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Moritz Seider beeindruckt alle : Das deutsche Eishockey-Versprechen

Will noch hoch hinaus: Moritz Seider (links) überzeugt bislang bei der Eishockey-WM. Bild: EPA

Er gilt nach Weltstar Leon Draisaitl als größte Zukunftshoffnung des deutschen Eishockeys: Moritz Seider überzeugt bei der WM und steht wohl vor einem Engagement in der besten Liga der Welt. Was zeichnet den 18-Jährigen aus?

          Sie waren und sind nicht bereit, ein unkalkulierbares Risiko zu wagen. Bei Moritz Seider gehen Trainer und Teamärzte bei der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft aus guten Gründen lieber auf Nummer Sicher. Der Teenager befindet sich nach dem Foul, bei dem er im Spiel gegen die Slowaken hinterrücks von Ladislav Nagy in die Bande geknallt worden war, auf dem Weg der Besserung. Aber, ob sein Gesundheitszustand gut genug ist, um am Donnerstag (20.15 Uhr bei Sport1) zum Viertelfinale gegen Tschechien dabei zu sein, wird sich erst noch entscheiden.

          Übers Wochenende, als die DEB-Auswahl ausgerechnet gegen Kanada und die Vereinigten Staaten im Einsatz war und beide Partien verlor, war es für Seider besonders bitter, nicht wie erhofft mitmischen zu können. Bei vielen Klubs in Übersee steht der 1,92 Meter große Abwehrspieler auf der Wunschliste. Doch die Sorgfaltspflicht gebot es, ihn nach dem regelwidrigen Check, bei dem er mit voller Wucht mit der Stirn gegen das Plexiglas schlug, erst langsam wieder in den Trainingsbetrieb einzugliedern, wie Sportdirektor Stefan Schaidnagel erläuterte. Seider durchläuft seit dem Zwischenfall das sogenannte „Return to play“-Programm. Darauf verständigten sich vor Jahren Spielergewerkschaft in Übersee und die Klubeigner der NHL, als sich schwere Folgeerkrankungen nach Gehirnerschütterungen drastisch häuften.

          Alle im Eishockey-Weltverband (IIHF) organisierten Nationen, in denen ein professioneller Ligenbetrieb stattfindet, schlossen sich der Übereinkunft zum Schutz der Akteure an. Seider muss unter Beobachtung der deutschen Mannschaftsbegleiter und neutraler Mediziner, die beim Turnier der IIHF jeweils zur Unterstützung herangezogen werden, täglich eine 15-minütige Prozedur absolvieren, bei der unter anderem Reaktionsfähigkeit, Spannungszustand der Muskulatur und Handlungsschnelligkeit überprüft werden. Laut Schaidnagel bestehe kein Grund zu Besorgnis, aber eben auch kein Anlass, seine Rückkehr in den Alltag ungebührlich zu beschleunigen. „Der Junge hat noch zwanzig Jahre im Eishockey vor sich“, hob Bundestrainer Toni Söderholm hervor, „da kann es jetzt für ihn gar kein so wichtiges Spiel geben, um etwas zu überstürzen.“

          Check mit Folgen: Moritz Seider (Zweiter von rechts) konnte beim Spiel gegen die Slowakei nur gestützt von Betreuern das Eis verlassen.

          Bis zum Zwischenfall am vergangenen Mittwoch verlief die Saison für den gebürtigen Thüringer, der als Schulkind das Elternhaus in Erfurt verließ, um aufs Jungadler-Internat in Mannheim zu wechseln, für Seider so spektakulär wie sorgenfrei. Alles, was er sich vornahm, glückte im Handumdrehen. „Wir sollten alle sein Spiel genießen“, sagte Söderholm nach dem 4:1-Vorrundenerfolg gegen Frankreich. Wieder hatte der Jüngste der Gruppe eine herausragende Vorstellung gezeigt – und einen ganz besonderen Treffer erzielt: Als erster 18 Jahre alter Verteidiger seit dem Finnen Reijo Ruotsalainen 1978 traf er zweimal bei einer WM. „Er kann sich noch überall verbessern, aber wir reden über einen sehr guten Eishockeyspieler“, sagte Söderholm.

          Seiders Leistungen in den vergangenen Monaten mit den Adlern brachten ihm die Auszeichnung als „Rookie des Jahres“ der Deutschen Eishockey Liga ein. Scouts aus Nordamerika verfolgen seine Entwicklung genau. Bei jedem Spiel säßen wohl „drei bis vier“ auf der Tribüne, erzählte Seider kürzlich, „zum Glück“ erfahre er es aber immer erst anschließend, wer genau sich von ihm ein Bild machen wollte. Wenn am 21. Juni in Vancouver der traditionelle NHL-Draft ansteht, wobei die besten Nachwuchsspieler auf die 31 Klubs verteilt werden, wird der Gymnasiast mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der ersten Runde ausgewählt. Seider gilt nach Edmonton-Oilers-Stürmer Leon Draisaitl als das größte Zukunftsversprechen des deutschen Eishockeys.

          Neben seiner außergewöhnlichen Begabung fällt sein Lernwille auf. Teamkollege Moritz Müller nennt ihn „absolut geradlinig“, sein Ehrgeiz sei vorbildlich. „Er ist vom Kopf her weiter entwickelt als viele andere in seinem Alter“, betonte Söderholm. „Moritz hat viele gute Qualitäten. Er traut sich Sachen auf dem Eis zu, studiert seine Mitspieler, erfasst Situationen sehr schnell und hat Hunger auf Erfolg.“ In der Slowakei besteht für die Deutschen dank des frühzeitig realisierten Einzugs ins Viertelfinale, wo nach dem Vorrunden-Erfolg über Finnland am Montag nun Tschechien und nicht das starke Russland wartet, nach wie vor eine Medaillenchance. Das offizielle Mannschaftsfoto, das an diese Veranstaltung erinnern wird, ist bereits aufgenommen worden. Seider haben die Betreuer dabei einen Platz unweit der Teamstars zugewiesen – mehr als nur eine nett gemeinte Geste.

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