https://www.faz.net/-gtl-oj8e

: Eine innige Beziehung des Familienvaters Agassi

  • Aktualisiert am

MELBOURNE. Das 250. Match bei einem Grand-Slam-Turnier, der 25. Sieg in Folge bei den Australian Open, das siebte Match nacheinander in Melbourne ohne Satzverlust, dazu die Revanche gegen einen Mann, der ihm vor eineinhalb Jahren ...

          3 Min.

          MELBOURNE. Das 250. Match bei einem Grand-Slam-Turnier, der 25. Sieg in Folge bei den Australian Open, das siebte Match nacheinander in Melbourne ohne Satzverlust, dazu die Revanche gegen einen Mann, der ihm vor eineinhalb Jahren eine bittere Zweitrunden-Niederlage in Wimbledon zugefügt hatte: Für Andre Agassi läuft auf dem Weg zu seinem angestrebten fünften Sieg im Melbourne Park alles nach Plan. "Ich kann noch einen Gang hochschalten", sagte der 33jährige Amerikaner am Sonntag nach seinem 7:6(7:3)-, 6:3-, 6:4-Sieg über den Thailänder Paradorn Srichaphan. "Ich bin bereit." Und wenn die Setzliste recht behält, Agassi wie im Vorjahr wieder den französischen Weltranglistenzehnten Sebastien Grosjean im Viertelfinale besiegt, der Weltranglistenerste Andy Roddick gegen den wiedererstarkten Russen Marat Safin die Oberhand behält - dann kommt es im Halbfinale zum heißersehnten Showdown zwischen dem Altmeister und dem jungen US-Open-Champion.

          Agassi gegen Roddick, Alter und Erfahrung gegen jugendlichen Sturm und Drang, der beste Returnspieler gegen den härtesten Aufschläger - das ist eine Paarung, wie sie sich Tennis-Marketingstrategen erträumen. Agassi mag mit seinen knapp 34 Jahren - am 29. April feiert er Geburtstag - der älteste Spieler im Feld der 128 Herren sein, aber zum alten Eisen zählt der Weltranglistenvierte noch lange nicht. Ganz besonders nicht auf den Rebound-Ace-Plätzen im Melbourne Park, wo Agassi zuletzt 1999 im Achtelfinale gegen seinen Landsmann Vince Spadea verlor. Seitdem eilt er beim ersten Saisonhöhepunkt immer von Sieg zu Sieg, hat das Turnier 2000, 2001 und 2003 gewonnen. Vor zwei Jahren, als der schwedische Außenseiter Thomas Johansson triumphierte, meldete er sich kurz vor Turnierbeginn mit einer Handgelenksverletzung ab. Im Vorjahr egalisierte er bei seinem Blitzsieg im Finale gegen Rainer Schüttler den Rekord von Ivan Lendl mit 21 fortlaufenden Siegen. Und in diesem Jahr baut er Match um Match seine einmalige Erfolgssträhne aus.

          Die Australian Open und Agassi - das ist im Laufe der Jahre zu einer innigen Beziehung geworden. Die Hälfte seiner acht Grand-Slam-Titel gewann er "Down under". Dabei hat es lange gedauert, ehe Agassi nach Weihnachten und Neujahr die weite Reise auf sich nahm. 1995 spielte er das erste Mal mit - und gewann prompt. "Heute bedaure ich, daß ich wie in Wimbledon hier so oft gefehlt habe", sagte Agassi. Aber er hat die Versäumnisse der Jugend im reifen Tennisalter gründlich nachgeholt. Die mit einer federnden Schicht aus alten Autoreifen überzogenen Hartplätze in Melbourne sind für das Spiel von Agassi wie maßgeschneidert: mittelschnell und ein relativ hoher, immer berechenbarer Ballabsprung. Hinzu kommen die äußeren Bedingungen. "Ich liebe die Hitze", sagt der Profi aus Las Vegas. In diesem Jahr war ihm Petrus nicht sonderlich gewogen, die Temperaturen stiegen bisher nur leicht über die Zwanzig-Grad-Marke. Gegen Srichaphan zeigte das Thermometer in der Rod Laver Arena nur 19,5 Grad unter einer dichten Wolkendecke an, aber Agassi kann eben nicht nur in einem Glutofen vorzüglich Tennis spielen.

          "Niemand baut die Punkte besser auf als Andre", sagt der ehemalige schwedische Weltranglistenerste Mats Wilander, "dabei sieht es nie danach aus, als plane er die Ballwechsel. Andre trifft den Ball nicht nur sauber - hinter jedem seiner Schläge steckt eine klare Absicht." Drei-, viermal schlägt Agassi mit der für ihn so typischen kurzen Ausholbewegung den Ball hart übers Netz, urplötzlich kommt der Ball mit viel Spin kurz und in einem extremen Winkel an - und dem Amerikaner winkt die Chance zum Gewinnschlag. Aber noch eines zeichnet den smarten Tennisspieler aus: Er schenkt seinem Gegner keinen Punkt, seine Matchstatistik weist fast immer mehr Gewinnschläge als leichte Fehler auf. "Im Tennis kommt es unheimlich auf die entscheidenden Punkte an", sagt Agassi. Gegen Srichaphan bewies er, wie hellwach er bei diesen sogenannten "Big Points" ist: Der Thailänder hatte im ersten Satz beim Stand von 5:4 und 0:40 gegen den Aufschlag drei Satzbälle und bei 6:5 noch einmal zwei. Agassi wehrte sie alle ab und erstickte damit jeden Keim an Hoffnung, den der beste asiatische Tennisspieler gehegt haben mag. "Wenn man gegen Andre den ersten Satz verliert, ist es, als ob man 0:2 Sätze zurückliegt", sagt Wilander "man steht vor einem Berg und weiß nicht, wie man ihn erklimmen soll."

          Agassi hat sich nach der glatten Final-Niederlage gegen Roger Federer beim Masters Cup in Houston immer wieder einen Hügel nach oben gequält, hat mit den Spurts bergauf seine Fitneß getrimmt. "Das Konditionstraining fällt mir leicht, nach jeder Einheit will ich mehr, weil ich weiß, daß das meinem Spiel hilft", erzählt Agassi. Anderes fällt ihm dagegen schwerer. Das Reisen mit Ehefrau Steffi Graf und seinen beiden kleinen Kindern Jaden Gil und Jaz empfindet er als Fron, alleine mag er die Familie aber auch nicht zu Hause zurücklassen. Agassi erzählt, daß sich mit der Geburt der Tochter die Schwierigkeiten nicht verdoppelt haben, sondern um das Zehnfache gewachsen seien. Seine deutsche Gattin, die seit frühester Jugend als Tennisprofi durch die Welt tingelte, ist des Zigeunerlebens müde. Eines Tages, so behauptet er immer wieder, wisse er, daß es vorbei sei und der Moment zum Rückzug gekommen sei. Aber solange er sich stark genug fühlt, Grand-Slam-Turniere zu gewinnen, wird er weiterspielen - und in Melbourne wird dieses Gefühl Runde um Runde stärker.

          WOLFGANG SCHEFFLER

          Weitere Themen

          Emotionaler Abschied von Uli Hoeneß Video-Seite öffnen

          „Ich habe fertig“ : Emotionaler Abschied von Uli Hoeneß

          Seit 1970 war Hoeneß als Spieler, Manager oder Präsident beim FC Bayern tätig und wurde in dieser Zeit zu einer polarisierenden Persönlichkeit des deutschen und internationalen Fußballs. Am Freitag war es für den Weltmeister von 1974 an der Zeit, zu gehen.

          Topmeldungen

          Robert Habeck und Annalena Baerbock sprechen die Sprache der grünen Neumitglieder.

          Eintrittswelle : Die neuen Grünen

          Anderen Parteien laufen die Mitglieder weg. Aber die Grünen, die gerade in Bielefeld auf ihrem Bundesparteitag zusammenkommen, können sich vor Aufnahmeanträgen kaum retten. Das schafft Probleme.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.