https://www.faz.net/-gtl-9n75z

Eishockey-WM : Draisaitls Gala

Draisaitls Empty-Net-Goal zum 4:2 rundet das Match ab Bild: AP

Leon Draisaitl führt die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft zum 4:2-Erfolg gegen Finnland. Fünf Vorrunden-Siege hatte zuvor noch nie ein deutsches Team bei einer WM geschafft.

          Abschiedsstimmung kommt auf. Am Standort Kosice haben sich die Dinge nicht ganz so entwickelt, wie es sich die WM-Organisatoren vorgestellt hatten. Auch viele Schwarzmarkthändler verrechneten sich, wie in der Fan-Zone rund um die Steel-Arena festzustellen ist: Bei den Ticketpreisen für den finalen Vorrundenspieltag waren alle jene, die sich das große Geschäfte erhofft hatten, zu erheblichen Abschlägen bereit. Eintrittskarten für 50 Euro, die zum Auftakt für das Fünffache gehandelt wurden, kosteten nur noch die Hälfte.

          Mit dem Heim-Team, das fortan sportlich keine mehr Rolle mehr spielen wird, verloren die Titelkämpfe einen Publikumsmagneten, so dass im Stadion am Dienstag allerlei Lücken auf den Tribünen zu sehen waren, als der deutschen Mannschaft ein überzeugender Abschluss der ersten Turnierphase glückte: Gegen Finnland gewannen sie 4:2 (1:1, 1:1, 2:0). Marc Michaelis (18. Minute), Dominik Kahun (34.) und Leon Draisaitl (46., 60.) steuerten die Tore zum unerwarteten Sieg gegen den Favoriten bei.

          Bei den Männern um Bundestrainer Toni Söderholm hielt sich der Trennungsschmerz in der Metropole der Ostslowakei in Grenzen, denn für sie geht mit der Weiterreise in die Hauptstadt ihre ursprüngliche Kalkulation auf: Nach einer fünfstündigen Zugfahrt werden sie an diesem Mittwoch ihr geplantes Quartier in Bratislava beziehen, um sich dort aufs Viertelfinale einzustimmen, in dem sie am Donnerstag im Spiel gegen Tschechien die Chance auf eine Medaille wahren können.

          Das entscheidende Tor: Draisaitl (r.) trifft zum 3:2

          Für Draisaitl wird es sein 93. Spiel in dieser Saison sein. Dass die Belastungen einer langen Saison, bei der er im Klub mit Bestmarken glänzte, nicht folgenlos vorübergegangen sind, ließ sich in den vergangenen Tagen beobachten. Der 23-Jährige ist der mit Abstand qualifizierteste Profi im deutschen Kader. Dass er mit seiner individuellen Klasse als Dreh- und Angelpunkt der Kollegenschar neue Möglichkeiten eröffnen kann, deutete er wiederholt an. Draisaitl stach vor allem dann heraus, wenn es ihm gelang, in Torraumnähe von seiner Technik in Eins-zu-eins-Situationen zu profitieren; so bereitete er gegen die Finnen im zweiten Dritteln erst den abermaligen Ausgleich vor, ehe er später das wichtige 3:2 und dann noch per Empty-Net-Goal den Endstand folgen ließ. Mit acht Punkten (fünf Toren, drei Vorlagen) ist er vor dem Mannheimer Markus Eisenschmid (ein Tor, sechs Vorlagen) bester Scorer der Deutschen.

          Doch Draisaitl traf eben auch schon auf Konkurrenten, die ihm durch intensive Verteidigungsarbeit das Leben wesentlich schwerer machten als die Finnen und dafür sorgten, dass die Passwege zugestellt waren, auf denen die Scheibe zu dem 100-Kilo-Kraftprotz kommen sollte. So auffällig wie bei den Edmonton Oilers trat Draisaitl bei der WM bis zur Gala gegen die Finnen nicht in Erscheinung; was auch damit zu tun hat, dass ihm bisweilen die Unterstützung ähnlich hochveranlagter Nebenleute fehlte, die ihn ansonsten in Szene setzen. 50 Tore und 55 Assists bedeuteten für ihn zuletzt in der NHL ein Karrierehighlight.

          Couragiert und erfolgreich: Leon Draisaitl wird von Patrick Hager umarmt

          In Kosice sparte Draisaitl dagegen zwischenzeitlich nicht mit Kritik an der eigenen Person. Als er gegen die Slowaken 27 Sekunden vor Schluss das 3:2 erzielt hatte, sagte er anschließend, dass er dadurch das Beste aus einer bescheidenden Vorstellung machte: „Bis dahin habe ich nicht wirklich was Gutes hinbekommen. Da habe ich mir gedacht, eine gute Aktion muss ich noch irgendwie zustande bringen.“ Söderholm probierte vor dem Duell mit den Finnen, den Star seiner Truppe mit Worten anzustacheln. Ein Schachzug, der aufging. „Leon versucht sehr viel auf dem Eis“, meinte der Coach und wies zugleich unverblümt auf Draisaitls ausbaufähiges Abwehrverhalten hin: „Er kann auf alle Fälle besser in der Defensive arbeiten. Ich denke nicht, dass das ein Geheimnis ist.“

          Beim 1:3 gegen die Amerikaner stand er bei zwei Gegentoren mit auf dem Eis, wie auch beim einzigen Treffer der Briten zum WM-Start (3:1). Am Dienstagmittag gehörte Draisaitl dagegen zu den engagiertesten Akteuren seiner Mannschaft, was wohl auch mit seinem Platz im Rampenlicht zu tun hatte. „Ich mag solche Situationen ganz gerne – unter Druck zu stehen. Unter Druck habe ich schon immer schon am besten performt“, lautet sein Selbstverständnis.

          Die Arbeitsauffassung hat er sich vom Papa, ehedem selbst Eishockey-Nationalspieler, abgeschaut. Auch Peter Draisaitl war nicht der Typ, der lange haderte oder ins Grübeln geriet. Ähnlich erzog er den Sohn, der früh bereit war, mehr zu investieren als andere, um besser zu werden als sie. Statt sich im Urlaub auf die faule Haut zu legen, engagieren beide lieber zusammen Privattrainer, stemmen Gewichte und bolzen den Sommer über Kondition. Damit ist Leon Draisaitl weit gekommen – und es könnte ihm alsbald ein Wiedersehen mit der Steel-Arena bescheren, aus der er und die Deutschen am Dienstag mit Applaus verabschiedet wurde: Vater Peter unterschrieb gerade eine Vertrag als Cheftrainer des HC Kosice.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          TV-Duell für Tory-Vorsitz : „Wo ist Boris?”

          In einer lebendigen Debatte stellen die Kandidaten für den Vorsitz bei den britischen Konservativen unter Beweis, wie groß das Arsenal präsentabler Politiker der Tory-Partei noch ist. Boris Johnson bleibt der Runde fern – und ein anderer sticht heraus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.