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Eishockeystar Seidenberg : Der Verteidigungsminister auf dem Eis

Dennis Seidenberg ist in Nordamerika zum Leader gereift. Bild: dpa

NHL-Profi Seidenberg ist Aufpasser und Abräumer im deutschen Eishockeyteam. Bei der WM spielt er in den Überlegungen des Bundestrainers eine tragende Rolle.

          3 Min.

          Auf der Suche nach dem richtigen Weg ist Dennis Seidenberg noch auf Unterstützung angewiesen. Einer der 700 Volunteers, die den Ablauf der Weltmeisterschaft mit organisieren helfen sollen, weist ihm die Richtung zur Umkleidekabine. In deutschen Stadien kennt sich der gebürtige Schwarzwälder schließlich nicht mehr sonderlich gut aus.

          Seit fast zwei Jahrzehnten ist das Kraftpaket in Nordamerika sportlich glücklich und privat heimisch geworden. In der Vergangenheit kehrte er meist nur während der Sommerferien zurück, um Freunde und Familie zu besuchen. Nun ist Seidenberg gekommen, um einen „Job zu erledigen“, wie er es ausdrückte. Für die Eishockey-Nationalmannschaft ist er mit seiner Erfahrung als Führungsfigur vorgesehen. Dass er, sobald der Puck in Köln ins Spiel kommt, weiß, wo es langgeht, steht für Marco Sturm außer Frage. Sein erfahrenster Mann spielt in den Überlegungen des Bundestrainers, wie der Konkurrenz beizukommen ist, eine tragende Rolle – er ist so etwas wie der Verteidigungsminister, ausgestattet mit der Richtlinienkompetenz, wenn es darum geht, die Abwehr so zu organisieren, dass dem Gegner die Lust am Toreschießen vergeht.

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          Sturm war während seiner aktiven Laufbahn ein unerschütterlicher Angreifer. Seit er 2015 auf den Posten hinter der Bande wechselte, gehört er zu den Befürwortern einer abwartenden Marschroute, bei der Sicherheitsgedanken dominieren. Umso wichtiger für ihn und sein Konzept vor dem Auftakt an diesem Freitag gegen die Vereinigten Staaten (20.15 Uhr, Sport1), dass ihm ein Aufpasser und Abräumer wie Seidenberg zur Verfügung steht. „Wenn man ein paar Spiele hinter sich hat, dann weiß man, wo man hinzulaufen hat und was man machen muss“, beschrieb er seinen Beitrag zum Gemeinwohl.

          Seidenberg wird zwar demnächst 36 Jahre alt, ist aber mit seiner Übersicht, Cleverness im Zweikampf und körperlichen Robustheit ein wichtiger „Mosaikstein, in einem Puzzle, das sich in den letzten Tagen immer besser zusammengefügt hat“, wie DEB-Präsident Franz Reindl feststellte.

          Seidenberg ist der letzte verbliebene Spieler, der auch schon 2001 zum Aufgebot der Titelkämpfe in Köln zählte; der andere, der 38 Jahre alte Sturm, ist heute sein Vorgesetzter. Sein „Jawort“, dass er trotz der Strapazen einer langen NHL-Saison dabei sein wird, gab Seidenberg dem Coach unmittelbar nach dem Verpassen der Play-offs mit den New York Islanders. Seit Sturm Bundestrainer ist, sind die Zeiten vieler Absagen vor Großereignissen vorbei. „Marco war immer ein Vorbild für mich“, meinte Seidenberg, „wenn er anruft, ist es etwas Besonderes.“

          Neben Uwe Krupp (1996) und Tom Kühnhackl (2016) ist Seidenberg der einzige Deutsche, der den Stanley Cup gewann, 2011 mit Boston. „Das ist eine schöne Sache, zählt aber wenig, wenn man auf dem Eis steht und gegen andere Nationen spielt“, sagt Seidenberg, der zudem betont, dass es „etwas Besonderes“ sei, mal wieder mit seinem Bruder Yannic, sonst Stürmer in München, im Dress mit dem Adler auf der Brust gemeinsame Sache zu machen: „Darauf freuen wir uns.“

          Seidenberg im Trikot der New York Islanders – die Play-offs hat der bald 36 Jahre alte Verteidiger knapp verpasst, nur kurz danach gab er Bundestrainer Marco Sturm die Zusage für die Heim-WM. Bilderstrecke

          Auch ohne den in Nordamerika zum Leader gereiften und mit Edmonton noch länger beschäftigten Leon Draisaitl (Anaheim glich in der Play-off-Serie nach dem Modus „Best of seven“ zum 2:2 aus) fühle sich das Team zu vielem bereit: „Ich denke, dass wir gut besetzt sind und es Spaß machen wird“, sagt Seidenberg: „Alles ist möglich.“ Sturm hielt sich mit Zielvorgaben zurück. Er beließ es bei Andeutungen. „Meine Mannschaft hat mich verwöhnt mit dem WM-Viertelfinale in Russland und der Olympia-Quali. Das Ziel muss sein, daran anzuknüpfen und einen Schritt nach vorn zu gehen“, sagte er, wohlwissend, „dass der Druck daheim und mit diesem Kader von allein kommt“.

          Es sei die erste von vielen Herausforderungen, mit der Erwartungshaltung zurechtzukommen. „Motivieren muss ich keinen“, sagte Sturm, das Publikum werde sein Team sicher ähnlich antreiben wie 2010: „Das sind Gefühle, die bekommt man nicht oft.“

          Im Eröffnungsspiel gegen das „Team USA“ müssen die Deutschen auf Nachrücker aus der NHL verzichten; zwei werden aber noch erwartet. Sturm sagte, dass er deswegen die maximale Anzahl von 25 Spielern vorerst nicht meldet und „der ein oder andere Platz“ freigehalten wird.

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          Beim Blick auf die Nordamerika-Ergebnisse hielt sich seine Begeisterung am Donnerstag in Grenzen: Pittsburgh (mit Kühnhackl) erhöhte auf 3:1 gegen Washington um Superstar Alexander Owetschkin und steht vor dem Einzug ins Halbfinale; der Traum des Russen vom erstmaligen NHL-Triumph kann schon an diesem Wochenende vorbei sein. Für den Fall der Fälle hat er bereits angekündigt, mit einem Einsatz im Nationaltrikot den Frust zu bekämpfen und dafür umgehend in den Flieger nach Köln zu steigen. Das deutsche Duell mit der Sbornaja dürfte durch sein Zutun an diesem Montag endgültig in Schwerstarbeit ausarten. Am Kampfgeist Seidenbergs sollte es aber nicht scheitern.

          Der deutsche Kader, die Partien im Überblick

          Der Kader

          Tor: aus den Birken (32 Jahre/EHC Red Bull München/27 Länderspiele), Brückmann (26/Grizzlys Wolfsburg/24), Greiss (31/New York Islanders/24).
          Abwehr: Abeltshauser (24/München/4), Akdag (27/Adler Mannheim/74), Ehrhoff (34/Kölner Haie/104), Hördler (32/Eisbären Berlin/108), Krueger (30/SC Bern, SUI/89), Müller (30/Köln/111), Reul (27/Mannheim/75), Seidenberg (35/New York Islanders/57).
          Angriff: Ehliz (24/Nürnberg Ice Tigers/40), Fauser (27/Wolfsburg/22), Gogulla (29/Köln/153), Hager (28/Kölner Haie/114), Kahun (21/München/25), Kink (32/Mannheim/117), Macek (24/München/26), Plachta (25/Mannheim/51), Reimer (24/Nürnberg/91), Rieder (24/Arizona Coyotes/36), Schütz (29/Rögle BK/124), Seidenberg (33/München/136), Tiffels (21/Western Michigan University/8), Wolf (27/Mannheim/30).

          Die Gruppenspiele*
          Freitag, 5. Mai: USA – Deutschland (20.15 Uhr)
          Samstag, 6. Mai: Deutschland – Schweden (20.15)
          Montag, 8. Mai: Deutschland – Russland (16.15)
          Mittwoch, 10. Mai: Slowakei – Deutschland (20.15)
          Freitag, 12. Mai: Dänemark – Deutschland (20.15)
          Samstag, 13. Mai: Italien – Deutschland (20.15)
          Dienstag, 16. Mai: Deutschland – Lettland (20.15)

          * Live-Übertragung auf Sport1

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