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Deutsches Eishockey-Team : Ein Hauch von Pyeongchang

Ein starkes Team: Die deutschen Eishockeyspieler gewinnen das Schlüsselspiel gegen die Slowakei und haben Lust auf mehr Bild: dpa

Die Mischung beim deutschen Eishockey-Team aus körperlicher Robustheit, Effizienz im Abschluss sowie defensiver Stabilität weckt Erinnerungen. Bundestrainer Söderholm hält derartige Vergleiche für verfrüht.

          Einer der Ersten, die sich aus der Ferne mit Komplimenten meldeten, war ein alter Bekannter: Marco Sturm, der mittlerweile in Kalifornien seine Karriere als NHL-Klubcoach bei den Los Angeles Kings fortsetzt, übermittelte per SMS seine Gratulation. Nicht nur der ehemalige Bundestrainer verspürte das Bedürfnis, der Nationalmannschaft Anerkennung für ihren nächsten Erfolg bei der Weltmeisterschaft auszusprechen: Das Handy von Franz Reindl, dem Präsidenten des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB), stand nach dem 3:2 (0:0, 1:2, 2:0) gegen die Slowakei kaum still.

          Durch den Sieg, den vierten in Serie, behauptete das Team von Sturm-Nachfolger Toni Söderholm vor den Favoriten aus Kanada, den Vereinigten Staaten und Finnland den ersten Platz in der Vorrundengruppe A – und weckte bei Reindl beste Erinnerungen an zehn Tage im Februar 2018, als es bei Olympia in Südkorea unter maßgeblicher Beteiligung Sturms gelang, mit dem Gewinn der Silbermedaille Sportgeschichte zu schreiben: „Auch die Spieler, die wir heute haben, wollen wie die, die in Pyeongchang dabei waren, immer mehr. Du merkst in der Kabine, der Ballon ist voll aufgepumpt.“

          Noch sei es verfrüht, Hochrechnungen anzustellen, wohin die Mischung aus körperlicher Robustheit, Effizienz im Abschluss und Stabilität in der Verteidigung bei diesen Titelkämpfen führen könne. Doch für Reindl sind die Indizien wiederum vielversprechend: „Die Mannschaft arbeitet hart und professionell, sowas kann sich auszahlen.“

          Marc Michaelis (24. Minute), Markus Eisenschmid (59.) und Leon Draisaitl, der 27 Sekunden vor Ende der regulären Spielzeit im Alleingang die Entscheidung erzielte, sorgten laut Reindl für ein „optimales Ergebnis“ und „unbeschreibliche Freude“ bei den Spielern, die während der drei Drittel nicht immer Herr der Lage auf dem Eis waren. Die Slowaken, von Sekera (29.) und Hudacek (30.) zwischenzeitlich in Führung geschossen, verstanden es nicht, aus den sich ihnen bietenden Chancen einen Vorteil zu ziehen, der nötig gewesen wäre, um sich gegen den Behauptungswillen der Männer in Schwarz-Rot-Gold durchzusetzen.

          „Sie waren die ersten beiden Drittel besser“, sagte Söderholm über die Akteure des Gegners, aber spätestens in Mathias Niederberger, dem deutschen Keeper, fanden sie ihren Meister; insgesamt wehrte der Düsseldorfer, der anstelle des verletzten Philipp Grubauer zum Einsatz kam, 34 Schüsse ab. „Diesen Erfolg sollten wir genießen, er gibt uns einen Push“, sagte der Bundestrainer, „aber wir bleiben mit den Füßen am Boden.“ Für ihn ist es „zu früh, das Wort Medaille in den Mund zu nehmen“, er verbat sich Vergleiche mit dem Olympia-Coup, um im Nachsatz ein bisschen forscher anzufügen, „dass im Sport generell vieles möglich ist“.

          Auch für Niederberger stand an diesem Donnerstag Erholung auf dem Programm. Söderholm strich die ursprünglich geplante Übungseinheit und genehmigte eine Auszeit. Der Schlussmann der DEG verbrachte sie unter anderem in einem Café in der Altstadt von Košice, wo er sich von den Anstrengungen des Vorabends erholte.

          Der 26-Jährige sprach von einer „Hexenkessel“-Atmosphäre in der mit 7400 Zuschauern ausverkauften Steel-Arena, die eine zusätzliche Herausforderung dargestellt habe. Niederberger war beim Turnierstart gegen Großbritannien und Dänemark bereits erste Wahl, dann räumte er seinen Platz für Grubauer, dessen weiteres Mitwirken aufgrund der Verletzung, die er sich im Duell mit Frankreich zuzog, in Frage steht.

          Unschöne Szene: Moritz Seider musste nach einem bösen Check benommen vom Eis geführt werden

          Dass es ihm trotz des Hin und Her gelang, voll da zu sein, als die Kollegen ihn brauchten, führte der Sohn des früheren Nationalverteidigers Andreas Niederberger auch auf die Unterstützung des Mentaltrainers Axel Zehle zurück, auf den er auch im Vereinsalltag baut, wie er nach seiner Sternstunde am Mittwoch ausdrücklich erwähnte: „Dadurch war ich in der Lage, den Lärm auszublenden und die Emotionen zu kontrollieren.“

          Moritz Müller, dem Kölner Kapitän des herzhaften Kollektivs, imponierte speziell, wie die Deutschen in einer „wilden“ Phase, als die Slowaken die Grenze des Erlaubten überschritten, um sich durchzusetzen, die Nerven behielten. Moritz Seider wurde in der 54. Minute Opfer eines Fouls von Nagy, der den Rookie rücksichtslos an die Bande checkte. Der 18 Jahre alte Spieler knallte mit dem Kopf gegen das Plexiglas, musste minutenlang behandelt werden, ehe er, gestützt von Betreuern und Mitspieler Matthias Plachta in die Umkleidekabine geführt wurde.

          „Es war gut, dass wir uns als Truppe an dieser Szene nicht aufgehängt haben“, rekapitulierte Müller. Die Deutschen verzichteten darauf, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sondern steckten ihre Energie stattdessen in einen Endspurt, der Zeichen setzte. „Wir haben hier Ziele“, sagte Müller, „wir wollen auf unserem Weg weiterkommen.“ Ob ihn Seider, der laut Söderholm „fast bewusstlos war“, wird mitgehen können, bleibt vorerst offen.

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