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Dopingkontrollen im Fußball : Was soll das?

  • -Aktualisiert am

DFB-Arzt Meyer, Nationalcoach Löw (Foto von 2006): Bluttests nicht das Hosianna Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

DFB und Nada kündigen Blutkontrollen im deutschen Profi-Fußball an. Die niedrige Zahl löst Kritik aus. „Wenn man das macht, dann richtig“, sagt der Chefmediziner der Fifa.

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          Doping im Fußball? „Das bringt nichts.“ So hat sich Theo Zwanziger 2006 gegenüber dieser Zeitung geäußert. Der frühere Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sagte diesen Satz so überzeugt und bestimmt, als sei er ein Richterspruch, Widerworte zwecklos.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Sieben Jahre später hat sich der deutsche Profifußball zu einem neuen Kapitel in der Bekämpfung der Manipulation durchgerungen. Von dieser Saison an wird es nicht nur Urin-, sondern auch Blutkontrollen geben. Endlich. DFB und Deutsche Fußball Liga haben sich mit der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) auf einen entsprechenden Vertrag geeinigt. Bei näherer Betrachtung aber hat die Nachricht vom Donnerstag Erstaunen unter Experten ausgelöst. Blutkontrollen sind wichtig, aber nur 75 bis 100 pro Jahr?

          Diese Zahl bezieht sich nicht auf einen Verein mit im Schnitt 25 Spielern, sondern auf die erste und zweite Liga, die Nationalmannschaften - auch der Frauen, also auf mehr als 1000 Aktive. Macht, bei flächendeckender Verteilung, etwa zwei Proben pro Verein aus. „Ich bin nicht entsetzt, aber sehr überrascht“, sagte der Pharmakologe und Anti-Doping-Experte Professor Fritz Sörgel: „Wenn man Blutpässe der Sportler erstellen will, über den man dann bei einer langfristigen Überprüfung ein Dopingverhalten nachweisen könnte, reicht diese Zahl niemals aus.“

          Die Vereinbarung zwischen Fußball und Nada soll ein erster Schritt sein in das Zeitalter einer kompromisslosen Bekämpfung von Doping. „Die abschreckende Wirkung ist wichtig“, erklärte DFB-Vizepräsident Rainer Koch, auch Vorsitzender der Anti-Doping-Kommission im Verband, auf Anfrage: „(...) In der Fachkommission bestand Einigkeit, dass die Blutkontrollen nur als Ergänzung wichtig sind. Die Nada hat entschieden, dass jetzt 15 Prozent Blutkontrollen stattfinden.“ Es könnten zwar auch zwanzig werden, aber mehr kann sich die Bonner Einrichtung von Staat und Sport nicht erlauben.

          Denn für den Aufbau eine umfassenden Fußball-Datenbank mit Blutwerten reicht das gezahlte Budget, an die 200000 Euro, nicht aus. Zuletzt hatte die Nada 500 Urin-Kontrollen im Training mit den beiden Verbänden vereinbart, die zusätzlich 1700 Kontrollen unmittelbar nach den Spielen selbständig organisieren. Bei den 500 bleibt es. Zwar hat die Nada freie Hand, was sie prüft. Falls sie aber 500 Blutproben machen wollte, müsste sie auf die Urin-Proben verzichten, die unerlässliche Hinweise für das Steroid-Profil liefern, für Doping mit Anabolika zum Beispiel.

          Blutpässe lassen sich so nicht erstellen

          Darauf legt auch Tim Meyer großen Wert. Er ist Arzt der Nationalmannschaft und Mitglied der Anti-Doping-Kommission des DFB. Meyer hält die Bluttests nicht fürs „Hosianna“ im Kampf gegen Doping. Wenn gedopt würde im Fußball, „dürfte der Schwerpunkt mit hoher Wahrscheinlichkeit bei den anabolen Substanzen liegen“. Und diese seien bei der Urinkontrolle noch nach einigen Tagen nachweisbar. Blutpässe aber lassen sich so nicht zusammenstellen. „Unter diesen Umständen wird man nach einem Jahr keine Aussage machen können, ob und was im Fußball gemacht wird“, sagt Sörgel, „was soll das?“

          Die Nada ist froh, den Fuß in der Tür zu haben. Sie könnte, wie viele Anti-Doping-Einrichtungen vor ihr, auch als Feigenblatt missbraucht werden. Zumindest ist der zaghafte Einstieg in die Blutkontroll-Ära des deutschen Fußballs ein Hinweis für die latente Haltung unter den Kickern: Man glaubt nicht an eine Verbreitung im Lieblingsspiel der Deutschen. Das zieht sich durch die Generationen: Franz Beckenbauer und Wolfgang Overath beteuerten in diesen Tagen, zu ihren Zeiten auf dem Feld der Ehre nichts gemerkt zu haben.

          Schlucken und spritzen

          Die Geschichte des Spiels hat aber in allen Dekaden seit dem zweiten Weltkrieg brisanten Erzählstoff zu bieten: Von der Einnahme der Aufputschmittel in der deutschen Nationalmannschaft 1954 und 1966, wie sie der Historiker und Journalist Erik Eggers beschreibt, über den Einsatz von Anabolika in den achtziger Jahren bis hin zum Blutdoping mit dem Medikament Erythropoetin (Epo). Einige frühere Profis bestätigten, öffentlich oder anonym, die Schilderungen von Kölns Torwart Toni Schumacher, der 1987 in seinem Buch „Anpfiff“ nicht nur über seine Dopingeinnahme schrieb, sondern keine Zweifel an einer gewissen Verbreitung in der Liga und in der DFB-Auswahl ließ. Er flog aus dem Verein und der Nationalmannschaft. Verklagt wurde er nie.

          Hinweise auf den Gebrauch von Anabolika in der Bundesliga etwa zur beschleunigten Heilung von verletzten Profis tauchten immer wieder auf, selten so eindeutig wie im Protokoll des Anti-Doping-Labors der DDR. Das Stasi-Dokument belegt eine Systematik in der DDR-Oberliga 1983. 13 der 19 aufgeführten Spieler von Dynamo Ost-Berlin, darunter spätere Bundesligaprofis wie Falko Götz, wurden bei einer „Kontrolle“ in Kreischa positiv auf Amphetamine getestet. Längst weiß man, dass Doping jede Grenze überspringt.

          „Ich habe wohl mal vor einem Europapokalspiel so ein Amphetaminpillchen geschluckt“, sagte in dieser Woche Johnny Rep, der Ajax Amsterdam 1973 mit einem Kopfballtor im Finale gegen Juventus Turin den Europapokal der Landesmeister sicherte, Weltpokalsieger wurde und ständiger Gegner der Deutschen war, auch im WM-Finale 1974.

          Epo in Italien - und bei den Franzosen?

          Wie grenzenlos die Manipulation im Fußball betrieben wurde, lässt sich am Beispiel von Juventus Turin in den neunziger Jahren erkennen: 40 000 Akten trugen die Ermittler zusammen. Der Richter stellte ein „systematisches“ Doping unter anderem mit Epo fest. Größen wie Alessandro Del Piero, der heutige französische Nationaltrainer Didier Deschamps und Superstar Zinédine Zidane spielten in dieser Zeit bei Juve. Positive Kontrollen gibt es nicht. Epo war noch nicht nachweisbar. Turin soll sich in der Serie A in guter Gesellschaft befunden haben, behauptete der Trainer Zedenek Zeman (AS Rom), auch international.

          Didier Deschamps: Verdächtig hoher Hämatokritwert?
          Didier Deschamps: Verdächtig hoher Hämatokritwert? : Bild: AFP

          Vor wenigen Wochen ging aus einem Untersuchungsbericht des französischen Senats hervor, dass Spieler der Nationalmannschaft rund um den WM-Sieg 1998 in der Heimat ungewöhnlich hohe Hämatokritwerte gehabt haben sollen. Sie geben das Verhältnis von festen zu flüssigen Bestandteilen im Blut an. Bei Deschamps ist angeblich ein Hämatokrit von 51,9 Prozent gemessen worden, Indiz für die Vergabe von Epo, es verdickt das Blut.

          Obwohl Doping in einer kompositorischen Sportart wie Fußball zweifellos weniger effektiv ist als etwa bei einem reinen Ausdauersport, haben es alle Protagonisten, die im Fußball ein freies Spiel natürlicher Kräfte sehen, schwer mit ihrer Argumentation. Die künstlich gesteigerte Ausdauerleistungsfähigkeit kann am Ende eines Spiels, das an Tempo zugelegt hat, den Unterschied ausmachen: Wenn einer von zwei technisch gleichwertigen Spielern dank des Dopings langsamer ermüdet, keine Konzentrations- und Koordinationsschwächen zeigt.

          „Wenn man das macht, dann richtig“

          Professor Jiri Dvorak ist zwar überzeugt, dass es kein systematisches Doping im Fußball gibt. „Dazu habe ich zu viele Dopingkontrollen ausgewertet. Ich habe keine Dopingkultur entdeckt“, sagte der Chefmediziner des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa). Aber trotzdem votiert er vehement für eine systematische Untersuchung der Besten. Nach den ersten vorübergehend eingeführten Blutkontrollen bei der WM 2002, die laut Dvorak Werte wie bei Normalbürgern ergaben, „sogar teilweise darunter“, hat die Fifa 2011 ein offizielles Datensammelprojekt via Dopingkontrollen gestartet. „Bis 2015 werden wir von etwa 2500 bis 3000 Spielern, den weltweit besten, Blut- und Steroidprofile zu haben“, sagte Dvorak am Samstag.

          Er gab sich kompromisslos: Beim Konföderationen-Cup in diesem Jahr in Brasilien seien bei allen Spielern aller Teams im Vorfeld Blut- und Urinkontrollen genommen worden. „Das wird auch bei der WM im nächsten Jahr in Rio so sein“, fügte Dvorak hinzu. Nach drei Jahren will er prüfen, was man zu Doping im Fußball sagen kann, gestützt auf einer wissenschaftlich fundierten Basis. So weit würde die Nada in der Bundesliga auch gerne kommen. Vorerst muss sie sich angesichts der knappen Resourcen auf die Nationalspieler konzentrieren.

          Die bleibenden Lücken, die der kleine Fortschritt hinterlässt, hält auch Dvorak für überflüssig: „Wenn man das macht, dann sollte man es auch richtig machen. Ich werde mit den Ärzten des DFB sprechen“, sagte Dvorak und fügte hinzu: „Optimal wäre es, wenn vor der Beginn der Saison alle Spieler der Bundesliga getestet würden. Dann hätte man eine Basis, könnte weitere Kontrollen in der Saison folgen lassen und die Ergebnisse vergleichen.“

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