zu höheren Ergebnissen, weil die Mannschaften mit dem Puck und kreativer spielen wollen. Das geht dann auch mal in die Hose und führt zu Kontern.“ So würden selbst Teams wie Schweden sieben Tore gegen Russland kassieren oder die Deutschen acht gegen Kanada. Außerdem sei es doch keine echte WM, wenn nur ein paar Topnationen dabei wären: „So eine WM lebt doch von den Kleinen“, sagt Reindl. Wie von den Briten. Auch wenn die nur ein Spiel gewinnen.

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