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Dopinglabor-Gründer Victor Conte : Das ganz spezielle Wissen eines Drahtziehers

  • -Aktualisiert am

In der Rolle des Geläuterten: Balco-Gründer Victor Conte Bild: AP

Victor Conte ist Gründer des Doping-Betrugslabors Balco. Nun inszeniert sich ausgerechnet der Kalifornier als Retter des IOC. Conte will schon bald neue Namen von gedopten Sportlern preisgeben. Nun zittern viele Verdächtigen.

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          Ausgerechnet einer der schlimmsten Drahtzieher des olympischen Doping-Betrugs, der Kalifornier Victor Conte, könnte dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) aus einer schier unlösbar scheinenden Zwangslage helfen. An diesem Mittwoch, so ließ der Gründer des Betrugslabors Balco in einer Mail an amerikanische Medien wissen, werde er sich mit dem Kanadier Richard Pound, dem scheidenden Präsidenten der Welt Antidoping-Agentur (Wada), in New York treffen, und dann solle es richtig zur Sache gehen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Offenbar will er neue Details zum von ihm selbst perfektionierten Dopingbetrug nennen, mit dem er im Jahr 2003 aufflog. Und neue Namen auch. Unter anderem, deutet er an, will er weitere Athleten preisgeben, die während der Olympischen Spiele von Sydney 2000 gedopt waren. Etwa auch die Griechin Ekaterini Thanou, die erst vier Jahre später gesperrt werden konnte, weil sie sich einer Dopingkontrolle entzog? Falls ja, könnte das IOC ihr die nachträgliche Verleihung der Goldmedaille im 100-Meter-Sprint von Sydney womöglich verweigern. Eine enorme Peinlichkeit, die sonst kaum zu umgehen ist. Bisher gibt es lediglich Hinweise, aber keine Beweise, dass Thanou und ihre Trainingsgruppe zu den Balco-Kunden gehörten.

          „Fehlentscheidungen und Fehler der Vergangenheit“

          Conte, der sich nach vier Monaten Gefängnis wegen des Handels mit Dopingmitteln und Geldwäsche offenbar die Rolle des Geläuterten geben will, nennt es selbst eine Ironie, dass ausgerechnet er durch all seine „Fehlentscheidungen und Fehler der Vergangenheit“ nun besonders zu solchen Enthüllungen qualifiziert sei. Sein Wissen, erklärt er, „könnte nicht nur wichtig sein für die Wada, sondern auch für das IOC“. Es gehe um „spezielles Wissen über frühere und aktuelle olympische Spitzenathleten, Trainer und Lieferanten, die weltweit in Dopingaffären verstrickt waren“.

          Conte bezieht sich in seiner Selbstinszenierung auf eines seiner wichtigsten Hochleistungs-Geschöpfe, die amerikanische einstige Super-Athletin Marion Jones, deren Aufstieg und Fall unmittelbar mit seinem heimlichen Treiben im kalifornischen Dopinglabor zusammenhängt. Dort hat er zum Beispiel das Designer-Steroid Tetrahydrogestrinon (THG) entwickelt, dessen veränderte Molekularstruktur einzig dem Zweck diente, die Entdeckung durch die möglichen Dopingtests zu umgehen, und dessen Gebrauch Jones im Oktober in einem Gerichtsverfahren gestand. Danach gab sie ihre fünf Medaillen von Sydney zurück und stellte das IOC vor das Problem, die Lücken mit untadeligen Nachrückern zu füllen. Jones war nur eine von vielen prominenten Kunden von Conte, zu denen auch der Weltrekord-Sprinter Tim Montgomery und der Homerun-Rekordhalter im Baseball, Barry Bonds, gehörten.

          Das IOC will Contes Aussagen zunächst abwarten

          Während in Lausanne parallel zu der IOC-Exekutivsitzung bis Mittwoch eine hochspezialisierte Disziplinarkommission an einem Ausweg aus dem Problem tüftelt, dass man Marion Jones' nach ihrem Doping-Geständnis verwaiste Sprint-Goldmedaille von Sydney 2000 nach den Regeln nun ausgerechnet ihrer griechischen Schwester im Geiste weiterreichen muss, erweckt Conte den Anschein, dass er über die Lösung verfügt. Auf jeden Fall, empfiehlt er, solle das IOC seine Mitteilungen abwarten, bevor es Medaillen von Sydney neu verteile.

          Conte deutet sogar an, dass mehrere Konkurrentinnen von Jones in Sydney gedopt gewesen sein könnten. Bereits am Montag hatte der Schweizer Rechtsanwalt Denis Oswald, Mitglied der Disziplinarkommission, erklärt, man werde mit der Entscheidung über die Medaillenvergabe auf neue Erkenntnisse aus dem Verfahren der amerikanischen Justiz gegen Conte warten, der 2005 verurteilt wurde. Da der Prozess gegen den Laborleiter in einem „Plea Bargain“, also einem Handel zwischen Justiz und Angeklagtem, endete, hat die Kommission allerdings Schwierigkeiten, an die Akten zu kommen.

          „Er ist derjenige, der weiß, was passiert ist“

          Der deutsche IOC-Vizepräsident Thomas Bach, der die Disziplinarkommission leitet, setzt große Hoffungen in das Gespräch zwischen Conte und Pound. „Es liegt im Interesse aller, dass in die Balco-Geschichte Licht kommt“, sagte er am Dienstag in Lausanne. Zu möglichen Zweifeln an der Glaubwürdigkeit eines überführten Sport-Manipulateurs sagte Bach: „Wenn der Urheber der Affäre zur Aufklärung beiträgt, hat das auch ein besonderes Gewicht. Er ist derjenige, der weiß, was passiert ist.“

          Man werde sich seine Angaben ansehen und sie auf Stimmigkeit prüfen. Conte selbst behauptet, er tue all dies für die jungen Athleten in der Zukunft. Sollte er mit seinen Angaben dem IOC die ersehnten Anhaltspunkte geben, um Thanou das Aufrücken zu verweigern, so könnte er allerdings noch einen anderen Erfolg für sich reklamieren: Trotz Jones' Geständnis hätte er auch noch sieben Jahre später erheblichen Einfluss auf die Medaillenvergabe von Sydney genommen.

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