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WM-Finale gegen Kanada : Finnland schafft das Eishockey-Wunder

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Finnlands frischgebackene Weltmeister bejubeln den dritten Eishockey-WM-Titel für das skandinavische Land. Bild: AFP

Als schlechtester Kader der WM-Geschichte wurde das finnische Eishockey-Team in der Heimat zunächst verspottet – nun stehen sie ganz oben: Der Außenseiter besiegt ohne NHL-Stars Kanada im Finale 3:1.

          Natürlich hatte Slavo Jurko sich für das Finale nichts mehr Neues ausgedacht. Der zuweilen etwas hyperaktive Sprecher in der Arena von Bratislava lief vor den Spielen dieser Eishockey-Weltmeisterschaft gern mit einem Kamerateam über die Tribünen, um die Fans in sein Mikrophon schreien zu lassen. Das wurde live auf dem Videowürfel gezeigt und sollte die Stimmung anheizen – was es auch meistens tat. Am Sonntagabend fand Jurko eine Gruppe Finnen, die etwas zu den Finalchancen ihres Teams gegen Kanada sagen sollten. Viel brachten die nicht heraus, nur ein Wort war klar zu vernehmen: „Miracle“. Und wer sich im Eishockey auskennt, weiß, wofür das steht: für das „Miracle on Ice“, das „Wunder auf Eis“ bei Olympia 1980. Damals hatten die Collegeboys aus den Vereinigten Staaten die haushoch überlegenen Sowjets besiegt und später Gold gewonnen.

          Das passte ja zur Geschichte der Finnen bei dieser WM: Ohne Stammspieler aus der nordamerikanischen Eliteliga NHL waren sie angereist, die heimische Presse hatte vom „schlechtesten Kader der Geschichte“ geschrieben, und dennoch standen sie nach Siegen über die alten Rivalen aus Schweden und Russland im Finale. Am Sonntagabend machten sie das Wunder dann endgültig perfekt. Da besiegten sie Kanada 3:1 (0:1, 1:0, 2:0) und wurden nach 1995 und 2011 zum dritten Mal Weltmeister. Die Kanadier hingegen verpassten es abermals, zu Rekordweltmeister Russland (27 Titel) aufzuschließen.

          Nicht nur wegen der unterschiedlich gefüllten Trophäenschränke war das Finale ein Duell der Gegensätze. Das betraf vor allem die Kaderplanung: Die Kanadier hatten sich traditionell erst in den letzten Tagen vor dem Turnier zusammengefunden, um möglichst viele Spieler aus der NHL nominieren zu können, deren Play-offs noch laufen. Entsprechend wenig eingespielt waren sie, prompt ging das Eröffnungsspiel verloren – mit 1:3 gegen die Finnen, für die es komplett anders gelaufen war. Da die Ligen in Europa deutlich früher enden, waren sie bereits seit Wochen zusammen. Ursprünglich sollte noch etwas Verstärkung aus der NHL kommen, doch die kam kaum. Einige Spieler stecken in Verhandlungen für neue Verträge und wollten sich nicht verletzten, andere brauchten nach der anstrengenden Saison in Nordamerika eine Pause. So musste Trainer Jukka Jalonen zwar auf viel Qualität verzichten, andererseits konnten sich sein Team über Wochen einspielen. Mittelstürmer Juho Lammikko nannte die Situation sogar „unseren großen Vorteil“. Finnland war bei dieser WM keine Ansammlung großer Einzelkönner, sondern eine eingeschworene Gemeinschaft aus Europas Ligen. „Ich habe noch nie eine Mannschaft mit so einem Teamgeist erlebt“, sagte Toni Rajala am Samstagabend nach dem1:0 im Halbfinale gegen die überragend besetzten Russen. Das die Finnen wegen einer nicht minder überragenden Abwehrleistung gewannen.

          Im Anschluss hatten die Kanadier die Tschechen 5:1 aus der Halle geschossen und damit den Aufwärtstrend der vergangenen Tage bestätigt. Seit dem Auftaktspiel hatten sie alles gewonnen und waren vor allem defensiv immer besser geworden – in den letzten sechs Spielen bis zum Finale hatten sie nur sechs Tore kassiert. Zwar hatten sie im Viertelfinale gegen die Schweiz vor dem Aus gestanden, als sie erst 0,4 Sekunden vor dem Ende ausglichen und in der Verlängerung gewannen, Zweifel an ihren Qualitäten gab es aber keine mehr.

          „Wir haben einige Zeit gebraucht, aber irgendwann hat es geklickt“, sagte Stürmer Sean Couturier nach dem Halbfinale. Deswegen machte er sich auch für das Finale keine Sorgen. Sie wüssten jetzt, wie man gegen die kompakt verteidigenden Finnen spielt.In der Tat schienen die Kanadier eine Lösung gefunden zu haben. Das erste Drittel des Endspiels gehörte klar ihnen, Shea Theodore traf nach feinem Solo zum 1:0. Doch im Mittelabschnitt kippte das Spiel. Nachdem Kapitän Marko Anttila ausgeglichen hatte, dominierten die Finnen sogar, plötzlich gewannen sie Zweikämpfe und Laufduelle, plötzlich kamen die Pässe an. Anttila, ein etwas ungelenkt aussehender 2,03-Meter-Mann, hatte bereits das goldene Tor beim 1:0 gegen die Russen erzielt. Und er hatte noch lange nicht genug. Anfang des letzten Drittels traf er auch noch zum 2:1, ehe Harri Pesonen zum 3:1 erhöhte. Der Rest war neben dem überragenden Torwart Lankinen eine aufopferungsvolle Abwehrschlacht der Finnen, die sich in jeden Schuss warfen – bis das Wunder perfekt war.

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