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Aus bei Eishockey-WM : Der deutsche Traum endet jäh im Viertelfinale

  • -Aktualisiert am

Unter Bewachung: Leon Draisaitl (links) und das deutsche Team müssen sich dem tschechischen Druck beugen. Bild: Imago

Gut gespielt, hoch verloren: Deutschland scheidet bei der Eishockey-WM aus und muss weiter auf die erste Medaille seit 66 Jahren warten. Erst im letzten Drittel ziehen die Tschechen entscheidend davon.

          Toni Söderholm riskierte noch einmal alles. Knapp drei Minuten waren noch zu spielen im Viertelfinale der Eishockey-Weltmeisterschaft in der Slowakei. Zwar lag seine Mannschaft bereits aussichtslos mit drei Treffern gegen Tschechien zurück, doch kampflos wollte sich der Bundestrainer nicht ergeben und nahm Torhüter Philipp Grubauer für einen weiteren Feldspieler vom Eis. Helfen konnte es der deutschen Nationalmannschaft nicht mehr, sie musste sogar noch das 1:5 hinnehmen. Eine zu hohe Niederlage angesichts der abermals ordentlichen Leistung. Aber das war letztlich gleich, der Traum von der ersten WM-Medaille seit 66 Jahren ist ausgeträumt. „Das war ein Schritt in die richtige Richtung. Wir waren heute nicht weit entfernt“, sagte Leon Draisaitl.

          In der Zwischenzeit war es vor allem das tschechische Eishockey, das für das deutsche eine besondere Bedeutung hatte. Erich Kühnhackl, der „Deutsche Eishockeyspieler des Jahrhunderts“, wurde 1950 als Sohn deutscher Eltern im tschechoslowakischen Citice geboren. Und auch Draisaitl und Dominik Kahun, die Topspieler der aktuellen Generation, haben familiäre Wurzeln in Tschechien. Zwar stammt Draisaitl, 23, aus Köln, sein Vater Peter, früher ebenfalls deutscher Nationalspieler, kam 1965 allerdings in Karviná in der damaligen Tschechoslowakei zur Welt.

          Sohn Leon absolviert sein Sommertraining gern in der alten Heimat der Familie. Das tut auch Kahun, er spricht sogar die Sprache – und ist während der WM ein gefragter Gesprächspartner bei den Reportern aus Tschechien und der Slowakei. Kahun wurde in Planá im Westen Tschechiens geboren, und auch wenn die Familie früh nach Deutschland zog, spielte er in der Jugend in Pilsen. Das Viertelfinale sei für ihn „natürlich etwas Besonderes“, sagte der NHL-Stürmer im Vorfeld, „ich kenne da einige Jungs von drüben und freue mich sehr drauf“. Was der 23-Jährige allerdings auch sagte: „Die Tschechen haben wir uns alle am meisten gewünscht.“

          Damit war Kahun nicht allein. Mehrere deutsche Spieler hatten vor der Partie ungewohnt forsche Töne angeschlagen. Was einerseits daran lag, dass die anderen möglichen Gegner aus Schweden und Russland noch besser besetzt sind als die Tschechen, andererseits hatte sich das deutsche Team durch fünf Vorrundensiege – allen voran das 3:2 gegen Finnland zum Abschluss der Gruppenphase – genügend Selbstvertrauen erspielt, um an die eigene Chance zu glauben. Die alten Zeiten, in denen gegen Topteams ausschließlich darum ging, die Niederlage im erträglichen Rahmen zu halten, scheinen endgültig vorbei zu sein.

          Hinzu kam, dass Bundestrainer Söderholm erstmals im Turnier auf seinen kompletten Kader zurückgreifen konnte: Sowohl NHL-Torhüter Philipp Grubauer als auch Shootingstar Moritz Seider konnten spielen, der 18 Jahre alte Verteidiger hatte zuvor wegen einer Gehirnerschütterung tagelang aussetzen müssen. Dennoch fand sich die deutsche Mannschaft zu Beginn meist im eigenen Drittel wieder. Keine zwei Minuten waren gespielt, da musste Jan Kovar nur noch ins leere Tor einschieben. Doch der 29-Jährige, der lange als bester Ausländer der russischen Liga galt, verzog.

          Gegen Mitte des ersten Abschnitts fand das DEB-Team aber immer besser zu seinem Spiel. Leon Draisaitl hatte sogar die große Führungschance, als er allein aufs Tor lief. Danach schafften es die Deutschen, sich immer wieder im Angriffsdrittel festzusetzen. Das beeindruckte nicht nur den Favoriten, sondern auch die knapp 5000 tschechischen Fans in der Halle, die immer ruhiger wurden. Und wenn doch noch etwas auf das deutsche Tor flog, war Grubauer ein sicherer Rückhalt. So auch in der 32. Minute, als er glänzend gegen Ondrej Palat reagierte.

          Zwei Minuten später war er aber doch geschlagen: Draisaitl hatte den Puck unnötig gegen Kovar verloren, der schnell umschaltete und Grubauer auf dem falschen Fuß erwischte. Doch die Freude der Tschechen währte nicht lange, vier Minuten danach erkämpfte sich Frederik Tiffels den Puck hinter dem Tor und bediente Frank Mauer, der seinem Ruf als Mann für wichtige Tore wieder alle Ehre machte. Seit Jahren dreht der Münchener immer dann auf, wenn es besonders drauf ankommt, sei es in den Play-offs der Liga oder in K.o.-Spielen für die Nationalmannschaft. Vergangenes Jahr hatte er auch im Olympia-Halbfinale gegen Kanada getroffen – einem der größten Siege der deutschen Eishockey-Geschichte.

          Am Donnerstagabend in Bratislava kam kein weiterer hinzu, weil Kapitän Jakub Voracek (45.), Dominik Kubalik (52.), Ondrej Palat (54.) und abermals Jan Kovar (60.) den Favoriten im letzten Drittel zu einem zwar verdienten, aber zu hohen 5:1-Sieg schoss. Der Traum der Tschechen vom 13. WM-Titel lebt, für die Deutschen ist das Turnier beendet. „Wir sind leider zu ungeduldig geworden und haben blöde Gegentore kassiert“, sagte Yannic Seidenberg: „Klar waren die Siege schön, aber wir wollten heute den nächsten Schritt gehen, daher sind wir jetzt enttäuscht.“ NHL-Verteidiger Korbinian Holzer sagte: „Es ist bitter, denn ich glaube, es war viel mehr drin.“

          Am Ende setzten sich die Tschechen klar durch.

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