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: Ein Dominator auf Dauer?

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Mannheim. Es war der Mittag nach der Wahlnacht. Ein globaler Freudentaumel begrüßte den neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Menschen sogen Barack Obamas Schlagworte auf als Glaubensbekenntnis.

          2 Min.

          Von Hartmut Scherzer

          Mannheim. Es war der Mittag nach der Wahlnacht. Ein globaler Freudentaumel begrüßte den neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Menschen sogen Barack Obamas Schlagworte auf als Glaubensbekenntnis. Ob im Büro, auf dem Bau - oder auf der Pressekonferenz für einen Boxkampf. Obamas Botschaft als Hasim Rahmans Kampfansage an Wladimir Klitschko: "Yes, we can", rief Manager Steve Nelson enthusiastisch in den Konferenzraum der Mannheimer SAP-Arena. Ja, wir werden die Weltmeisterschaft im Schwergewicht gewinnen. Mit dem gewählten Präsidenten als virtuellem Sekundanten in der Ringecke.

          Wladimir Klitschko überlegte, wie auch er etwas von Obamas Sinn für Symbolik abrufen konnte. "We need change!" Wie? Titelwechsel? Ein Scherz? Klitschko tat sich ein bisschen schwer, den verqueren Gedanken zu erläutern. Mit der Notwendigkeit des Wechsels forderte er das genaue Gegenteil: Bestand. "Das Schwergewicht braucht wieder einen dauerhaften Champion", meinte Klitschko. Einen Dominator, der über Jahre souverän die Königsklasse beherrsche wie zuletzt Lennox Lewis. So wollte Klitschko den Wechsel verstanden wissen. Schluss mit den Eintagsfliegen, diesen Peters, Maskajews, Briggs', Chagaevs, Liakowitschs, Ibragimows.

          Wer könnte zum populären Langzeitregenten besser taugen als er selbst? "Wladimir folgt großen Fußspuren - meinen", sagt Lewis. "Um in den Augen der Leute ein großer Champion zu sein, muss ein Boxer Charisma haben." Das fehlt dem Kosmopoliten aus Kiew wahrlich nicht. Zudem ist Wladimir Klitschko mit 32 Jahren noch vergleichsweise jung in der überalterten Krisenklasse, aber mit zwölf Berufsjahren und 54 Profikämpfen reich an Erfahrung. Das traumatische Tief seiner Karriere, die

          K.-o.-Niederlagen und Demütigungen durch Corrie Sanders und Lamon Brewster innerhalb von 13 Monaten, hat er nun schon über vier Jahre ohne Nachwirkungen hinter sich gelassen. Es war eine schmerzhafte Phase, aus der er aber gestärkt hervorgegangen ist.

          Die Ranglisten seiner Herausforderer und Konkurrenten hat der jüngere Klitschko arg zusammengestrichen, seit er vor zweieinhalb Jahren den IBF-Titel durch K. o. gegen Chris Byrd gewann und sich den WBO-Gürtel vor zehn Monaten durch einen Punktsieg über Sultan Ibragimow zurückholte. Das Schwergewicht ist ausgedünnt. Der 36 Jahre alte Haudegen Rahman war der einzig akzeptable und verfügbare Ersatzmann aus den "Top Ten" nach der verletzungsbedingten Absage des offiziellen Herausforderers Alexander Powetkin.

          Klitschko ist ein selten aktiver Weltmeister. Abwechselnd erfüllt er bei den Verbänden IBF und WBO seine Pflichtkämpfe. Brock, Austin, Brewster, Ibragimow und Thompson hat der Ukrainer in anderthalb Jahren erledigt. Mit einem Sieg über Rahman würde Klitschko zum legendären Rocky Marciano aufschließen, der zwischen 1953 und 1956 seinen Titel sechsmal in Folge erfolgreich verteidigte.

          Vorausgesetzt, Klitschko erlebt am nächsten Samstag in Mannheim keine böse Überraschung. Emanuel Steward warnt: "Gegen einen ,one punch fighter' wie Rahman muss Wladimir jede Sekunde hochkonzentriert sein." Klitschkos Trainer muss es wissen. Steward stand in Lewis' Ecke, als Rahman den Champion mit einem Schlag umhaute. Es war die fünfte Runde am 22. April 2001 in Carnival City in Südafrika. Sieben Monate später schlug Lewis in Las Vegas zurück: Rahman ging in Runde vier k. o.

          Der Traum der Klitschkos hat sich mittlerweile erfüllt. Die Brüder sind gleichzeitig Weltmeister. Um alle vier WM-Gürtel in Familienbesitz zu bringen, müsste nun der fünf Jahre ältere Witali (WBC) das Duell gegen Nikolai Walujew (WBA) suchen. Das wäre logisch. Doch die Familien-Firma KMG (Klitschko Management Group) hat andere Pläne. "Walujew ist Wladimirs Sache", sagte Geschäftsführer Bernd Bönte. Denn zum Ruhm als Champion, mit dem sich weltweit jeder Boxfreund identifiziert, braucht Wladimir Klitschko den Triumph über einen außergewöhnlichen Gegner, das besondere Spektakel für den Ritterschlag in den Vereinigten Staaten. New York gähnte zuletzt beim langweiligen Sieg über Sultan Ibragimow im Madison Square Garden und sehnte die alten Zeiten herbei. "Dem Kampf fehlte die Aura der glorreichen Tage des Schwergewichtsboxens", schrieb die New York Times damals. Ob Wladimir Klitschko das ändern könnte?

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