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Eine Fußball-EM ohne eitle Mätzchen, aber mit vielen Auffälligkeiten: Löw hat eine metrosexuelle Frisur, Lehmann bekommt eine Glatze, und die Unterarme sind tätowiert : Das Auge spielt mit: Unsere Kicker waren schon mal schicker

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Odonkor trägt ihn links, Neuville rechts und Frings beidseitig: den tätowierten Unterarm, das aktuell unverzichtbare Mode-Accessoire des Fußballers von Welt. Auch die Spanier Torres und Senna haben es, auch die Portugiesen Petit, ...

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          Bekritzelte Unterarme

          Odonkor trägt ihn links, Neuville rechts und Frings beidseitig: den tätowierten Unterarm, das aktuell unverzichtbare Mode-Accessoire des Fußballers von Welt. Auch die Spanier Torres und Senna haben es, auch die Portugiesen Petit, Simão, Almeida und Meireles (der am rechten Arm mehr Tinte als Hautfarbe hat). Meist sind es irgendwelche arabische Zeichen oder römische Ziffern oder beides auf einmal, wie bei Frings (römisch rechts, arabisch am linken Handgelenk). Der Vorreiter war Marco Materazzi, doch der ist nach dem 0:3 der Italiener gegen Holland nicht mehr angesagt: "Tätowiert von oben bis unten - steht herum wie eine vollgesprühte Mauer", spottete die Zeitung "Repubblica". Bei Materazzi und den ersten Nachahmern sah das mit den Unterarmen noch aus wie früher in der Schule, wenn man sich für die Mathe-Arbeit ein paar Formeln in die Armbeuge gekritzelt hatte: Tattoos für Vergessliche. Doch plötzlich sind die Dinger cool auch bei Frauen. Die frühere Eiskunstläuferin Denise Biellmann zeigte sich jetzt in Schweizer Zeitungen mit lauter tätowierten pastellfarbenen Blümchen auf den Armen. Und Heidi Klum hat sich, wie bei einer Gala im Waldorf Astoria Hotel in New York bemerkt wurde, den Namen des Gatten in den Unterarm stechen lassen.

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          Schöne Stürmer

          Die simpelste Erklärung für die Frauen-Quoten ist natürlich: Sie schauen sich gern Männer an, die man gut anschauen kann. Wenn das stimmt, dann wird Toni gegen Torres, das Duell der schönen Stürmer, an diesem Sonntag auch gut ziehen. Aber wer etwa Türkei gegen Kroatien sah, der weiß auch: Die EM ist sicher kein durchgängiger Schönheitswettbewerb. Auch die Deutschen sind ja keine aus dem Model-Casting: Lehmann kriegt eine Glatze, Metzelder einen Bart, und dieser Wasserstoffblonde auf dem rechten deutschen Flügel ist auch mehr was fürs Herz als fürs Auge. Aber: Sie haben den schönen Ronaldo weggeschickt, heim vor seinen Spiegel.

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          Smarte Trainer

          Der grobe Eindruck: Kicker waren schon mal schicker. Aber die Trainer! Sie setzen Maßstäbe. Die Schweizer Zeitungen können sich gar nicht sattsehen an Roberto Donadoni laut "NZZ am Sonntag", die den "silbern gelockten commissario tecnico" der Italiener zum "Europameister der Eleganz" ernannte: mit seinem gut sitzenden Anzug, "sportlich, schmal, smart", der schmalen Krawatte, alles in allem "tadelloser Becchino-Chic, die Schönheit des Totengräbers". Der Kontrast ist umso deutlicher im Vergleich mit seinem Gegenüber heute Abend, dem bald siebzigjährigen Trainingsanzugträger Luis Aragonés, den die Zeitschrift "11 Freunde" etwas respektlos "den Opa mit der Trillerpfeife" nannte.

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          Deutsche Ikone

          Aber mehr noch begeistert Joachim Löw. Die "Neue Zürcher Zeitung" stellte ihn mit dem schwarzen Anzug, dem weißen Hemd und der "tadellosen Frisur" in eine Reihe "mit zwei Stil-Ikonen: Bryan Ferry und Leonard Cohen". Wir stellen uns Stil-Ikonen immer lässig-melancholisch auf Hockern in kühl beleuchteten Bars vor, und Löw hat am Donnerstag gezeigt, dass sich auch das mit dem Trainerjob verbinden lässt - er guckte das Spiel ganz cool in der Bar. Die "Berner Zeitung" ist vor allem begeistert von seiner "metrosexuellen Frisur". Wir wissen zwar nicht, was das ist, wir wissen nur: Wenn es eine metrosexuelle Frisur gibt, dann hat sie lange vor Löw schon Günter Netzer erfunden. Und wenn die Frisur nun der Grund für den Fernseh-Frauen-Fußball-Boom sein soll - dann hätte die ARD den Boom ja schon seit der Erfindung von Netzer und Delling.

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          Diskrete Spielerfrauen

          Positiv auffällig ist, dass dank der Abwesenheit der geschmacklos beklunkerten, stets im Rudel mit riesigen Sonnenbrillen und riesigen Kreditkartenabrechnungen auftretenden englischen Fußballergattinnen die schlecht beleumundete Spezies der Spielerfrauen eine Aufwertung erfährt bei dieser EM. Die Damen bleiben diskret im Hintergrund. Die Mütter der holländischen Spielerkinder reichen den Fußballern nach getaner Arbeit und glorreichen Siegen kleine Jungs und blonde Meisjes über die Werbebande, es ist ein Herzen und Küssen und macht rührende Bilder. Auch die deutschen Spielerfrauen verhalten sich sehr angenehm unauffällig. Am Donnerstag nach dem Sieg gegen Portugal durften sie mit in den Spielertrakt des Stadions, am Freitag für ein paar Stunden ins Quartier. Das gefällt, sie gehören dazu, aber nur ein bisschen. Niemand macht sich bei dieser EM wichtiger, als er ist.

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          Aparter Jubel

          Auch die Spieler machen sich nicht unnötig wichtig. Es gibt keine neuen eitlen Jubelposen, keine eingeübten, inszenierten Selbstdarstellungen - der Trend unter Torschützen ist die gute alte Übung aus früheren Zeiten, bevor die ganzen Sägen und Salti, Babyschaukeln und Trikotauszieher erfunden wurden: zu seinen Mitspielern zu rennen und ihnen zu danken. Auch Miroslav Klose verzichtete nach dem 2:0 gegen Portugal auf seinen Salto. Es ist ein Turnier ohne Mätzchen, ohne alberne Schwalben, ohne eitle Selbstinszenierungen. Fußball pur - das muss es sein, was den Frauen gefällt.

          Christian Eichler

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