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Tschechien bei Eishockey-WM : Die „68“ und der große Traum

  • -Aktualisiert am

Eine Wucht: Tschechien steht bei der Eishockey-WM bereits im Viertelfinale. Bild: Reuters

Sie hoffen auf einen neuen Coup, auch die einstige Galionsfigur Jaromir Jagr ist begeistert. Bei der WM in der Slowakei ist Tschechiens Eishockey-Mannschaft so etwas wie das zweite Heimteam – mit teils kuriosen Folgen.

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          Jaromir Jagr kann es nicht lassen. Tschechiens Volksheld spielt immer noch Eishockey. Nicht mehr auf der großen Bühne in Nordamerika, wo er mit fast 850 Toren seinen festen Platz im Geschichtsbuch der NHL hat, aber weiter als Profi: Vergangene Saison kehrte er zurück zu seinem Heimatverein aus der Bergarbeiterstadt Kladno unweit von Prag, mit dem er jüngst in die erste Liga aufstieg. Das entscheidende Spiel gegen Budweis endete 4:2. Jagr erzielte alle vier Tore. Mit 47 Jahren.

          Da hatten einige Fans gehofft, dass sie den Altmeister noch mal bei der WM in der Slowakei sehen dürfen. Doch für einen Platz im Kader der Tschechen hat es nicht gereicht. Dabei reiste Jagr dem Team sogar auf eigene Kosten hinterher, wie er gewohnt augenzwinkernd auf Facebook schrieb: „Ich fahre gerade über die Grenze und habe meine Tasche mit den Schlägern dabei, aber (Nationaltrainer Miloš) Říha hebt nicht ab. Vielleicht kennt er meine Nummer nicht.“ Rund um die Arena in der slowakischen Hauptstadt Bratislava sind Jagr und seine berühmte Rückennummer 68 dennoch allgegenwärtig. Jagr am Bierstand vor der Halle. Jagr an der Theke einer Sportsbar, Jagr am Fanshop, Jagr bei den Tickethändlern auf dem Schwarzmarkt. Man sieht auch mal zwei Jagrs, die sich zuprosten.

          Die Attraktion der Eishockey-WM

          Tschechiens Fans sind eine Attraktion dieser Eishockey-WM. „Mindestens 95 Prozent der Zuschauer bei unseren Spielen sind aus Tschechien, die Atmosphäre ist perfekt“, sagt Stürmer Dominik Kubalik. Mehr als zehntausend Tschechen sind in Bratislava. Längst nicht jeder hat ein Ticket, aber dann wird halt in der Fanzone oder in den Kneipen gefeiert. Auch mal gern um 11 Uhr, obwohl die eigene Mannschaft erst um 20.15 Uhr spielt. Die nächste Partie steht nun am Dienstag an, um 12.15 Uhr gegen die Schweiz. Selbst bei Spielen wie Österreich gegen Norwegen aber kommt der Großteil des Publikums aus dem eishockeyverrückten Tschechien.

          Sorgen für „Heimspiel-Atmosphäre“: Tschechiens Eishockey-Fans bei der WM in der Slowakei

          Das war das, was sich die WM-Organisatoren versprochen hatten, als sie sich dazu entschieden, ihr eigenes Team in die Ostslowakei zu schicken. Statt in der Hauptstadt spielt der Gastgeber in der Stahlstadt Košice, keine 100 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, Bratislava gehört derweil den Tschechen. So ist garantiert, dass es an beiden Spielorten volle Hallen und Innenstädte gibt. Neu ist die Idee nicht. Vergangenes Jahr in Dänemark wichen die Gastgeber ins kleine Herning aus, die Hauptstadt Kopenhagen wurde den Schweden überlassen. 2017 richteten Deutschland und Frankreich die WM gemeinsam in Köln und Paris aus. Ein „Zukunftsmodell“ sei das, sagte Franz Reindl damals. Ein Turnier mit 16 Teilnehmern und 64 Spielen sei mit nur einem Gastgeber „nicht mehr zu stemmen“, war sich der Präsident des Deutschen Eishockey Bundes sicher. Es sei denn, man erschafft sich ein gefühltes zweites Heimteam.

          Das sind in der Slowakei die Tschechen. Was allein aus historischen Gründen besser kaum passen könnte. In beiden Ländern ist Eishockey Sportart Nummer eins, die Sprachen haben viele Gemeinsamkeiten, bis 1993 gab es einen gemeinsamen Staat, und trotz der Trennung sind die Beziehungen gut. Kein Vergleich zu den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens, die sich in teilweise tiefer Abneigung gegenüberstehen. Wird in Bratislava ein Tor der Slowaken im Parallelspiel verkündet, klatschen die Tschechen. Umgekehrt springen die Slowaken mit auf, wenn die Tschechen treffen. Was deutlich häufiger vorkommt: Während die Slowaken vor dem Aus stehen, ist der Bruderstaat bereits für das Viertelfinale qualifiziert. Nun träumen die Tschechen von der ersten WM-Medaille seit 2012. Zu Recht: Neben Topspielern aus der Schweiz, aus Russland und der eigenen Liga sind zwölf NHL-Akteure im Kader – so viele wie lange nicht. „Wenn du nah an der Heimat bist und die Familien und Freunde einfach kommen können, macht es eben besonders Spaß“, sagt Michael Frolik.

          Frolik, 31, stürmt für die Calgary Flames und zählt bei der WM zu den Besten. Gemeinsam mit Sturmkollege Jakub Voráček und dem eisenharten Verteidiger Radko Gudas (beide Philadelphia) bildet er das Rückgrat des Nationalteams. Doch wichtiger seien die nachrückenden Spieler: „Es ist eine Weile her, dass wir etwas gewonnen haben. Aber du siehst gerade den Wechsel, die Alten verabschieden sich, die neue Generation kommt.“

          Das ist auch nötig. Zwar wird Tschechien neben Kanada, den Vereinigten Staaten, Schweden, Finnland und Russland zu den „Großen Sechs“ des Welteishockeys gezählt, es ist in den vergangenen Jahren aber deutlich zurückgefallen. Nun machen Talente wie Filip Hronek (Detroit), Jakub Vrana (Washington) oder Filip Chytil (New York) wieder Hoffnung. Selbst Altstar Jagr ist begeistert. Er kam dieser Tage in die Kabine und schrieb etwas an die Wand: „Nur Gold!“

          Frankreich und Österreich steigen ab

          Frankreich und Österreich spielen bei der Eishockey-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr nur noch zweitklassig. Die Franzosen verloren am Montag im slowakischen Kosice überraschend das entscheidende Spiel gegen Aufsteiger Großbritannien mit 3:4 (0:0, 3:2, 0:1) nach Verlängerung. Das entscheidende Tor für den Außenseiter schoss Ben Davies in der dritten Minute der Verlängerung. In der regulären Spielzeit hatten die Briten ein 0:3 aufgeholt. Beide Teams hatten bislang alle WM-Spiele in der deutschen Gruppe A verloren. Frankreich war seit 2008 durchgängig erstklassig.

          Am Abend verlor Österreich in Bratislava gegen Italien 3:4 (2:1, 0:2, 1:0) nach Penaltyschießen. Aufsteiger Italien hatte zuvor in sechs Spielen nur ein Tor geschossen.

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