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Eishockey-Keeper Grubauer : Gruuuu!

  • -Aktualisiert am

Der deutsche Rückhalt: Die Eishockey-Nationalmannschaft baut auf Torwart Philipp Grubauer. Bild: dpa

NHL-Torhüter Philipp Grubauer ist rechtzeitig wieder zur Stelle – seine große Erfahrung soll im WM-Viertelfinale gegen Tschechien helfen.

          Am letzten Tag in Kosice ging es für die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft noch mal zum Abendessen ins historische Zentrum, das so gar nicht zu den Plattenbausiedlungen im Rest der Stahlstadt passen will. Schmucke Gebäude, Kopfsteinpflaster, nette Bars und Restaurants – hier lässt es sich aushalten. Und natürlich läuft überall Eishockey. So ist das in der Slowakei, erst recht während der Heim-WM, da schauen die Menschen gebannt auf die vielen Fernseher im Ausgehviertel. So wie am Dienstag die deutschen Spieler, die wissen wollten, auf wen sie an diesem Donnerstag (20.15 Uhr/Sport 1 und DAZN) im Viertelfinale treffen.

          Nun steht fest: Gegner in Bratislava sind die Tschechen, die bislang regelrecht durch das Turnier im Nachbarland geflogen sind. Und trotzdem war „ein Großteil der Mannschaft damit zufrieden“, sagte Verteidiger Yannic Seidenberg. Im Vergleich zu einem Duell mit den überragenden Russen ist ein Spiel gegen Tschechien das kleinere Übel. Zwar käme eine Niederlage des zwölffachen Weltmeisters einem sportlichen Beben gleich, aber so etwas kommt ja mal vor.

          Auch Seidenberg hält die Überraschung für möglich, „weil wir wissen, dass wir sehr gute Torhüter haben, die uns im Spiel halten“. Das galt in den ersten Turniertagen besonders für Mathias Niederberger, der statistisch zu den besten fünf Torhütern dieser WM gehört. Und dennoch wird Philipp Grubauer nun das deutsche Tor hüten. Der 27-Jährige aus der nordamerikanischen Eliteliga NHL ist rechtzeitig zur entscheidenden Turnierphase fit geworden – bereits beim 4:2 am Dienstag gegen Finnland stand er wieder auf dem Eis und zeigte 39 Paraden, hinterher wurde er als „Spieler des Spiels“ ausgezeichnet.

          Wiedereingliederung reibungslos

           

          Wichtiger als die vielen Schulterklopfer war allerdings die Spielpraxis, „gleich Viertelfinale wäre schwierig gewesen“, sagte Grubauer, der nach seiner tagelangen Verletzungspause wieder in den Rhythmus des Turniers finden musste, körperlich und vor allem mental. Eishockey-Torhüter sind komplexe Wesen, die sehr in Routinen leben, um sich zu jeder Zeit auf die nicht mal acht Zentimeter großen und bis zu 160 Stundenkilometer schnellen Pucks fokussieren zu können.

          Zum Glück für die deutsche Mannschaft verlief Grubauers Wiedereingliederung reibungslos: Gleich im ersten Drittel gegen die Finnen war er voll da und hielt sein zu diesem Zeitpunkt hoffnungslos unterlegenes Team (3:15 Torschüsse) nahezu alleine im Spiel. Das war eine gute Übung für das Viertelfinale, in dem es ähnliche Phasen geben könnte. Nicht nur, weil die Tschechen als eine Art zweites Heimteam dieser WM von Tausenden Fans nach vorne geschrien werden, sondern weil sie Qualität im Kader haben wie seit Jahren nicht. „Wenn du nah an der Heimat bist und die Familien und Freunde einfach kommen können, macht es eben besonders Spaß“, erklärt Michael Frolik, warum gleich zwölf NHL-Profis ins Nachbarland gekommen sind. Das Ziel ist die erste Medaille seit 2012. Bislang läuft es: Sechs Siege aus den sieben Gruppenspielen, mehr als fünf Tore pro Spiel, die Hälfte der zehn WM-Topscorer stammt aus Tschechien.

          Da braucht es einen wie Grubauer, der sich in dieser Saison endgültig in der Weltspitze etabliert hat. Zwar gewann er bereits im Vorjahr mit den Washington Capitals den Stanley Cup in der NHL, damals aber als Nummer zwei. Auch nach seinem Wechsel nach Denver war er zunächst meist Ersatz, setzte sich dann aber durch und war einer der Hauptgründe dafür, warum es die Colorado Avalanche gegen alle Vorhersagen in die Play-offs schafften.

          Erfahrung soll helfen

          Grubauer fühlt sich nicht nur deswegen wohl bei seinem neuen Team, das ihm mehr als zehn Millionen Dollar für drei Saisons überweist. Er mag die Stadt und die Landschaft, die Rocky Mountains erinnerten ihn an die bayerische Heimat, in der er stets die Sommermonate verbringt – gern mit Wanderungen. Nicht umsonst zieren seine Torhütermaske die bayerische Landesfahne und die Serienfigur „Monaco Franze“. Es sei „immer schön, ein bisschen Heimat in Amerika dabeizuhaben“. Für seine bodenständige Art lieben ihn die Fans in Denver, und natürlich für seine spektakulären Paraden, jede einzelne feierten sie mit einem langgezogenen „Gruuuu“. Erst recht in den Play-offs, in denen er 92,5 Prozent der Schüsse abwehrte und den Außenseiter in der ersten Runde gegen den Hauptrunden-Tabellenführer aus Calgary zum Sieg führte.

          Von der Erfahrung soll nun auch das deutsche Team bei der Weltmeisterschaft profitieren: Ein Torwart, der einem vom Papier her unterlegenen Team eine Siegchance gibt, hat noch niemandem geschadet. Gleichzeitig kann sich so jemand eher in den Köpfen der Gegner festsetzen als ein Torwart aus der international zweitklassigen deutschen Liga. Grubauer ist für die Tschechen kein Unbekannter, gerade für die NHL-Spieler, gerade für Stürmerstar Frolik, mit sieben Treffern derzeit bester Torjäger der WM. Sonst spielt Frolik in Calgary und traf jüngst in den Play-offs auf Grubauer, in fünf Spielen schoss er nicht ein Tor – und schied sang- und klanglos aus.

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